Alles über Alfa Romeo Alfetta
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Alfa Romeo Alfetta GTV 2.0 im Fahrbericht: Hommage an die Giugiaro-Linie

Unter Alfisti steht die Alfetta im Schatten des Bertone - zu Unrecht, meint GTV-Fahrer Dalibor Beric. Eine Hommage an die klare Giugiaro-Linie.

Manchmal muss man einfach Glück haben. Das waren meine ersten Gedanken, als ich das Angebot für eine Alfa Romeo Alfetta GTV 2.0 sah - ich konnte es beinahe nicht glauben. Doch da stand sie, in sehr gutem Zustand in herrlichem Dunkelblau, als letzte Version mit Edelstahlstoßstangen (weshalb diese Variante gern auch als Chromversion bezeichnet wird), den Ronal Alu-Felgen der Delta- Serie sowie mit der etwas stärkeren Leistung der ganz frühen Zweiliter-Versionen des Vierzylinders. Und sie war für mich bestimmt.

Hoher technischer Aufwand und rassiges Giugiaro-Design

Der Anblick versetzte mich sofort zurück in das Jahr 1975, als ich im zarten Alter von neun Jahren zum ersten Mal dieses Coupé sah - schon damals sorgte die einmalige Form von Giugiaro bei mir für erhöhte Herzfrequenz. Zwar handelte es sich seinerzeit noch um einen Alfa Romeo Alfetta GTV 1.8, denn der GTV mit Zweiliter-Vierzylinder kam erst 1976 auf den Markt, doch hatte schon der dieselbe Formsprache und die glänzenden Stoßfänger aus Edelstahl.

Dazu die heruntergezogene Front, wodurch der Wagen aggressiv, geduckt und angriffslustig wirkt. Mit einer betont klaren, dennoch dynamischen Seitenlinie, deren langes hinteres Fenster Eleganz und Dynamik verleiht. Und mit einem stämmigen, muskulösen Heck samt, fast schon verspielt wirkendem Schwung an der Klappe, die dem Alfetta GTV 2.0 als Spoiler dient. Alles in allem gelang Giugiaro, was später trotz moderner Windkanäle oft daneben ging - eine Karosserie in schlüssiger und intensiver Form mit einem niedrigen Luftwiderstand sowie genügend Abtrieb zu vereinen.

Wie interessant diese Form geriet, zeigt sich bei einem Gang ums Auto. Wenn es aus verschiedenen Winkeln betrachtet und dabei immer Neues entdeckt wird. Dieses Design hat definitiv mein Automobilverständnis geprägt. Und obwohl der Alfa Romeo Alfetta GTV 2.0 in keinem dynamischen Bereich Topwerte aufwies, schmälerte dies keinesfalls die Faszination, die dieses Coupé auf mich ausübte. Entsprechend hoffe ich, dass auch heute noch die Augen mancher Jungs zu strahlen beginnen, wenn sie eine Alfetta GTV vorbeifahren sehen.

Nun muss ich aber zugeben, dass ich vor drei Jahren, als ich den Alfa Romeo Alfetta GTV 2.0 erstand, noch wenig Ahnung von den eigentlichen Schokoladenseiten des Wagens hatte. Selbstverständlich konnte ich Begriffe wie Transaxle, De-Dion-Hinterachse und Zweiliter-Alu-Motor mit zwei Doppelvergasern vor mich hinmurmeln. Was dies alles aber in Praxis bedeutet - davon hatte ich keinen Schimmer.

Mehr Fahrspaß als beim Bertone

Seine Zuneigung war bis zum Kauf eine rein optische Verbundenheit, die auch mein Unverständnis nährte, warum die Alfa Romeo Alfetta GTV 2.0 heutzutage im Schatten des Bertone steht. Zwar wirkt das Interieur des Bertone weniger nüchtern, und natürlich besitzt das klassischere Design einen gewissen Charme. Dennoch: So radikal gelungen wie der Giugiaro-Entwurf ist es nicht.

Zudem bietet die Alfa Romeo Alfetta GTV 2.0 gegenüber dem Bertone den deutlich größeren Fahrspaß. Das liegt zum einen an der ausgeglichenen Lastverteilung, da sich das Getriebe an der Hinterachse befindet. Zum anderen an der Hinterachsaufhängung selbst: Es handelt sich um eine De-Dion-Achse, bei der das Differenzial direkt mit dem Aufbau verbunden ist und somit die Achse eine geringere ungefederte Masse besitzt.

Dies allein war zwar noch keine echte Neuerung, denn das hatte sich der Namensgeber Albert de Dion schon 1893 patentieren lassen. Neu war beim GTV, wie auch bei der Alfetta Limousine, dass die Hinterachse dreieckig mit einem Zentrallager und zwei Wattstäben konzipiert wurde. Durch diese Konstruktion hat sie auch bei flotter Kurvenfahrt und stärkerer Karosserieneigung eine konstantere Radgeometrie.

Der Alfa GTV ist komfortabel und gleichzeitig zielgenau

Derart stellt sich bei forcierter Fahrweise bald ein Monoposto-ähnliches Fahrgefühl ein, weil einen die Alfetta schon beim Einlenken nicht darüber im Unklaren lässt, wo man aus der Kurve wieder herauskommt. Das führt gelegentlich dazu, dass auch Beifahrer beglückt von "besser als Achterbahn fahren" sprechen.

