Volvo S40 1.8 16V im Test: Überzeugt die Mittelklasse-Limousine?

Unter der Hülle des neuen Volvo S 40 steckt die Bodengruppe des Mitsubishi Carisma. Die schwedische Mittelklasse-Limousine muss nun zeigen, ob sie trotz japanischer Verwandtschaft die eigene Firmentradition überzeugend fortsetzen kann.

Mit seinem runden Design eckt der S 40 zunächst einmal an. Statt auf die Schuhkartonform von 850 und 960 setzt Volvo neuerdings auf kurvenreiches Styling, das nicht mehr die von Stammkunden geschätzte Individualität, sondern vielmehr Konformität ausdrückt – Folge eines neuen Zeitgeistes, mit dem der schwedische Hersteller weitere Käuferkreise erschließen möchte, möglichst ohne die alte Klientel zu verlieren. Auf den ersten Blick weist die neue Volvo-Mittelklasse keine Ähnlichkeiten zum Pendant Mitsubishi Carisma auf. Doch selbst der traditionelle Kühlergrill vertuscht nicht, daß der Einfluß des japanischen Elternteils über den schwedischen dominiert.

Vom stilistischen Einerlei anderer Autohersteller kann sich der bisherige Querdenker Volvo mit dem S 40 jedenfalls nicht absetzen. Mit dem grenzübergreifenden Joint-venture namens Ned- Car, das im holländischen Born seinen Sitz und die Produktionsstätte für Carisma und S 40 gefunden hat, schafft Volvo jedoch eine kostengünstige Möglichkeit, die Lücke zwischen der kompakten 400-Reihe und dem BMW Fünfer-Konkurrenten 850 zu schließen. Eine Länge von 4,48 Meter und eine Breite von 1,72 Meter weisen das jüngste Familienmitglied als Opel Vectra- und Ford Mondeo-Rivalen aus.

In der Mittelklasse wird oft der Mittelweg gewählt, und so reiht sich der S 40 nicht nur unter optischen Gesichtspunkten in die große Masse ein. Dem Klassendurchschnitt entspricht auch das Raumangebot: ausreichend, aber nicht üppig. Ein VW Passat bietet mehr Platz, im Fond eines BMW Dreiers geht es enger zu. Zu knapp bemessen sind beim S 40 die Fußfreiheit und die hinteren Türausschnitte, wodurch sich der Einstieg für die Passagiere wenig komfortabel gestaltet. Zusätzliches Manko: Die Türen schwingen nicht weit genug auf. 471 Liter Kofferraumvolumen, die durch Umklappen der Rücksitzbank auf 853 Liter gesteigert werden können, reichen aus, um das Gepäck einer Familie zu befördern. Für größere und sperrige Gegenstände muß man nach einem anderen Transportmittel suchen, weil der Kofferraumausschnitt des S 40 etwas zu klein geraten ist.

Funktionalität zählt zu den Volvo-Stärken, die auch der S 40 geerbt hat. Kleine Ablagen in den Türen helfen ebenso, Ordnung im Auto zu halten, wie das trotz Beifahrer-Airbag riesige und gut nutzbare Handschuhfach. Im Gepäckabteil verhindern ein Netz und ein separates Fach, daß Taschen oder Kartons während der Fahrt umkippen oder herumrollen. Ein besonderes Lob verdienen die übersichtlich angeordneten Instrumente und Bedienelemente.

Der Lichtschalter, links vom Lenkrad im Armaturenbrett, ist ebenso auf Anhieb zu finden und zu bedienen wie die Heizregler in der Mittelkonsole, die sogar die Möglichkeit bieten, der Warmluft frische Luft von außen beizumischen. Minuspunkte kassiert der S 40 im Karosseriekapitel wegen des unbefriedigenden Qualitätseindrucks. Von der volvotypischen Solidität, die den Charakter der Marke über viele Jahre geprägt hat, ist beim S 40 wenig zu spüren.

