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40 Jahre Mercedes W123

Geburtstagsausfahrt mit dem 200 D

Mercedes 200 D, W123, Oberschwaben, Impression Foto: Hardy Mutschler 18 Bilder

Jaja, liebe Erdkundelehrer, das ist Lindau in Bayern. Aber wir sind durch Oberschwaben hergefahren, im Mercedes 200 D. Der startete vor 40 Jahren – also nicht nach Lindau, sondern in Serie. Er war der erste letzte echte Mercedes. Und der schwäbischste.

19.03.2016 Sebastian Renz Powered by

Der Morgendunst wabert durch die Wälder. Mitunter purzeln kleine Weiler aus dem Nebel. Sie heißen Boms-Hundsrücken, Ochsenhausen oder Oberrussenried. Mal gibt es da eine Bäckerei und mal nur einen Briefkasten, aber immer einen rüstigen Herrn, der am Straßenrand Blätter zusammenfegt, als sei es ein Sport – ein Kampfsport. Dann vernebelt seine Gestalt wieder in der Reflexion des einzelnen Außenspiegels. Es folgen lange, etwas ziellos in die viele Gegend geworfene Geraden.

Wir sind hier, um den 40. Geburtstag des Mercedes W123, 200 D bis 280 E, zu feiern. Klar, da hätten wir auch mit unnützem enzyklopädischen Wissen beginnen können, das Fans der Baureihe so schätzen: Zuganlasser für den 200 D bis 1/79, Silberdistel erst ab 9/79, Breitbandscheinwerfer für alles unterhalb des 280 ab 9/82. Vor allem aber wird der Einszweidrei als erstes Modell zum letzten echten Mercedes erhoben. Damals, als der W124 kommt, gegen den Taxifahrer protestieren. Dessen Markteinführung, wir erinnern uns alle, war im Januar 1985, aber 123er-Coupé und -Kombi liefen länger, der letzte 123 war ein T-Modell in 1/1986. Da gab es, wie Sie wissen, schon die neue Lackpalette, die bekanntlich zur IAA im September 1985 eingeführt wurde, Silberdistel war noch bis 8/1986 drauf.

Mercedes 200 D: Der wohl schwäbischste W123

Könnten wir bitte fortfahren? Ja, gern. Dafür haben wir den schwäbischsten aller 123 geliehen, einen 200 D (in Sonderlackierung 875 Mangogrün für 282,50 DM, wie alles aus der Preisliste "Personenwagen und Sonderausstattungen" Ausgabe Nr. 35, gültig ab 26.7.1982). Wir drehen den Zündschlüssel, starten damit die Schnellglühanlage. Während sie gar so schnell nicht vorglüht, bleibt Zeit, zu erwähnen, dass es die Hochleistungsversion des OM 615.940 ist (ab 2/79). Sie nagelt mit um 15 Prozent verlängertem Nockenhub und mechanischer Einspritzpumpenregelung statt 55 nun 60 PS zusammen. Standfestere Materialien an Schlepphebeln und Nockenwellen helfen dem Vorkammerdiesel, diese Eskalation zu überdauern. Im Fall unseres 200 D seit 34 Jahren und 295.450 km.

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Mercedes 200 D W123 Ausfahrt zum 40. Geburtstag
auto motor und sport 06/2016
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Mercedes 200 D, W123, Oberschwaben, ImpressionFoto: Hardy Mutschler
Die Rastlosigkeit der Gegenwart zurücklassen. Das gelingt nie schneller als im langsamen 200 D.

Nun selbstzündet der Motor, speit eine Rußwolke aus und verfällt in den gurgeligen Leerlauf. Ersten Gang hineinknorpeln, Kupplung kommt, und langsam, ganz langsam drücken sich die Hinterräder voran – ein Aufbruch so sanft, dass du hinter dem großen Lenkrad erst nicht weißt, ob der 123 losfährt oder jemand vorsichtig die Straße unter ihm wegzieht. Man muss keine ernste, protestantische, schwäbische Kindheit erlebt haben, doch es hilft, die Bedeutung des 200 D zu verstehen. Und zu erahnen, dass schon die sachte stilistische Revoluzzerei des Strich-Achters (zum Mitsprechen: W114/115, 6/1967–12/1976) genügt, um den konservativen Süden zu verschrecken.

