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Volvo V70 Cross Country im Test

Dreck-Schatz

Mit erhöhter Bodenfreiheit, Allradantrieb und 193 PS ist der Volvo V70 Cross Country ein Kombi fürs Feine wie fürs Grobe.

18.07.2000

Hochbeinig und etwas unbeholfen wirkend kommt er daher, der sonst so modische Volvo V70 – wie ein feiner Großstadt-Pinkel, der sich aufs Land verirrt hat: die Hosenbeine des guten Anzugs bis über die Waden hochgekrempelt, um mal eben unbeschadet einen verschlammten Feldweg überqueren zu können.

Eine um fünf Zentimeter angehobene Karosserie mit 2,5 Zentimeter mehr Bodenfreiheit darunter läßt sich nicht so einfach verbergen, und so macht dieser Volvo-Kombi schon bei der ersten Annäherung deutlich, daß zwei Seelen in seiner Brust wohnen. Von Haus aus ist der Cross Country, was man frei mit Landstreicher übersetzen könnte, jener ebenso praktische wie schicke Station Wagon, mit dem Volvo dem Kombitrend in Deutschland neue Impulse verliehen hat. Schließlich liegt der Kombianteil an der 70er Serie hierzulande bei 90 Prozent. Sein zweites Gesicht trägt der V70 XC nicht nur mit seinem hochgeschobenen Blechkleid zur Schau, sondern auch mit einem neu gestylten Kühlergrill, zusätzlichen Lufteinlässen im Frontspoiler, integrierten Nebelscheinwerfern mit neuartigen Linsen und Stoßfängern mit dickem Kunststoffschutz.

Dazu kommen 16 Zoll-Leichtmetallräder, modifizierte Zier- und Schwellerleisten sowie eine Dachreling mit Querträgern. Der Cross Country ist ein nicht nur der Höhe wegen überragendes Auto. Auch der Preis ist hoch, wenngleich verglichen mit den vierradgetriebenen Edel-Kombis von Audi (A6) und Mercedes (E-Klasse) nicht überzogen: 70 400 Mark, das sind gegenüber dem gleich motorisierten V70 AWD 2.5 Turbo 3000 Mark mehr. Im Innenraum beschränkt sich der dafür gebotene Mehrwert auf eine rustikalere Lederpolsterung, ein Lederlenkrad sowie zusätzliche Taschen in den Sitzlehnen.

Im Laderaum befinden sich seitliche Haltenetze, schmutzabweisende Kokosmatten sowie eine faltbare Stoßfängerabdeckung als praktischer Schrammschutz beim Be- und Entladen. Dem Ruf der Wildnis kann man allerdings im Gegensatz zu einem waschechten Offroader mit diesem Halbblut nur bedingt folgen, zumal das Fünfganggetriebe keine zusätzliche Reduktion fürs Gelände aufweist und das Allradantriebssystem mit Viscokupplung ohne zentrale Differentialsperre auskommen muß.

Als zusätzliche Anfahrhilfe gibt es lediglich ein automatisches Sperrdifferential an der Hinterachse und eine unterhalb von 40 km/h wirksame Antriebsschlupfregelung für die Vorderräder. Aber man kann sich mit dem Cross Country durchaus in leichtes Gelände wagen: etwa einen ausgewaschenen Feldweg zu einem Ferienhaus befahren, einen Boots-, Wohnoder Pferdeanhänger (1600 Kilogramm Anhängelast) aus einer feuchten Wiese ziehen oder verschneite Steigungen erklimmen, bevor der erste Schneepflug fährt. Für solche Ausnahmesituationen ist dieser Volvo ein prima Begleiter. Man muß so ein Auto aber auch danach beurteilen, wie es sich auf ganz normalen Straßen verhält. Und da ist der Cross Country gemessen an seinem Preis und Nobel-Anspruch nur eine halbe Portion.

Nachteil Nummer eins: Bei trockener Fahrbahn verspannt sich der gesamte Antriebsstrang dermaßen, daß sich der Volvo in engen Kurven oder beim Rangieren wie mit halb gezogener Handbremse fährt. Das mindert ebenso die Handlichkeit wie der mit zwölf Metern für ein Auto dieses Formats (4,72 Meter Länge) viel zu große Wendekreis. Zweiter Nachteil: Federungs- und Abrollkomfort sind so rustikal, daß man schon hart im Nehmen sein muß, um daran Gefallen zu finden. Handikap Nummer drei: Der 2,5 Liter- Fünfzylindermotor mit Vierventiltechnik und Turboaufladung liefert auf dem Datenblatt beeindruckende Werte (193 PS sowie ein maximales Drehmoment von 270 Nm ab 1800/min), entpuppt sich in der Praxis jedoch als Papiertiger.

