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Arnolt Bristol Bolide

Die Brücke zum Erfolg

Foto: Rossen Gargolov 9 Bilder

Der amerikanische Geschäftsmann S.H. Arnolt schuf 1953 einen schnellen Zwei-Liter-Sportwagen mit britischer Technik und italienischer Bertone-Karosserie. Einer davon gewann überraschend den Concours d‘Elégance auf Schloss Dyck.

05.02.2009 Franz-Peter Hudek Powered by

Scharfe Kurven zeigt der Arnolt Bristol aus jeder Perspektive. Sogar Fahrer und Nebenmann dürfen sich unterwegs an den wunderbar geschwungenen Kotflügeln mit ihren bügelfaltenartigen Kanten erfreuen. Wie in Metall geformte Bugwellen eilen die beiden Karosseriewölbungen der Besatzung voraus, die hinter der niedrigen Rennsport-Windschutzscheibe etwas Schutz vor dem heranstürmenden Fahrtwind findet.

Präziser und flinker als ein 300 SL

Unter der rundlichen Motorhaubenhutze versorgen drei Solex-Vergaser den zwei Liter großen Reihensechszylinder mit Frischluft und Benzin. Stramme 130 PS bringen den 895 Kilogramm leichten Roadster flott in Fahrt. Oberhalb von 2.500/min scheint die spritzige Maschine nur darauf zu warten, dass der Fahrer erneut Gas gibt, damit es weiter voran geht. Geschmeidig und gierig dreht der Langhuber mit einem dezenten Trompetenton in Richtung 5.500/min. Auch der Gangwechsel mit präzisem Ein- und Ausrasten der Zahnradpaare sowie kurzen Schaltwegen sorgt für ein breites Grinsen am Volant: Was will man mehr?

Ein sehr bequemer, nach erprobten Augenmaß angefertigter Rennschalensitz, standfeste Bremsen, ein narrensicheres, fast schon komfortables Fahrwerk und über einem der freie Himmel, der bis auf Schultern, Arme und sogar Beine herabreicht. Dieser minimalistisch und doch robust gebaute Roadster fährt präziser und flinker als ein Mercedes 300 SL und lässt das Rennsportgefühl der fünfziger Jahre mit Leib und Seele neu erleben.

Arnolt profitiert von der Wirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg

Zu verdanken haben wir dieses großartige Vergnügen zwei automobilbegeisterten Männern: Stanley Harold Arnolt II aus Chicago und Heinrich Jächter aus Ahlen in Nordrhein-Westfalen. Arnolt ließ im Jahr 1953 diesen und 141 weitere Sportwagen gleichen Typs in England und Italien fertigen. Jächter fährt ihn heute und gewann damit überraschend den Concours-Wettbewerbs "Jewels in the park" auf Schloss Dyck.

Widmen wir uns den Ereignissen der Reihe nach, die uns bis in das Jahr 1907 führen. Damals erblickte S. H. Arnolt als Spross einer Buchbinderfamilie das Licht der Welt, entschied sich aber später für den Beruf eines Fahrzeug-Ingenieurs und landete bei der Waukesha Engine Company in Wisconsin, die Hilfsmotoren für Segelyachten herstellte. Arnolt erwarb während der Weltwirtschaftskrise die Rechte an dem Waukesha-Aggregat, das ihm nicht nur zu dem Spitznamen "Wacky", sondern auch zu einem riesigen Vermögen verhalf: Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs benötigten Tausende von Barkassen und Rettungsbooten der US-Marine Wackys Einliter-Vierzylinder. Nach dem Krieg handelte Arnolt mit Werkstatt-Ausstattungen, ließ Ruderboote und Wohnanhänger produzieren, kaufte in Mexiko aus Steuergründen sogar eine Kokosnuss-Plantage, um sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen: Wacky als Automobil-Tycoon.

Arnolt rettet Bertone und beschert ihm einen Schwächeanfall

Im Dezember 1950 gründete Arnolt in Chicago eine Importfirma für Aston Martin, Bristol, M. G. und Rolls-Royce. Natürlich kam er geschäftlich nach Europa, wo er 1952 während der Automobilmesse in Turin auf dem Stand von Nuccio Bertone ein adrettes, auf Basis des MG TD mit moderner Ponton-Karosserie gestaltetes Coupé und Cabrio erblickte. Arnolt, der gelegentlich in Cowboystiefeln auftrat, fand Gefallen an den beiden Flitzern und sagte zu Bertone, er wolle davon 100 Stück kaufen - 65 Coupés und 35 Cabriolets. Der Legende nach soll daraufhin der stämmige Italiener, dessen Firma damals kurz vor der Pleite stand, einen Schwächeanfall erlitten haben. So entstand der erste Kontakt zu Bertone und der erste Wagen, der den Namen Arnolt trug: Arnolt M.G. - ausschließlich für den US-Markt bestimmt.