Gebaut um Jahrzehnte zu überdauern

Der W123 dagegen pflegt die Konvention, repräsentiert die Bürgerlichkeit und den Erfolg eines geordneten, schaffensreichen Lebens. Zwar beginnt die Palette beim 200 Benziner. Aber der 553,70 Mark teurere Diesel ist eine wirtschaftliche Investition in die Zukunft. Die dauert mit einem 200 D gern länger – wie jede Fahrt. Mittlerweile strebt der D auf der Autobahn der Alb entgegen. Gemächlich streift die Nadel die Tachoskala empor, die bei 160 km/h ihren Endpunkt erreicht. Aber wer heute im 200 D nicht mehr als die Langsamkeit entdeckt, verkennt ihn. Er ist ein Auto, das keinem Trend folgt, sondern der Vernunft. Das nicht gebaut wurde, um Jahre, sondern Jahrzehnte zu überdauern. Das deshalb niemals modisch ist, aber lange modern – bis heute gar, weil der 200 D nicht das technisch Machbare, sondern das langfristig Sinnvolle darstellt.

Berge im Allgemeinen jedoch, der Albaufstieg im Besonderen, und der 200 D stehen sich mit traditioneller Unversöhnlichkeit gegenüber. Trotzig erklimmt der Mercedes das oberschwäbische Hochplateau. Wir sind nicht mehr gewohnt, wie so was ohne Turboschub geht, der OM 615 muss – und kann – drehen. Doch nicht so, dass sein Temperament dich je in den entsetzlich knautschigen orthopädischen Fahrersitz (Bestellcode 40/4, 100,74 DM) zu drücken vermag.

Mercedes 200 D lässt die Rastlosigkeit der Gegenwart hinter sich

Dann sind wir oben, in Oberschwaben, wo sich der Nebel nur zäh lichtet. Die Wischer, seit dem Strich-Acht per Multifunktionshebel zu aktivieren, ziehen den Nässeschleier von der Scheibe. Derweil gurgelt der Diesel südwärts, gemütlich gefedert, trotz Servolenkung (42/2, 819,25 DM) für Handling-Spleens unempfänglich und immer lieber mit Tempo 80 als 100 über Land auf kleinen Straßen, vorbei an Dörfern mit Zwiebelkirchtürmen, weiten Wiesen und kleinen Kapellen. Die Zeit, sie scheint hier stehen geblieben zu sein. Vor Längerem schon.

Wenn wir das Gute der alten Zeit beschwören, meinen wir doch die Beständigkeit, die wir da finden, wo wir uns früher am meisten wegwünschten. Die eigene Vergangenheit sei, schrieb der sehr kluge Nick Hornby, kein Ort, den du besuchen könnest. Aber du kannst ihr nahekommen. Etwa indem du die Rastlosigkeit der Gegenwart hinter dir lässt. Das gelingt mit kaum einem Auto schneller als mit dem langsamen 200 D.

Mercedes 200 D, W123, Oberschwaben, ImpressionFoto: Hardy Mutschler
Auf lange Sicht - und nur dafür kauft man einen 123er - lohnt der Vorkammer-Diesel des 200 D.

Pflichtbewusstsein ist das Versprechen des W123

Südlich der Donau reißt der Himmel auf. Wir öffnen das mechanische Schiebedach (41/1, 1017 DM), damit das schale Restaroma eines längst verblühten Vanille-Wunderbaums aus dem Wagen strömt. Die Herbstluft fegt hinein, trägt – wie eigentlich immer hier – eine Ahnung von Winter in sich. Wir fahren runter bis nach Lindau, wo ein kleiner Nebelhauch über dem See liegt. Später wird er wieder über die Wiesen und durch die Wälder ziehen.

Dann wird es früh dunkel werden, der W123 den kurvigen Albabstieg befunzeln und uns sicher nach Hause bringen – natürlich. Pflichtbewusstsein ist das Versprechen des 123. Und auch nach 34 Jahren und einer Laufleistung, die bald der Distanz zwischen Erde und Mond entspricht, hält es der lahme 200 D. Ein Auto, das ewig fährt, darf sich dafür auch mehr Zeit lassen.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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