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Arnolt-Bristol

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Arnolt-Bristol Foto: Hardy Mutschler 12 Bilder

Wenn ein amerikanischer Millionär messerscharfes Bertone-Design mit der auf dem Motor des BMW 328 basierenden Bristol-Technik kombiniert, ist Spannung garantiert. Und auch auf der Straße beweist das Ergebnis große Klasse.

19.10.2009 Thomas Wirth Powered by

Ein weiter Weg lag hinter ihm. David J. Walmsley war vom Mittelmeer über die Schweiz nach Deutschland gefahren und hatte nicht nur beim Concorso d'Eleganza Villa d'Este Station gemacht, sondern auch die Mille Miglia besucht. Als Teilnehmer, versteht sich. Und alles mit seinem Arnolt-Bristol. 

Der Arnolt-Bristol fährt sich sportlich-agil

Doch die vielen Kilometer waren purer Genuss. "Er fährt sich überaus agil", sagt der Kalifornier. Leicht und direkt lässt sich der Arnolt-Bristol lenken, ist sportlich und bietet dennoch akzeptablen Komfort. "Sehr modern gibt er sich", sagt David, "viel moderner, als sein Baujahr 1954 vermuten ließe."

Genau genommen ist das jedoch nur die halbe Wahrheit. Denn die Basis des Roadsters ist noch deutlich älter. Sie reicht zurück in das Jahr 1936. Sogar deutsche Gene finden sich.

Im thüringischen Eisenach hatten damals die BMW -Ingenieure jenen Sechszylinder auf eine neue Entwicklungsstufe gehoben, der heute noch der große Stolz der bajuwarischen Technik-Tradition ist, obwohl sie die Nockenwelle in der Tiefe des Blocks beließen und den Stößelstangen einiges an Akrobatik abverlangten, weil die Ventile V-förmig in den halbkugelförmigen Brennräumen hängen. Mit 1.971 cm3 beflügelte er jenes Modell 328 , das bis heute die liebste aller BMW-Legenden verkörpert. Der Motor behauptete sich als erfolgreicher Sportler und war dennoch vollends kultiviert, damals zwei nahezu unvereinbare Tugenden.

Exakt dieser Hubraum findet sich in den technischen Daten des Arnolt-Bristol wieder. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die BMW-Entwicklungen als Reparationsleistungen nach England gelangt. Frazer-Nash nutzte sie, ebenso der Flugzeugbauer Bristol , der mit diesem Know-how 1948 in den Automobilbau einstieg und bis heute aktiv ist.

Der Arnolt Bristol ist der Stiefbruder des BMW 328

Wenn David J. Walmsley vom Handling seines Arnolt-Bristol schwärmt, wundert das nicht. Zumindest seiner technischen Auslegung nach ist der offene Sportler nichts anderes als der jüngere Stiefbruder des mythischen BMW 328 Roadster. Da schlägt die Familie eben durch. Ob ein gewisser Stanley Harold Arnolt vom deutschen Ursprung des Bristol-Erbes wusste, ist nicht bekannt. Der Amerikaner aus dem mittleren Westen träumte in den frühen fünfziger Jahren von seiner eigenen Sportwagenmarke. Als Basis sollte ein britisches Chassis dienen. Erste Erfahrungen hatte er bereits gemacht: Exakt 100 Arnolt-MG hatte er von Bertone auf Basis des MG TD fertigen lassen und verkauft.

S.H. Arnolt war seinen Weg gegangen. Seine Biographie liest sich, als entstamme sie der Musterfibel des amerikanischen Systems. "Wacky", wie sie ihn nannten, wusste stets, was der Markt wollte. Und er gab es ihm: In den vierziger Jahren war er mit kleinen Bootsmotoren erfolgreich gestartet, hatte mit Autozubehör gehandelt und Produkte wie das Arnelite entwickelt, einen Scheinwerfer für die Marine, um nach Kriegsende auf Ruderboote und Wohnanhänger zu setzen. Er importierte deutsche Benzinpumpen und englische Vergaser in die USA, vertrieb Velo-Solex und verkaufte nebenbei auch 1000 Morris Minor .
 
