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Alfa Romeo Spider und MG B

Tage wie dieser

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Die Tage werden wieder deutlich länger. Und wärmer. Ein Alfa Spider 2000 und ein MG B haben es nun einfach nicht mehr in ihren Winterlagern ausgehalten und sind spontan zu einer ersten Ausfahrt aufgebrochen.

17.06.2008 Michael Schröder Powered by

Für ein paar Minuten richtet sich die Abendsonne in einer Lücke zwischen den Regenwolken ein. Dort, wo die Strahlen auf das Wasser treffen, glänzt der See wie flüssiges Gold. Genau so hat ein lauer Sommerabend auszusehen. Nicht einmal der tragische Umstand, dass das Thermometer zehn Grad anzeigt, vermag jetzt die aufkeimende gute Laune der beiden Fahrer zu stören. Mitte April verbucht man solche Banalitäten als Nebensache.

Morgen, da sind sich sämtliche Wetterberichte einig, morgen soll der Sommer dann tatsächlich für einen Tag in Erscheinung treten. Nicht überall im Land, aber zumindest im Süden von Bayern. Auf diese Ansage haben die Piloten des MG B und des Alfa Spider geduldig gelauert. Die erste Ausfahrt des Jahres darf ruhig etwas Besonderes sein. Die geschwungenen Landstraßen zwischen dem Starnberger See südwestlich von München und dem Walchensee am Rand der Alpen passen da hervorragend ins Bild.

Doch der Weg dorthin war zäh. Eine rund 200 Kilometer lange Anreise über eine volle Autobahn macht selbst bei gutem Wetter nur bedingt Laune. Wenn es dann noch zeitweise wie aus Kübeln gießt oder kurz darauf rechts und links der Strecke auch noch Schneefelder auszumachen sind, mutiert so eine Fahrt besonders in einem klassischen britischen Roadster rasch zu einer kernigen Herausforderung.

Der Italiener ist das bessere Schlechtwetter-Auto

Im MG B, der 1971 die Werkshallen in Abingdon verlassen hat, sehnt man sich vor allem nach Wärme. Und registriert gleichzeitig dankbar, dass der breite Getriebetunnel mehr davon verströmt als das Gebläse, selbst wenn der Temperaturregler im mit schwarzen Kräusellack überzogenen Instrumentenbrett auf "HOT" steht. Winterjacke und Pullover sind zum Glück mit an Bord. Und ein Tuch, um dann und wann die beschlagenen Scheiben trocken zu wischen.

Der weiße Fastback verwöhnt seinen Piloten da regelrecht. Das Verdeck schließt an den Scheibenrändern beinahe ab, und Lüftung und Heizung erledigen einigermaßen anständig ihren Job. Dass ein reinrassiger Italiener unter solch widrigen Umständen gegenüber einem waschechten Nordlicht punktet, dürfte in erster Linie am Altersunterschied liegen.

Der Spider stammt aus dem Jahr 1982 und ist somit elf Jahre jünger als der rote MG, dessen Grundkonstruktion bereits Anfang der Sechziger entwickelt wurde. Sicherlich haben sich damals im Vereinigten Königreich nur die wenigsten Gedanken über Sinn und Zweck einer ernst zu nehmenden Heizung und Lüftung bei einem waschechten Roadster gemacht.

Über ein Verdeck, das sich rasch wieder schließen lässt, allerdings auch nicht. Bis das Dach des MG B am Abend auf dem Hotelparkplatz endlich sitzt, haben andere ihre Zimmer bezogen, geduscht und bereits das Abendessen bestellt. Über so viel Unterhaltungswert kann der Alfa-Pilot nur staunen. Ihm genügt für so eine Verschlusssache eine Rotphase.

Die Motoren: Zwei grundverschiedene Charakterdarsteller

Der Tag darauf beginnt wie versprochen. Blauer Himmel. Und Sonne. Also rasch runter mit den Dächern und die Leinen los. Der Alfa meldet sich sofort zur Stelle. Bereits im Standgas vermag der typische Klang des Doppelnockenwellen-Triebwerks auf Anhieb zu begeistern. Die ersten, noch zaghaften Gasstöße entlocken den Brennkammern gleich darauf ein heiseres Röhren.

Die tief bauende, gusseiserne Kraftquelle der British Motor Corporation im MG B begibt sich dagegen ein wenig länger auf die Suche nach dem Rundlauf. Doch unterschätzen sollte man den knurrenden Vierzylinder mit untenliegender Nockenwelle, der im Prinzip bereits seit 1955 diverse MG A-Modelle angetrieben hat, deshalb nicht.

Schließlich die ersten Kilometer. Zum Warmfahren. Alfa und MG cruisen gelassen über die noch feuchten Straßen, vorbei an langen Baumreihen. Noch pfeift ein eisiger Wind um die Köpfe der Fahrer, die fröstelnd die Kragen hochgeschlagen haben. Trotz Sonne keine zehn Grad. Das spürt besonders die Pilotin im MG B. Wegen der niedrigen Gürtellinie und der kleinen Scheibe sitzt sie mehr im Freien als im Spider. Egal. In drei oder vier Stunden soll es sommerlich warm sein. Der Wetterbericht hat’s ja versprochen.