Zwar gibt es an den Fahrleistungen (Beschleunigung von null auf 100 km/h in 7,9 Sekunden, 215 km/h Höchstgeschwindigkeit) und der Laufkultur nichts auszusetzen, aber die Leistungscharakteristik des aufgeladenen Fünfzylinders ist nicht dazu angetan, Berge zu versetzen. Im unteren Drehzahlbereich tut sich beim Gasgeben nämlich lange nichts; erst wenn die Nadel des Drehzahlmessers die 3000/min-Markierung überwunden hat, tritt der 1715 Kilogramm schwere Kombi kraftvoll an.

Dabei führt das Ausreizen der Leistungsreserven turbotypisch zu exzessivem Benzinverbrauch von über 16 Litern pro 100 Kilometer. Unter der Zehnlitergrenze zu bleiben erfordert schon einen sehr zurückhaltenden Gasfuß. Und daß die Maschine noch nicht die strenge D3-Abgasnorm erfüllt, ist ebenfalls ein Minuspunkt und paßt so gar nicht zu dem Öko-Image, mit dem sich der schwedische Hersteller gerne schmückt. Auch den Volvo-Ruf, besonders sichere Autos zu bauen, kann der Cross Country nicht voll bestätigen. Zwar liegt die serienmäßige Sicherheitsausstattung mit zwei Front- sowie zusätzlichen Seitenairbags in den Sitzen auf hohem Niveau, aber die Bremsen gehen bei Belastung schnell in die Knie. In kaltem Zustand und ohne Beladung verzögert die Bremsanlage den Cross Country erstklassig: aus Tempo 100 innerhalb von 38,6 Metern.

Doch schon bei voller Beladung (405 Kilogramm) nimmt der Bremsweg um mehr als drei Meter zu. Nach der zehnten Vollbremsung verlängert sich der Weg gar auf 47,2 Meter – kein Ruhmesblatt für einen Volvo. Das Interesse am Allwege- Kombi scheint dadurch allerdings kaum gebremst zu werden. Im Gegenteil: Volvo Deutschland hat das anfangs für 1998 geplante Kontingent von 500 bis 600 Einheiten wegen des regen Zuspruchs auf 1000 verdoppelt. 40 Prozent der Käufer sind Umsteiger innerhalb der Marke (vor allem ehemalige 850-Besitzer), 60 Prozent werden von Fremdfabrikaten erobert: Die meisten wandern von Audi (A6 und 100 Quattro, jeweils als Avant) und Chrysler (Jeep und Voyager) ab. Ein Drittel der Cross Country- Produktion geht in die USA, wo der Subaru Legacy Outback den Boden für den kleinen, aber feinen Markt der sogenannten Sport Utility Wagons (SUW) bereitet hat. Ende 1999 will Audi mit dem A6 Avant Allroad Quattro verlorenes Terrain wieder gutmachen, und auch BMW hat angekündigt, mit einem Sport Utility Wagon auf Fünfer-Basis unter die Staubritter zu gehen. Mal sehen, wer aus diesem Wettbewerb als Schmutznießer hervorgeht.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • großzügiges Raumangebotv
  • ariabler Gepäckraum
  • umfangreiche Ausstattung
  • gute Verarbeitung
  • gute Übersichtlichkeit
  • serienmäßig Niveauregulierung
Fahrkomfort
  • bequeme Sitze
  • wirksame Heizung und Lüftung durch serienmäßige Klimaanlage
  • leiser Motor
  • eingeschränkter Federungskomfort
  • speziell auf Querfugen
  • lautes Abrollgeräusch
Antrieb
  • gute Fahrleistungen
  • gut gestuftes Fünfganggetriebe
  • unharmonische Leistungscharakteristik
  • hoher Benzinverbrauch
Fahreigenschaften
  • gute Traktion durch Allradantrieb
  • sicheres Kurvenverhalten
  • Verspannungen im Antriebsstrang
  • auf trockener Fahrbahn eingeschränkte Handlichkeit
  • großer Wendekreis
Sicherheit
  • 4 Airbags
  • Dreipunktgurte auf allen fünf Plätzen
  • Gurtstraffer vorn
  • integrierter Kindersitz lieferbar
  • fadingempfindliche Bremsen
Umwelt
  • hoher Benzinverbrauch
  • Motor erfüllt nicht D3-Abgasnorm
Kosten
  • 8 Jahre Garantie gegen Durchrostung
  • hohe Unterhaltskosten
  • nur 1 Jahr Garantie auf Mechanik

Fazit

Der Volvo V70 Cross Country ist ein guter Kompromiss für Leute, die für Beruf oder Freizeit einen eleganten Kombi brauchen, der auch abseits befestigter Wege eine gute Figur macht. Der Fahrkomfort und die Bremsen erfordern Zugeständnisse.

Technische Daten
Volvo V70 Cross Country
Grundpreis35.900 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4734 x 1761 x 1590 mm
KofferraumvolumenVDA480 bis 1610 L
Hubraum / Motor2435 cm³ / 5-Zylinder
Leistung142 kW / 193 PS (270 Nm)
Höchstgeschwindigkeit215 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h8,7 s
Verbrauch10,2 L/100 km
Testverbrauch12,7 L/100 km
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