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Renault Twizy im Test

Ein Elektroauto macht Ernst

Renault Twizy im Test Foto: Hans-Dieter Seufert 27 Bilder

Mit dem Renault Twizy will Renault den Innenstadtverkehr revolutionieren. Bis zu 100 Kilometer weit soll es zwei Menschen emissionsfrei transportieren und sich an jeder Haushaltssteckdose laben können. Ein ideales Vehikel – oder eines nur für Individualisten?

25.07.2012 Jörn Thomas

Renault Twizy – unter einer halben Tonne Gewicht, Heckmotor, Hinterradantrieb, Rohrrahmen, Flügeltüren, Aluminium-Radaufhängungen, servofreie, direkte Lenkung, kein ESP, kein ABS: Da fingern Lizenzträger und andere Benzinköpfe in Erwartung eines heißen Pistentänzchens schon nach Helm und Rennoverall. Bis das Thema Leistung kommt: 18 PS – und dann noch aus einem Asynchron-Elektromotor. Da ist der Racing-Interruptus schon passiert, sind die spontan zur Verfügung stehenden 57 Newtonmeter Drehmoment auch kein Trost mehr.

Doch die Freude am Renault Twizy misst man nicht in Rundenzeiten, sondern in Lächeln pro Minute. Wussten Sie, dass man dafür nur zwei Muskeln braucht? Wenn Twizy durch urbane Zentren – den propagierten Lebensraum des kleinen Stromers – kreuzt, sind die jedenfalls im Dauereinsatz. Alle staunen, fast jeder freut sich. Wobei nicht ganz klar wird, ob über den Typen, der sich so ein Unikum zulegt, oder über das Unikum selbst. Mancher fragt durch die halboffenen Türen nonchalant nach dem Preis, um bei der Antwort – 7.690 Euro – zu verstummen. Bis man „die Batterie kostet nochmal rund 60 Euro im Monat extra“ und „die Luxusversion kostet 8.490“ hinterherschickt, ist die Ampel meist schon wieder grün.

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Renault Twizy im Test Alles Twizy
auto motor und sport 11/2012
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Renault Twizy mit Straßenbahnsound

Gelegenheit zu einem seltsamen Déjà-vu bei der nun folgenden Ampelbeschleunigung. So viel Straßenbahnsound gibt es sonst nur in der Straßenbahn. Das Fahrgeräusch des Renault Twizy gleicht dem der großen, schienengebundenen Elektro-Geschwister bis aufs Hertz. Sowohl beim Beschleunigen als auch beim Rekuperieren – im Generatormodus sirrt der Motor einen Tick heller. Fehlt nur noch das „tsch“ der pneumatischen Türen, und die Illusion wäre perfekt.

Luftgetriebene Türen hat Renault Twizy nicht, aber luftige. Sie kosten 590 Euro extra, sind halbhoch, reichen im Stehen nur bis zur Hüfte, sind im unteren Teil transparent und ein schönes Beispiel für die Macht der Gewohnheit. Denn obwohl der mittig sitzende Pilot zu beiden Seiten aussteigen könnte, orientiert er sich in der Regel nach links.

Auch sonst bietet Twizy allerhand Gelegenheiten, in sich zu gehen. Der Halbtonner fährt leise und erreicht etwa die Beschleunigung einer Straßenbahn: null auf 60 in 8,1 Sekunden. Stress ist anders, zumal bei jedem Stopp nach zugiger Fahrt ein kontemplatives Schweigen herrscht, was der Verbrennermobilität ganz nebenbei noch den Spiegel vorhält. Der Renault Twizy summt nämlich lokal emissionsfrei. Je nach Einsatzart kommt er zwischen 50 und nach ECE 15-Norm 100 Kilometer weit. Auf der auto motor und sport-Elektro-Normrunde reichen die 6,1 kWh brutto des luftgekühlten Lithium-Ionen-Akkus für 83 Kilometer. Das ergibt einen Verbrauch von 8,4 kWh/100 km, nach EU-Strommix entspricht das einer CO2-Emission von 40g/km.

Aufladen an 230-Volt-Haushaltssteckdosen

Das 98-Kilogramm-Akkupaket unter der Fahrersitzmulde besteht aus sieben Modulen und jeweils sechs Zellen mit einer Gesamtspannung von 60 Volt. Nähert sich der Batterieinhalt dem Ende, warnt der Renault Twizy optisch und akustisch, bevor er automatisch seine Leistung reduziert.

Aufladen klappt an jeder ausreichend abgesicherten 230-Volt-Haushaltssteckdose. Wer schon mal einen Staubsauger benutzt hat, kommt mit dem drei Meter langen Spiralkabel auf Anhieb zurecht. In dreieinhalb Stunden soll der Renault Twizy komplett vollladen, in der Praxis sind es allerdings fünfeinhalb.

Und schon geht es wieder los – die 13-Zoll-Reifen rubbeln lassen. Genau, rubbeln, denn nichts fürchten Renault-Leute mehr als den Umsturz. Deshalb ist das Fahrwerk des 2,34 Meter langen, aber nur 1,23 Meter breiten und 1,45 Meter hohen Renault Twizy wankstoppend hart abgestimmt. Zudem drehen sich vorn mit 125/80 R 13 schmalere Pneus als hinten (145/80 R 13). Wer mit Gefühl und passendem Tempo in die Kurve sticht, erntet so etwas wie sanfte und dennoch ungefilterte Fahrdynamik – geringes Gewicht und servofreie, direkte Lenkung lassen grüßen. Forciertes Tempo quittieren die Vorderräder mit forciertem Rubbeln, einer intensiven Form des Untersteuer-Rutschens. Nicht gefährlich, aber respektfördernd, schließlich steht keine Sicherheitselektronik parat. Auch beim Bremsen nicht, wo Twizy ABS-frei mit seinen vier Scheiben mit etwa 9,7 m/s2 verzögert. Aus 80 km/h steht er nach 25 Metern – problemlos.

Autobahnfahrt mit dem Renault Twizy erfordert Mut

Weniger nervenschonend verlaufen Autobahntörns, bei denen die unterhalb des Lkw-Tempos liegende Höchstgeschwindigkeit sowohl Lang- als auch viel Mut erfordert. Fahrerairbag und Stahlrohrrahmen sind ein schwacher Trost – speziell bei einem Seitenaufprall. Heizung? Keine. Ablagen? Zwei kleine Fächer auf dem Armaturenbrett, eines davon abschließbar, sowie ein schwer zugängliches Fach hinter dem Rücksitzpolster mit 31 Liter Volumen. In Kombination mit den atmungspassiven Kunststoffsitzen und dem ambitionierten Kaufpreis plus gesondertem Batterieleasing limitiert das die Sterneausbeute des kleinen Revolutionärs.

Interessant: Versicherungstechnisch gilt der Renault Twizy nicht als Auto, sondern als Quad.

Vor- und Nachteile

  • Einfache Handhabung
  • Platz für zwei
  • leises Fahrgeräusch
  • geringer Verbrauch
  • ausreichende Fahrleistungen
  • ausgeprägte Wendigkeit
  • agiles und sicheres Handling
  • pflegeleichtes Interieur
  • in der Stadt genügend Reichweite
  • kurze Ladezeit
  • Relativ hoher Anschaffungspreis plus Kosten für Batterieleasing
  • harte Federung
  • mäßiger Wetterschutz
  • keine Heizung
  • unpraktischer Kofferraum
  • unbequeme Sitze
  • mäßige passive Sicherheit
  • weder ABS noch ESP verfügbar
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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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