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Alfa Romeo 6C 2300B Worblaufen

Auto Couture: Maßgeschneidertes Traum-Cabrio von 1938

Alfa Romeo 6C 2300B Worblaufen Foto: Michel Zumbrunn 19 Bilder

Die Schweizer Firma Carrosserie Worblaufen war berühmt für ihre Alfa Romeo-Kreationen wie das Cabriolet 6C 2300B von 1938. Motor Klassik ging der Frage nach, wie dieser Luxuswagen einst entstanden ist.

03.06.2009 Franz-Peter Hudek Powered by

Wahre Automobil-Gourmets benötigen nur einige klangvolle Namen, damit sich kaltes, glänzendes Blech vor ihrem geistigen Auge in verheißungsvolle Delikatessen verwandelt – Ghia, Frua, Pinin Farina, Zagato, Barker, Mulliner, Graber, Worblaufen und andere. Diese Namen stehen für hoch angesehene Manufakturen, die in geringen Mengen und als Einzelstücke attraktive Sonderkarosserien auf der Basis teurer Automobilmarken kreierten. Die Edelsten von ihnen treffen sich einmal im Jahr Ende April am Ufer des Comer Sees zum Concorso d’Eleganza Villa d’Este.

Namhafte Karosseriebauer in der Schweiz bis zum Zweiten Weltkrieg
 
Auch die Schweiz besaß bis zum Zweiten Weltkrieg und zum Teil darüber hinaus rund 40 namhafte Karosseriebauer für Personenwagen. Die bekanntesten Firmen waren Beutler, Gangloff, Graber, Ghia-Aigle, Langenthal und Worblaufen. Fritz Ramseier senior gründete 1929 zusammen mit seinen Söhnen Ernst, Fritz und Hans in Worblaufen bei Bern die Fritz Ramseier & Cie. Carrosserie Worblaufen. Der Betrieb mit bis zu 40 Beschäftigten erlangte hervorragenden Ruf und präsentierte bereits 1931 auf dem eigenen Stand des Genfer Automobilsalons die ersten beiden Fahrzeuge. Bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entstanden bei Worblaufen vor allem Cabrios auf Basis von Alfa Romeo, Bugatti, Buick, Bentley, Delahaye, Ford, Peugeot, Renault und einigen mehr.
 
Als Verkaufshit erwies sich das patentierte Cabrioverdeck, das sich dank integrierter Spiralfeder mit nur einer Hand bedienen ließ und sich sehr kompakt zusammenfaltete. Ein helles Verdeck desselben Baumusters besaß auch der schwarze Alfa Romeo 6C 2300B, dessen Entstehungsprozess wir anhand des Worblaufen-Firmenarchivs rekonstruieren wollen. Noch andere, damals ultramoderne, aerodynamisch ausgeformte Karosseriedetails kennzeichnen das Cabrio: schlanke, mit der Motorhaube verbundene Frontkotflügel, eine gegenüber der Serie verkleinerte Kühlermaske und ein Wagenheck mit integrierter Finne. Das 70 PS starke Sechszylinder-Cabriolet war auch der Star auf dem Genfer Automobilsalon von 1938 und gilt bis heute als eine der schönsten Worblaufen-Karosserien.
 
Effretikon bei Zürich, Lindenstraße 15. Urs Paul Ramseier führt uns in die ebenerdigen Räume des Swiss Car Register. Das Automobil-Archiv versteckt sich wie die Geheimdienst-Niederlassung in einem alten James Bond-Film gut getarnt hinter einem Velo-Laden, einem Fahrrad- Geschäft. Es hat sogar im Kellergeschoss einen Bunkerraum, aber keinen Mr. Q, der absurde Mordmaschinen konstruiert. Das Swiss Car Register glänzt vielmehr mit dem vollkommen geräuschlosen und dennoch hochexplosiven Inventar, das in mehreren Räumen und in langen Reihen von Regalen auf interessierte Leser und Betrachter wartet: die Firmenarchive großer Schweizer Karosseriefirmen, nahezu alle Ausgaben namhafter internationaler Automobilzeitschriften, alle Ausstellungskataloge des Genfer Automobilsalons seit 1905, Fach- und Markenbücher, Fahrzeug-Prospekte und vieles mehr.