Um die noch junge, in den USA praktisch unbekannte britische Sportwagen-Marke Bristol zu promoten, plante Arnolt, einen Rennwagen der Zweiliter-Klasse auf Bristol-Basis zu bauen. In England hielt man das für eine gute Idee, denn dort arbeitete man gerade an dem Modell 404, dessen Karosserie sich vom Vorgänger deutlich unterschied und Bristol endlich zu seiner eigenen Identität verhelfen sollte. Bis dahin wirkten die britischen Coupés wie modernisierte Nachbauten des legendären BMW 328 mitsamt dessen ungewöhnlichem Sechszylinder. Der BMW-Motor gelangte zusammen mit Konstrukteur Fritz Fiedler nach dem Krieg als Reparationsbeitrag zu Bristol, wo bis dahin vorrangig Bomber und Jagdflugzeuge gefertigt wurden.

Die zwei Liter große Sechszylinder-Maschine besaß nur eine seitliche, untenliegende Nockenwelle, aber in V-Form hängende Ventile und halbkugelförmige Brennräume. Ein komplexes, jedoch sehr haltbares Hebelsystem mit sechs Querstößeln steuerte die zwölf Ventile. In der für den Arnolt Bristol vorgesehenen Ausbaustufe leistete die Maschine 130 PS bei 5.500/min. Wacky und Bristol-Entwicklungschef Jim Watts wurden sich rasch einig: Es sollten 142 Autos entstehen.

Auch Playboy-Gründer Hugh Hefner kauft das Schnäppchen

Das verkürzte Fahrgestell und der Motor stammten vom Bristol 404, die Roadster-Karosserie von Bertone. Franco Scaglione, nachfolgend Schöpfer der futuristischen BAT-Modelle und des Alfa Romeo Giulietta Sprint, gelang ein beschwingter, schnörkelloser Entwurf. Den 1953 vorgestellten Arnolt Bristol konnte man in drei Versionen bestellen: Als rennfertigen "Bolide", als "De Luxe" mit höherer Windschutzscheibe, inklusive direkt vor dem Fahrer platzierten Instrumenten, Innenverkleidungen, Stoßstangen und Verdeckvorbereitung, und als ein nur sechs Mal gebautes "De Luxe-Coupé".

Das Leichtgewicht war - wie man bei Mercedes sagen würde - nicht nur sauschnell, sondern auch saubillig: Der Bolide kostete nur 3.995 Dollar. Der luxuriöse Bristol 404 mit gleichem Motor kam mehr als doppelt so teuer. Der Arnolt Bristol errang in den Staaten einen exzellenten Ruf - sogar Playboy-Gründer Hugh Hefner fuhr damit. Seit zwölf Jahren ist auch Heinrich Jächter bekennender Arnolt-Bristol-Fan. Der Roadster vermittle großen Fahrspaß: "Man kann den Wagen richtig rannehmen und um die Ecken jagen. Das exzellente Fahrwerk und die robuste Technik schaffen ein solides Vertrauensverhältnis. Und schön ist der Wagen auch."

Trotzdem war Jächter völlig überrascht - "auf dem Heimweg im Auto klingelte das Handy" - als er von dem Gewinn des Schönheitswettbewerbs der Classic Days auf Schloss Dyck erfuhr. Dort konkurrierte sein Arnolt Bristol mit etablierten Größen wie Cadillac V16 oder Delahaye Cabrio Milord um den Wanderpokal in Form eines schweren, bronzenen Gartenhuts. Doch die Jury entschied sich für den Anglo-Italiener und teilte mit: "Der Arnolt Bristol besticht mit seiner Authentizität und hat in seiner Schlichtheit und Purheit überzeugt." Ferner sei der Roadster ein "wunderbares Beispiel für die spannende und einmalige Geschichte um seltene Automobilmarken und Entrepreneurship". Und da liegt, so viel wissen wir jetzt, die Jury richtig.

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