Schalter und Knöpfe fühlen sich billig an und zeugen nicht von jener Langlebigkeit, die zum Beispiel den 850 auszeichnet. Wer die Schwächen des S 40 aufzählt, kommt um die Erwähnung des Komforts nicht herum. Daß die Sitze vorne und hinten nicht sonderlich gut konturiert sind und mit ihren Plastikbezügen die Passagiere im Sommer zu Schweißausbrüchen treiben, ist das erste Ärgernis. Das zweite ist der dürftige Federungskomfort. Besonders auf Querfugen neigt der S 40 zu starkem Stuckern, so daß nicht nur die Karosserie, sondern auch die Insassen in unangenehme Vertikalbewegungen versetzt werden. Kaum besser weiß das Fahrwerk lange Bodenwellen zu absorbieren. Das laute Triebwerkbrummen ab 4000/min unterstreicht zusätzlich den unbefriedigenden Komfort-Eindruck beim S 40. Der Vierzylinder, ein neuer Ableger der Volvo-Fünfzylinder, erscheint mit 1,8 Liter Hubraum und 115 PS bei 5500/min stark genug, um das fast 1290 Kilogramm schwere Auto in Bewegung zu setzen.

Fahrspaß vermag er aber schon deshalb nicht zu erwecken, weil der fünfte Gang zu lang übersetzt ist. Der Fahrer muß sehr oft schalten – kein Vergnügen angesichts der langen Wege in den Gassen der Getriebebox. Obwohl das Triebwerk neu entwickelt wurde, kann es auch im Hinblick auf den Verbrauch keinen Maßstab setzen. Durchschnittlich neuneinhalb Liter auf 100 Kilometer sind zuviel, wenn man bedenkt, daß der Opel Vectra mit gleich starkem Motor mit rund acht Litern etwa eineinhalb Liter Benzin weniger benötigt.

Seiner Rolle als Familienauto wird der S 40 mit gutmütigen Fahreigenschaften gerecht, die auch ungeübte Fahrer nie in Verlegenheit bringen. In schnell durchfahrenen Kurven darf man sich selbst bei plötzlichen Lastwechseln sicher fühlen, weil keine bösartigen Reaktionen folgen. Der Eindruck guter Handlichkeit wäre allerdings noch stärker, wenn die Lenkung um die Mittellage exakter arbeiten würde. Verbessern läßt sich auch das Niveau der Bremse (innenbelüftete Scheiben vorne, Scheiben hinten), die auf hohe Belastung mit deutlichem Fading reagiert und statt mit 9,6 m/s2 (Kaltzustand) dann nur noch mit 8,1 m/s2 verzögert. Ansonsten schreibt Volvo auch bei seinem jüngsten Sproß das Kapitel Sicherheit groß.

Als erstes Modell in diesem Segment verfügt der S 40 zusammen mit der Kombiversion V 40 über serienmäßige Seitenairbags. ABS, Fahrer-Airbag und auf Wunsch Beifahrer-Airbag (ohne Aufpreis) zählen genauso zur Ausstattung wie Kopfstützen und Automatikgurte auf allen fünf Sitzplätzen, elektrisch einstellbare Außenspiegel, Colorverglasung, höhenverstellbarer Fahrersitz und Servolenkung – angesichts des Grundpreises von 36 300 Mark ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Für 490 Mark Aufpreis offeriert Volvo außerdem zwei integrierte Kindersitze – ein vorbildliches Angebot für Eltern, die ihren Nachwuchs im Fond gut geschützt unterbringen wollen.

Weitere Sicherheit schaffen die sogenannten Sidemarkers, zwei seitliche Positionsleuchten, die aufleuchten, sobald die Zündung eingeschaltet ist, und das Auto bei schlechtem Licht besser sichtbar machen. Doch nur in dieser Hinsicht hat der S 40 in seinem Segment zur Zeit die Nase vorn – ein Vorsprung übrigens, der bald eingeholt werden dürfte, denn Konkurrenten wie Opel arbeiten auch schon an der Einführung von Sidebags und integrierten Kindersitzen.

Schwieriger dürfte es sein, den Rückstand hinsichtlich Komfort, Qualität und Verbrauch aufzuarbeiten. Denn nur dann hat der S 40 eine Chance.

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Birgit Priemer

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