Worblaufen baute die letzte Karosserie 1957
 
Dort befindet sich auch das glücklicherweise vollständig erhaltene Archiv der Firma Worblaufen, die 1957 die letzte Komplettkarosserie herstellte. Hier nun wollen wir rekonstruieren, wie das zeitlos schöne Alfa Cabriolet entstanden ist, wer dessen Auftraggeber und erste glückliche Besitzer war. Urs Paul Ramseier erweist sich bei diesem Unternehmen gleich in dreifacher Hinsicht als der ideale Spürhund: Er ist erstens Mit-Initiator des Swiss Car Register, zweitens ein Neffe des einstigen Worblaufen-Chefs Fritz Ramseier und drittens als Selecting Adviser für die Auswahl der zum Concorso d’Eleganza der Villa d’Este eingeladenen Automobil-Raritäten zuständig. Kurz gesagt: Der Mann kennt sich in Autodingen ganz gut aus.
 
Ramseier hat einige Dokumente und Fotos aus der einstigen Worblaufen- Fabrikation bereits zusammengesucht. Darunter befindet sich auch das schwarze, ziemlich abgegriffene und von Hand mit schwungvoller Schrift verfasste Auftragsbuch „Führer von verkauften Wagen“. Es stammt von Ernst Ramseier und wir lesen darin, dass am 17. Mai 1937 ein gewisser E. Morf aus La Chaux de Fonds ein langes Alfa Romeo Chassis 6 Zyl. 12 HP für 8500 Franken und „Eine Carrosserie 2 Türen 2 Fenster als Schlagerwagen für Salon 1938 Genf für unser Stand“ zu einem Gesamtbetrag von 13 500 Franken bestellt hat. Es liegt außerdem der Kaufvertrag vom 1. Mai 1937 vor, in dem neben dem Alfa-Chassis das schwarze Wunschcabrio gleichfalls mit nur wenigen Worten beschrieben wird: „1 Spezialcarrosserie, 2 Türen, 2 Fenster, Kühlerverschalung, Motorhaube & Kotflügel in Spezialausführung laut mündlicher Besprechung. Polster in echt englisch Leder.“
 
Wir wundern uns über den wenig detaillierten Auftrag – es ist nicht einmal von einem Cabrio die Rede. Dass normalerweise die Auftragswünsche wesentlich präziser formuliert ausfallen, dokumentiert ein Schreibmaschinen-Schriftstück, das 1938 von Worblaufen an die Alfa Romeo-Filiale in Lugano adressiert war. Dort hatte ein Dr. Hecker ebenfalls ein Worblaufen-Alfa-Cabrio geordert, dessen Aufbau und Ausstattung jedoch genau beschrieben wird. Zwei Beispiele: „Das Carosseriegerippe ist aus gelagertem Eschenholz hergestellt. Die Carosserie ist teilweise mit dekapiertem Stahl-, und das übrige mit Alublech komplett eingeblecht, außen mit einer Chromstabverzierung.“ Zur Erklärung: Dekapiertes Stahlblech ist durch Beizen entzundert (ohne Eisenoxid) und zum Teil kalt nachgewalzt worden. Auch dem Innenausbau sind mehrere Zeilen gewidmet. Dort steht unter anderem: „Fußboden mit Moquette-Teppich und vorn eine Gummimatte. Aschenbecher und Zigarrenanzünder vorn auf Tableau montiert.“

Traum-Alfa für exklusiven Stammkunden
 
Derartige Angaben fehlen beim schwarzen Alfa Cabrio für Ernst Morf aus La Chaux de Fonds. Der Fabrikant besaß, wie Ramseier zu berichten weiß, in der bekannten Uhrenstadt des Schweizer Jura eine Firma, die Uhrengehäuse herstellte und damals offenbar gute Geschäfte machte. „Monsieur Morf war praktisch Stammkunde und bestellte zeitgleich zum Alfa noch ein Lancia Cabrio“, berichtet Ramseier. Deshalb lädt man auch Herrn Morf am 12. März 1937 auf den Genfer Autosalon ein - und damit beginnt die Entstehungsgeschichte unseres schwarzen Alfa Cabrios. Der zerbrechlich knisternde Schreibmaschinen-Durchschlag blieb im Firmenarchiv erhalten: „Hiermit gestatten wir uns, Ihnen eine Eintrittskarte zum Genfer Automobilsalon zuzusenden und hoffen gerne, dass wir die Ehre haben werden, Sie auf unserem Stand begrüßen zu können. Hochachtungsvoll Fritz Ramseier & Cie, Carrosserie Worblaufen.“
 