Alles war ihm gelungen, als er im April 1953 auf der International Motor Show auf James Watt stieß, den Verkaufsleiter von Bristol. Die beiden kamen schnell zusammen: Watt versprach sich von Wacky Arnolts Initiative Zugang zum amerikanischen Markt, der den teuren britischen Bristol bislang verschlossen geblieben war. Arnolts Konzept war simpel, dabei höchst effektiv und im Prinzip sehr britisch: Statt hoher Motorleistung setzte er auf niedriges Gewicht, statt technischer Finesse bevorzugte er kompakte Maße.
 
Die Preislatte legte er auf 4.500 Dollar. Bristol hatte dagegen bereits kalkuliert, dass das neue Modell 404, das die Basis für Arnolts Projekt bieten sollte, nicht unter 6.750 Dollar kosten würde. Bristol-Verkäufer Watts erkannte die Chancen, schließlich verursachten die in aufwendiger Handarbeit gefertigten Karosserien aus Aluminium samt ihrer noblen Interieurs einen hohen Teil der Kosten. Und beides fiel bei Arnolts Plan weg.
 
Scaglione zecihnet mit messerscharfen Strichen die aufregende Karosserie
 
Dennoch: Eine Karosserie brauchte das Sport-Modell, und eine möglichst attraktive dazu. Für Wacky Arnolt kein Problem, denn der für ihn von der Karosserieschmiede Bertone gebaute MG hatte ihm dort kurzerhand den Posten des Vize-Präsidenten eingebracht. In Turin freute sich Designer Franco Scaglione über den Auftrag. Leicht war seine Aufgabe nicht. Das Hauptproblem lag in dem hochbauenden Ex-BMW-Triebwerk, das sich jeder Anstrengung nachhaltig widersetzte, es in einen tiefen, breiten Sportwagen zu integrieren. Scaglione skizzierte und verwarf, bis er die Lösung fand: Er zog die Kotflügel auf Höhe der Motorhaube und bügelte eine messerscharfe Falte als oberen Abschluss ins Blech. Die beiden Scheinwerfer rückte er weit nach innen.
 
So gelang ihm eine ungewöhnliche, überaus dynamische Front. Sie wirkt elegant und doch aggressiv, futuristisch und spannend. "Erst wer je das nackte Chassis mit diesem Turm von Motor gesehen hat", so David J. Walmsley, "kann Franco Scagliones Leistung richtig würdigen." Der Italiener gilt bis heute als großer Könner: Im Jahr darauf schuf er für Alfa Romeo mit der Giulietta Sprint einen Entwurf von ewiger Schönheit als charmanten Kontrast zu seinen utopischen BAT-Modellen. Im Arnolt-Bristol kombinierte er beides, umriss mit klassischen Linien visionäre Stilelemente.
 
Die Arnolt-Bristol Mischung: Ungestümer Rennwagen und gehorsame Maschine
 
Die Presse überschlug sich, als die ersten Arnolt-Bristol zum Test bereitstanden. Besonders die "Bolides", wie die später auch in Sebring erfolgreichen Rennversionen hießen, hinterließen nachhaltigen Eindruck. Unermüdlich sei der Motor, lobten die Tester einhellig. Und das Handling sei schlicht phänomenal, schrieb Sports Car Illustrated 1955: "Je länger ich ihn fuhr, je härter ich ihn um die Kurven prügelte, desto mehr Vertrauen fasste ich."
 
Auch im Jahr darauf war der Arnolt-Bristol wieder ein Thema: "Er gehört zu jener raren Kombination aus ungestümem Rennwagen und gehorsamer Maschine, die zwar hier und da überlebt - dann allerdings nur im Hochpreissegment." Welten sei er von der Konkurrenz seiner Preisklasse entfernt.
 
So sieht das auch David J. Walmsley. Dabei war er erst durch einen Zufall zu seinem Arnolt-Bristol gekommen. Ein Freund hatte ihn auf seinem Grundstück geparkt und sich irgendwann von ihm trennen müssen. "Ich lehnte erst ab, weil ich nicht restaurieren wollte", sagt er. Doch schließlich griff David zu und ließ ihn von einem kalifornischen Spezialisten gründlich sanieren.
 
Fünf Mal ist er bereits bei der Mille Miglia gestartet, mit unterschiedlichsten Autos. Doch keines trat so souverän auf und hatte ihm so viel Spaß geboten wie der Arnolt-Bristol: "Nur bei den großen Maserati und Ferrari konnten wir nicht mehr mithalten."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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