Ein Abstecher zum Kloster Andechs am Ammersee muss rasch noch sein, bevor die Alpen anstehen. Die Straßen dorthin werden schmaler, die Kurven enger. Jetzt dürfen Alfa und MG ungehemmt von der Leine. Sofort zieht der Spider davon, schnupft mit seiner flachen Schnauze die Kehren regelrecht auf. Das 2-Liter-Triebwerk klingt dabei nicht nur hinreißend, sondern packt auch lustvoll zu. Und zwar aus dem Stand heraus bis etwa 5.000 Umdrehungen.

Darüber geht dem Aggregat schließlich ein wenig die Luft aus. Schwamm drüber. Denn die Leistungscharakteristik des Zweiliters passt hervorragend zu einem klassischen Cabriolet: Sie ermöglicht schnelles Fahren ohne hektisch im Getriebe rühren zu müssen - dafür wären die Wege zwischen den Gängen ohnehin viel zu lang.

Wie eine Schaltbox funktionieren kann, demonstriert der MG B wie kaum ein anderes Fahrzeug. Die Gänge sitzen, bevor das Wort Klack auch nur ausgesprochen ist. Schalten hat definitiv lange nicht so viel Spaß gemacht. Und wäre tatsächlich auch gar nicht so oft nötig, um mit dem B trotz Leistungsdefizits am Heck des Spider zu kleben. Souverän versorgt der 95 PS starke Stoßstangenmotor seine Pilotin mit einem schier unerschöpflichen Drehmomentberg, der knapp über Standgas beginnt. Dabei kehrt der MG gegenüber dem Alfa jetzt den Macho heraus: Das Triebwerk von der Insel klingt rau, rotzig und aufdringlich.

Trotz Starrachsen liegen beide gutin der Kurve

Damit passt es hervorragend zum optischen Auftritt des Wagens. Aerodynamik? Ein Bengel wie der B hält nichts von solchen Zugeständnissen an die Moderne. Herausfordernd stellt er seinen Kühlergrill senkrecht in den Fahrtwind, was im Verbund mit den runden Lampen und den beiden Stoßstangenhörnern für einen leicht grimmigen Gesichtsausdruck sorgt. Die glatte und runde Front des Alfa mit den strömungsgünstigen Plexiglashauben über den Scheinwerfen begrüßt andere Verkehrsteilnehmer im Vergleich dazu mit einem Lächeln.

Letzteres weicht den Piloten schon lange nicht mehr aus den Gesichtern. Pausen? Um Himmelswillen! Fahren steht an. Im Zickzack wildert das Duo ausschließlich auf Straßen zweiter und dritter Ordnung durch die bayerische Provinz, die wie ein halluzinogener Wischeffekt vorbeifliegt. Mit den Eigenheiten der beiden Cabrios sind die Fahrer inzwischen nur allzu vertraut. Die blattgefederte Starrachse beim MG B leitet jede Unebenheit, jeden Absatz, jeden Kanaldeckel relativ ungefiltert bis in die letzte Fingerspitze seiner Fahrerin. Dass dieser kleine Engländer dennoch wie hingedübelt auf der Straße klebt und nicht - wie vermutet - wie ein Flummi über den Asphalt springt, ist eine Offenbarung.

Selbst das hemmungslose Kurvengeschlängel hoch zum Kesselberg bringt den B nicht sonderlich aus der Ruhe. Für flotte Fahrmanöver sind auf diesem Terrain allerdings Lenkkräfte wie am Ruder eines historischen Dreimasters erforderlich. Das sportlich kleine Steuerrad will dabei fest mit beiden Händen schraubstockartig umgriffen werden.

Spider fahren ist auf solch einer Achterbahn dagegen wie Urlaub in einer Wellness-Oase. Trotz nicht vorhandener Servounterstützung genügt eine Hand am tief geschüsselten Lenkrad, um entspannt im Windschatten des MG den engen Kurs bergauf zu brennen. Die Mailänder Cabrio-Ikone wirkt, obwohl ebenfalls hinten mit einer Starrachse versehen, in solchen Momenten im Vergleich zum B weitaus moderner, als sie es ohnehin schon ist.

Alfa vor MG : Wer gut bremst ist schneller

Die letzten Kilometer bergab zum Walchensee. So, wie die Serpentinen in den Fels gehauen sind, kommt der Begriff "freier Fall" der Sache am nächsten. Der Spider macht auf einmal richtig Boden gut. Mit vier Scheibenbremsen ankert er vor den Kehren einfach in einer anderen Liga als der MG, dessen Hinterräder nur von zwei Trommeln gebremst werden. Und der auch noch mit aller erdenklichen Beinkraft zum Stoppen gezwungen werden muss. Morgen wird das rechte Bein über Muskelkater klagen.

Minuten später rollen die beiden Cabrios wieder entspannt über die aussichtsreich zwischen Wasser und Fels angelegte Straße. Blauer Himmel, blauer See und am gegenüberliegenden Ufer schneebedeckte Bergspitzen. Das Panorama fällt in die Kategorie "Extraklasse", und zum Glück stört kein Dach über den Köpfen.

Die Anreise im Regen? Längst vergessen. Was zählt, ist der Moment. Und der dürfte besonders in diesen beiden Autos nur schwer zu überbieten sein.

Mehr zum Thema 100 Jahre Alfa gibt‘s bei unserer Schwesterseite www.auto-motor-und-sport.de - mit aktuellen Autotests, News und Stories rund um die Marke Alfa Romeo.

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