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Alfa Romeo Giulia GTC im Fahrbericht

Bertone-Cabrio als luftige Alternative

Foto: Hartmann, Achim 7 Bilder

Das Bertone-Cabrio aus der Touring-Schmiede war wahrlich kein Bestseller. Als luftiges Sommermobil ist der Alfa Romeo Giulia GTC heute eine ausgefallene Alternative für Alfa-Freunde, die das Besondere lieben.

27.02.2012 Heinrich Lingner Powered by

Die Anweisungen sind ebenso penibel wie unmissverständlich: Bevor der Alfa Romeo Giulia GTC offengelegt werden darf, hat der Fahrer die Schutzplane des Verdecks aus dem Kofferraum zu holen. Danach erst sind die Befestigungshaken an der Windschutzscheibe zu öffnen.

So will es die Bedienungsanleitung des offenen Bertone, die wahrscheinlich 35 Jahre im Archivkeller des Verlags geschlummert hat, bevor der Autor sie zur Einstimmung auf die Begegnung mit dem Alfa Romeo Giulia GTC ausgrub. Und wie um die Ernsthaftigkeit der Anleitung zu unterstreichen, sind die Arbeitsschritte in dem Heftchen mit Fotos illustriert.

Ein junger Mann mit korrektem Haarschnitt und weißem Monteuroverall faltet wie in einem kleinen Fotoroman das Alfa Romeo Giulia GTC-Verdeck hinter den Rücksitzen zusammen und befestigt als Happy End die Schutzplane. Das Schließen jedoch wird dem Leser vorenthalten. Er erfährt nur, dass es in umgekehrter Reihenfolge zu erfolgen hat, wobei „der an der vorderen Traverse befindliche Griff zu benutzen ist.“

Nicht, dass wir schon ans Schließen dächten. Immerhin macht das Stoffdach den entscheidenden Unterschied: Mit der schwarzen Mütze sieht der Alfa Romeo Giulia GTC etwas unbeholfen aus, ein wenig so wie ein Bertone mit schlampig aufgeklebtem, faltigem Vinyldach. 

Sonnenterasse mit zwei Sesseln und einer kleinen Rückbank

Das zurückgelegte Verdeck verschwindet – weil gänzlich ungefüttert – fast vollständig in der Wanne hinter den Rücksitzen. Dabei wird eine Sonnenterrasse mit zwei bequemen Sesseln und einem knapp bemessenen Büßerbänkchen freigelegt. Der Alfa Romeo Giulia GTC wirkt plötzlich gestreckt, die Seitenlinie elegant und harmonisch.

Offen unterwegs bekommt man jedenfalls selten die Frage zu hören, die schon manchen GTC-Fahrer zur Verzweiflung getrieben hat: Wieso er denn das Dach der schönen Kantenhaube abgeschnitten habe.

Das erledigte zwischen 1964 und 1966 die Firma Carrozzeria Touring in Nova Milanese, die bei rund 1.000 Kantenhauben das Dach amputierte, ein paar Verstärkungen in den Unterboden schweißte und das ganze mit der pfiffigen Faltkonstruktion überdachte.

Dafür durfte die berühmte Karosseriefirma ihr Markenzeichen auf die Flanken des  nieten und die Autos über das offizielle Alfa-Vertriebsnetz unters Volk bringen. Doch es wurden weniger Alfa Romeo Giulia GTC als geplant. Denn die Geschichte des offenen Bertone ist auch die Geschichte von Touring, die man kennen muss, um dieses Auto zu verstehen.

Mit ihren extravaganten und teuren Superleggera-Aufbauten war Felice Bianchi Anderlonis Karosseriefirma berühmt geworden. Gegen Ende der fünfziger Jahre explodierten die Produktionszahlen von Touring geradezu: Waren es zu Beginn des Jahrzehnts nur etwa 200 Fahrzeuge pro Jahr, so wurden 1959 über 2000 Touring-Autos gefertigt.

Den größten Anteil daran hatten Lancia mit dem Flaminia und die großen Alfa-Cabrios 2000 und später 2600. Doch das Produktionsende dieser Nobel-Modelle war absehbar, 1965 wurden sowohl Flaminia als auch Alfa 2600 eingestellt. Der Alfa Romeo Giulia GTC musste die Lücke füllen, denn Touring war mittlerweile aus den kleinen Hallen in der Via Ludovico de Breme in eine richtige Fabrik gezogen und beschäftigte über 300 Mitarbeiter.

Auch Alfa brauchte den GTC. 1965 lief neben dem 2600 Spider auch der Giulia 1600 Spider der 101-Reihe aus, und der zweisitzige Spider von Pininfarina sollte erst 1966
vorgestellt werden.