Zumal sich der Alfa Romeo Alfetta GTV 2.0 solch begeisternde und dennoch zielgenaue Slalomfahrt nicht durch ungebührliche Härte erkauft. Im Gegenteil - er gehört, gerade auch im Vergleich zu heutigen Konstruktionen, eher zu den komfortablen Sportwagen, wie eine Fahrt über Kopfsteinpflaster oder eine ramponierte Landstraße zeigt. Wer dann noch den ruhigen, fast schon stoischen Geradeauslauf bei schneller Autobahnfahrt erlebt, kommt nicht umhin, zumindest den Hut vor den Alfa Romeo-Ingenieuren zu ziehen - falls er nicht ohnehin schon vollends zum Alfetta-Fan geworden ist.

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Vierzylinder ist die bessere Wahl fürs Kurvenwetzen

Hier schließt sich an, warum ich auch den Sechszylindermotor nicht so faszinierend finde wie den Zweiliter-Vierzylinder: Der deutlich schwerere V6 verschiebt den Schwerpunkt des Alfa Romeo Alfetta GTV 2.0 nach vorn. Das reicht zwar ob des gleichen Fahrwerks immer noch zu flotter und recht agiler Kurvenfahrt. Doch im direkten Vergleich fühlt sich der Vierzylinder leichtfüßiger und agiler an und verhält sich deutlich neutraler. Der stärkere Bruder hingegen neigt zu leichtem, aber dennoch spürbarem Untersteuern.

So spielt der mit 28 PS mehr gesegnete Sechszylinder seine Stärken nur auf der Autobahn richtig aus. In hügeligem und kurvigem Geläuf ist der Vierzylinder mindestens gleichwertig, da er dank seiner Vergaser spontaner anspricht und im unteren Drehzahlbereich gefühlsmäßig etwas satter zulangt, während der per Bosch L-Jetronic versorgte Bruder zwar angenehm schnurrt, subjektiv aber nicht so richtig zupacken will. Das unmittelbarere Fahren jedenfalls erschließt sich mit dem Vierzylinder, der trotz des längeren Hubes und der größeren Kolben kaum weniger drehfreudig ist.

Das richtige Setup macht ihn noch stärker

Bei all diesen dynamischen Betrachtungen darf man das richtige Setup des Fahrwerks nicht vergessen. Meistens wird hier falsch, weil unverstanden, agiert und der Alfa Romeo Alfetta GTV 2.0 vorn zu niedrig und hinten zu hoch eingestellt - was ihm eine unpassende Musclecar-Anmutung verschafft und ihn deutlich eckiger um Kurven eiern lässt. Da viele dies von anderen Autos so gewöhnt sind, glauben sie, das müsse so sein. Entsprechend war auch mein GTV zuerst so eingestellt. Da er mir dennoch deutlich mehr Spaß machte als alle zuvor gefahrenen Autos, störte mich dies nicht weiter, bis GTV-Spezialist Manfred Kopp ihn ausbalancierte. Nun verstand ich die herausragende Stärke der Alfetta erst richtig.

Ein weiteres besonders Thema ist das Fünfganggetriebe, übrigens eine Eigenentwicklung von Alfa Romeo. Dieses agiert trotz Transaxle-Bauweise und der langen Übertragungswege vergleichweise exakt - anfangs fühlte sich das Schalten für meine an noch unpräzisere Crashboxen gewohnten Hände sogar beinahe unangenehm direkt und hakelig an. Inzwischen genieße ich es, gewissermaßen genau zu erfühlen, wann die Zahnräder ineinandergreifen. Ein Getriebe zum Anfassen sozusagen.

Im Alfetta verschmilzt der Fahrer mit der Straße

Zu den unmittelbaren Erfahrungen bei der Alfa Romeo Alfetta GTV 2.0 zählt auch die präzise und direkte Lenkung. Zwar möchte man sie beim Einparken gern verfluchen und bei langsamen Wendemanövern als reines Armmuskeltraining verstehen - doch sobald der Wagen schneller als im Schritttempo rollt, beginnt sie der Fahrer zu lieben, da er nun höchst genau die Richtung vorgeben kann und exakt über alle Reaktionen des GTV informiert wird.

Das hört sich nun zwar recht nüchtern an, ist aber in der Praxis euphorisierend und gehört meiner Meinung nach zum Faszinosum des Umgangs mit diesem Auto. Einfach, weil man in der Alfa Romeo Alfetta GTV 2.0 nicht nur drinsitzt und von ihr gefahren wird, sondern weil man fast mit ihr und der Straße verschmilzt - und so die Bewegung ein Ganzes wird. Dass man sich dabei auf die ausschließlich mit Scheiben ausgeführte Zweikreisbremsanlage voll und ganz verlassen kann, die trotz Bremskraftverstärker eine sehr gute Dosierung zulässt, steigert noch die Freude am Fahren.

Schade ist eigentlich nur, dass es die Alfa Romeo Alfetta GTV 2.0 in dieser Ausführung nurmehr selten zu erwerben gibt. Aber es ist wie so oft im Leben: Manchmal muss man einfach Glück haben.

Autor

Datum

1. Dezember 2012
Dieser Artikel stammt aus Heft Motor Klassik 02/2009.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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