Morf besuchte tatsächlich in Genf den Firmen-Stand, wo er ein von Fritz Ramseier entworfenes Alfa 6C Cabrio besichtigte, das ihn sehr beeindruckt haben musste. Es wurden vermutlich bereits Kaufgespräche über einen ähnlichen oder identischen Wagen geführt. Am 24. März bedankt sich deshalb Worblaufen für den Besuch in Genf und verspricht Herrn Morf bis Ostern eine detaillierte Offerte „für die Carosserierung des von Ihnen gewünschten Alfa Romeo“. Fast zeitgleich, nämlich am 25. März, erkundigt sich der Alfa-Fan bereits nach den Modalitäten für den Bau eines Luxus- Cabrios auf Alfa Romeo-Basis mit nur zwei Sitzen und Platz für Gepäck im Fond. Ferner wünscht er Zeichnungen von dem Wagen, „car je voudrais quelquechose des très réussi et d’une exécution irréprochable“ („weil ich etwas sehr Gelungenes in einer tadellosen Ausführung erhalten möchte“).
 
Leider finden wir während unseres Recherche-Samstagnachmittags keine entsprechenden Zeichnungen, obwohl es üblich war, den Kunden damit über das Aussehen seines Wunschautos zu informieren. Diese Zeichnungen - in der Regel Seitenaufrisse - waren zum Teil sogar mit Buntstiften koloriert; die Karosserie-Entwürfe stammten stets von Firmenchef Fritz Ramseier. Beim erneuen Durchblättern der hellgelben, laut knisternden Durchschläge der Worblaufen-Korrespondenz stoßen wir jedoch auf ein falsch datiertes Schreiben - 6. März anstelle von 6. April 1937. Der Adressat ist Ernst Morf: „Anschließend an unsere gehabte Unterredung vom Genfer Salon sowie an unser Schreiben vom 25. März gestatten wir uns, Ihnen nachstehende Offerte zu unterbreiten ...“ Dann folgt die Beschreibung der gewünschten Karosserie: „1 Cabriolet Alfa Romeo, Typ lungo, 3,25 Meter Radstand, 6 Cyl., 12 PS, wie in Genève probiert, mit einer Spezialcarrosserie, 2 Türen, 2 Fenster, 2/4 Plätzer, Spezial-Kotflügel, mit Hinterteil wie in Genève besichtigt. Ia, echt englisch Lederpolsterung.“
 
Schwarzes Luxus-Cabrio mit roten Speichenrädern
 
Damit ist das Puzzle komplett: Worblaufen lud seinen wohlhabenden Stammkunden Ernst Morf auf den Genfer Automobilsalon des Jahres 1937 ein. Man schickte ihm sogar eine Entrittskarte. Dort verliebte sich Herr Morf auf dem Worblaufen-Stand in ein Alfa Romeo-Cabriolet. Und genau so eines oder so ein ähnliches gab er bei Worblaufen in Auftrag. So entstand das traumhaft schöne schwarze Luxus-Cabrio mit den roten Speichenrädern, das laut Kaufvertrag ein Jahr später ebenfalls auf dem Autosalon in Genf ausgestellt werden musste. Offenbar besaß bereits das Cabrio von 1937 die aerodynamisch ausgeformten „Spezial-Kotflügel“ und das Wagenheck mit angedeuteter Finne.
 
Das erklärt auch, weshalb Stammkunde Morf keine detaillierte Beschreibung seines bei Worblaufen bestellten Cabrios benötigte, da er sich im Großen und Ganzen auf das Genfer Ausstellungsfahrzeug berufen konnte. Jetzt würden wir gern erfahren, wie der Worblaufen-Alfa auf dem Genfer Autosalon von 1937 aussah und was aus ihm geworden ist. Regelrechtes Jagdfieber hat uns gepackt, doch es ist Abend geworden. Und Ramseier, der für die Vorbereitungen zur Villa d’Este-Veranstaltung am 25. und 26. April bereits voll beansprucht wird, muss leider bei der Fortsetzung unseres Detektivspiels passen. Zu gern hätten wir das interessante „Hinterteil, wie in Genève besichtigt“ näher kennengelernt.  

Mehr zum Thema 100 Jahre Alfa gibt‘s bei unserer Schwesterseite www.auto-motor-und-sport.de - mit aktuellen Autotests, News und Stories rund um die Marke Alfa Romeo.


Technische Daten
Alfa Romeo 6C 2300 B
Hubraum / Motor2309 cm³ / 6-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit120 km/h
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