Fertigung des Alfa Romeo Giulia GTC hatte ihren Preis

Doch die Fertigung in Anderlonis Edelschmiede hatte ihren Preis: Bei seiner Markteinführung im Mai 1965 kostete ein Alfa Romeo Giulia GTC 17.450 Mark. Damit war der offene Bertone fast 6.000 Mark teurer als ein Giulia 1600 Spider. Zum Vergleich: Eine Pagode kostete damals etwa 20.000 Mark, und der Duetto war ab August 1966 für 12.990 Mark zu haben.

Kein Wunder also, dass der GTC nicht zu der erhofften Form auflief. Dass es bei den ersten Exemplaren massive Qualitätsprobleme gab, war auch wenig hilfreich. Die Cabriolets erwiesen sich trotz der Verstärkungen im Schwellerbereich und über der Hinterachse als viel zu weich. Doch auch die nachträglichen Verbesserungen beim Alfa Romeo Giulia GTC waren nur von bescheidenem Erfolg.

Das merkt man dem GTC auf diesen Seiten ebenfalls an. Schon auf dem Weg vom Hof des Dortmunder Spezialisten Alfa Classic Center ins südlichen Münsterland schüttelt sich der Alfa Romeo Giulia GTC wie ein nasser Hund. Der Windschutzscheibenrahmen signalisiert Bodenunebenheiten so sensibel wie die Wünschelrute eines Radiästheten Wasseradern. Ein Duetto Spider wirkt im Vergleich solide und wohlgebaut.

Was aber lange nicht so schlimm ist, wie es sich hier liest. Man gewöhnt sich schnell an das muntere Eigenleben der Touring-Karosserie. Die Straßenbahnschienen des Dortmunder Nordens weichen bald glatten westfälischen Landstraßen, auf denen nur noch ein leichtes Zittern daran erinnert, dass diese Kantenhaube ein wenig anders ist.

Alfa Romeo Giulia GTC ist wie ein Auto ohne Frontscheibe

Instrumente und Ausstattung entsprechen bis ins Detail der Giulia Sprint GT 1600, auch der Motor mit seinen munteren 106 PS. Nur das Frischlufterlebnis ist völlig neu. Schon bei moderaten Geschwindigkeiten weht der Wind so ungehindert in den Innenraum des Alfa Romeo Giulia GTC, als sei man mit einem Auto ohne Frontscheibe unterwegs. Die flache Gürtellinie und die niedrige Scheibe bescheren auch Bertone-Experten ein völlig ungewohntes Fahrgefühl.

Es ist eigentlich alles zum Schnellfahren angerichtet: der drehfreudige Motor, das sämige Getriebe mit erst kürzlich überholter Synchronisierung und das aufwendige Fahrwerk mit seinen exakt geführten Rädern. Doch man ertappt sich dabei, dass man mit dem Alfa Romeo Giulia GTC einfach so dahin bummelt, die luftige Nackenmassage genießt und die Aussicht über die hellblauen Peilkanten der Kotflügel. 

Ein Hellblau, das im Übrigen völlig original ist, wie Peter Hagemeier vom Alfa Classic Center versichert. Ein exzentrischer Kunde bestellte einen von nur 100 gebauten rechtsgelenkten Alfa Romeo Giulia GTC in dem Farbton, der normalerweise für ganz andere Alfa vorgesehen war: Das Azzurro Polizia gab es ansonsten nur an den Giulia Super-Dienstwagen der italienischen Gesetzeshüter.

Vielleicht hätte man mehr GTC in Polizeiblau mit roter Kunstlederausstattung ausliefern sollen. Denn die Farbkombination steht dem Alfa richtig gut. So aber blieb es bei 900 links- und 100 rechtsgelenkten Exemplaren. Die Vorstellung des Duetto im Frühjahr 1966 und die Pleite von Touring beendete die kurze Karriere des Alfa Romeo Giulia GTC.

Heute ist der GTC eine gesuchte Rarität

Heute ist der Touring-Alfa eine gesuchte Rarität, die gerne doppelt so viel kostet wie ein vergleichbarer Sprint GT. Das kann auch Peter Hagemeier bestätigen: „Ich habe selten so viele Anfragen von Kaufinteressenten gehabt wie bei dem blauen Alfa Romeo Giulia GTC.“

Zum Verkauf kam es dann doch nicht. Ein unvorsichtiger Autofahrer rammte den Alfa kurz nach der Motor Klassik-Probefahrt auf der Autobahn zwischen Düsseldorf und Essen. Doch die Reste des raren Rechtslenkers haben einen neuen Liebhaber gefunden, der ihn wieder so aufbauen will, wie er hier zu sehen ist. Wenn er Tipps aus der Bedienungsanleitung braucht, sind wir ihm gerne behilflich, E-Mail genügt.

Technische Daten
Alfa Romeo Giulia GTC
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4080 x 1580 x 1315 mm
Hubraum / Motor1570 cm³ / 4-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit184 km/h
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