VW Sharan 1.4 TSI im Test: Familien-Van im neuen Format

VW Sharan

15 Jahre hat sich VW für den neuen Sharan Zeit gelassen. Der soll mit viel Platz und flexiblen Sitzen die Konkurrenz alt aussehen lassen. Ob ihm das gelingt, zeigt der Test der 150 PS starken 1.4 TSI-Variante.

Ein paar VW-Mitarbeiter haben den Sharan-Modellwechsel offenbar noch nicht so ganz verkraftet. Warum hätten sie sonst die Preisliste des Vorgängers zu den Testwagenpapieren gelegt? Irgendwie aber auch nachvollziehbar, immerhin reifte der Sharan seit 1995 zum Fels in der Modellwechsel-Brandung, der vier Golf-Generationen und drei Kanzler erlebt hat. Wie dringend ein Nachfolger her muss, beweist jedoch Ex-Partner Ford, dessen Neuauflagen von Galaxy und S-Max inzwischen den Markt der XL-Vans in Europa abräumen. 

VW Sharan mit Schiebetüren und bis zu sieben Einzelsesseln

Um dies zu ändern, hat VW beim Sharan keinen Stein auf dem anderen gelassen. Stattliche 22 Zentimeter ist der Sharan in der Länge gewachsen, lässt genug Abstand zu Kompaktbruder VW Touran und rückt dafür dem VW Multivan bis auf eine Handbreit auf den Pelz. Vom VW-Bus übernimmt der VW Sharan die beiden Schiebetüren, die Fondpassagieren im Test selbst in engen Parklücken bequemen Zustieg ermöglichen. Gegen 715 Euro Aufpreis surren die Pforten sogar elektrisch auf und zu. Ein Druck auf die Schlüsselfernbedienung genügt.

Im Interieur des VW Sharan empfängt ein neu entwickeltes Sitzsystem aus bis zu sieben Einzelsesseln, die bei Platzbedarf nicht wie bisher mühsam ausgebaut und in die Garage gewuchtet werden müssen. Wer mehr Laderaum benötigt, betätigt einfach einen griffigen Hebel, und schon verschwindet die Fond-Bestuhlung im Wagenboden. Wird auch noch der Beifahrersitz flachgelegt, laden Möbeleinkäufer oder Extremsportler bis zu 2.430 Liter Transportgut.

In der dritten Sitzreihe sitzen auch Erwachsene bequem

Doch die Sessel können weit mehr als nur Platz machen: Mit ihrer körpergerechten Form, bequemer Polsterung, weiter Längsverstellung sowie justierbarer Lehnenneigung dürfen sich Mitfahrer des VW Sharan wie in der Business-Class fühlen. Dies gilt mit Einschränkungen sogar für Reihe drei, die in vielen anderen Vans nur Alibi-Charakter hat. Im VW Sharan wähnen sich Erwachsene bis 1,80 Meter Größe hingegen nicht strafversetzt und freuen sich ebenfalls über verstellbare Lehnen und einen luftigen Einstieg.

Dass die Sharan-Entwickler auch an scheinbar Nebensächliches gedacht haben, verraten Ablagen und Getränkehalter selbst für ganz hinten. Wer sich im gesamten Interieur des VW Sharan auf die Suche macht, entdeckt je nach Ausstattung bis zu 33 Staufächer. Vom Brillendepot im Dachhimmel über Halter für vier 1,5-Liter-Flaschen in den Türen bis zu Extra-Verstecken im Boden lässt es sich an allen Ecken und Enden aufklappen, schwenken und wegstecken. Ansonsten hält das Sharan-Cockpit im Test wenig Überraschungen bereit, schon gar keine unangenehmen: Bei Materialgüte, Ergonomie und Bedienung knüpft VW nahtlos an das hohe Niveau von Golf & Co an. Daher Startknopf drücken, und los gehts.

Testverbrauch liegt bei rund zehn Liter/100 Kilometer

Waren beim Erscheinen des Ur-VW Sharan 1,4-Liter-Aggregate noch für Kleinwagen reserviert, sorgen Hubraum-Zwerge heute selbst in stattlichen Autos für quirliges Temperament - Doppel-Aufladung sei Dank. So bläst ein Kompressor schon bei 1.000/min seinen absoluten Ladedruck von 1,8 bar in die Brennräume, um bei mittleren Drehzahlen an einen nachgeschalteten Turbo zu übergeben. Ist die kleine Anfahrschwäche überwunden, zieht der 150 PS starke Direkteinspritzer im Test derart leichtfüßig durch, dass selbst auf der Autobahn selten der Wunsch nach mehr Leistung aufkommt. Angesichts der enormen Transportkapazität des VW Sharan geht auch der Testverbrauch in Höhe von zehn Liter/100 Kilometer in Ordnung. Mit etwas leichterem Gasfuß sind problemlos Acht-Komma-Verbräuche drin. Und wer sich anstrengt, kommt sogar mit knapp über sieben Liter hin - auch, weil das serienmäßige Start-Stopp-System in der Stadt unnötigen Konsum unterbindet.

VW Sharan begeistert mit hohem Komfort und gefühlvoller Lenkung

Darüber hinaus begeistert der Vierzylinder mit samtigem Lauf und seiner Flüster-Stimme. Bei Tempo 140 dringen nur dezente Geräusche an die Ohren der Passagiere - 67 dB(A) sind sogar weniger als bei V8-Luxuslimousinen à la Audi A8 4.2 FSI oder Mercedes S 500. Den erhabenen Komfort des VW Sharan komplettiert ein Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern (1.055 Euro), die im Test selbst heftige Querfugen oder ruppigste Kopfsteinpflaster wegbügeln. Auf der anderen Seite verhindert die DCC-Regelung unangenehmes Wanken in schnellen Kurven. Obwohl der VW Sharan mit seinem hohen Schwerpunkt kein Slalomkönig sein möchte, lenkt er zackig ein, bleibt lange neutral und lässt sich über seine gefühlvolle Lenkung problemlos beherrschen.

VW bietet einen Parklenkassistent neuester Generation

In der Stadt und beim Rangieren gehen allerdings dicke Dachpfosten und eine steil abfallende Motorhaube zu Lasten der Übersichtlichkeit. Parkpiepser vorn und hinten (545 Euro) sind daher im Sharan Pflicht. Wer sich erst an die Abmessungen des Raumgleiters herantasten möchte, legt jedoch am besten nochmals 295 Euro drauf. Dafür bietet VW einen Parklenkassistent neuester Generation, der auch Lücken quer zur Fahrtrichtung beim Vorbeifahren aufspürt und selbstständig ansteuert. Der Fahrer übernimmt nur noch Gas und Bremse, den Rest macht die Automatik - und zwar erstaunlich gut: So kurbelt sich der Sharan im Test in Parkplätze, die nur 80 Zentimeter länger sind als er selbst. Da müssen geübte Van-Piloten schon konzentriert zielen. Beim halbautomatischen Ausparken reichen sogar 50 Zentimeter Puffer.

Nachlassende Bremsleistung kostet Bestnoten

Von derlei Annehmlichkeiten wusste die Preisliste des Vorgängers noch nichts zu berichten. Dafür deckt sie auf, dass ein ebenfalls 150 PS starkes Exemplar am Ende seiner Karriere über 2.000 Euro teurer war als der in allen Belangen überlegene Nachfolger. Vielleicht wurde sie ja doch nicht versehentlich drapiert? Wie dem auch sei: Mit seinem praktischen Innenraum-Konzept, dem oberklassigen Komfort und dem tollen Antrieb hätte sich der Maxi-VW Bestnoten im Test mehr als verdient. Wenn da nicht die Bremsen wären, die im Test bei extremer Beanspruchung nachlassen. Die kosten den Sharan den fünften Stern.

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Kommentare
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Dirk Gulde

Autor:

auto motor und sport, Heft 19 / 2010

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