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Audi Front 225 Luxus

Flucht nach vorn

Audi Front 225 Luxus Foto: Hardy Mutschler 19 Bilder

Technisch setzte Audi Maßstäbe, bevor das Unternehmen finanziell angeschlagen in die 30er Jahre stolperte. Mit ambitionierter Frontantriebstechnik suchte es Anschluss in der gehobenen Mittelklasse.

11.11.2009 Thomas Wirth Powered by

Nein, mit Krieg hat der Audi 225 nichts zu tun. Doch ein Wort in seinem Namen, den er trägt, stiftet heute immer wieder Verwirrung: Front. Das Wort verdüstert Mienen. Es trägt Verderben in sich, zeigt in hässlichem Kampf sterbende Soldaten. Audi Front - ergo ein Kriegsgerät. 

Nur 4.408 Exemplare des Front-Wagen entstanden zwischen 1933 und 1938

Ein Irrtum, heute weit verbreitet, doch kein Wunder. Schließlich liegt das alles rund sieben Jahrzehnte zurück, und in zwei Generationen versickert manche Erinnerung. Hier ist nun der Wagen, mit Vorderradantrieb und bereits den vier Auto Union-Ringen auf dem Kühlergrill: in glänzendem Chrom und elegantem Zwei-Ton-Grau. Eine bessere Camouflage als diesen auffälligen Auftritt hätte kein Stratege finden können. Viele denken, einen Horch vor sich zu sehen.

Zugegeben, bei den meisten der zwischen 1933 und 1938 in einer Gesamtauflage von 4.408 Exemplaren gebauten Front-Wagen wäre eine Verwechslung weit unwahrscheinlicher gewesen. Denn als Zwei- oder Vier-Fenster-Cabrio oder Sechs-Fenster-Limousine, so die korrekte Audi-Nomenklatur, traten sie in zeitgemäßer Form auf, ohne sich dabei besonders auffällig zu gebärden.

Der Aufbau stammt von der Manufaktur Gläser

Ganz anders dieser Wagen. Dass er auf den ersten Blick an einen Horch erinnert, wundert nicht: Er stammt aus der Serie von nur 25 Front-Chassis, die bei Gläser in Dresden einen Aufbau als Spezial-Cabriolet erhielten - überaus meisterlich nach bester deutscher Karosseriebaumanier geschneidert. Nur eine Hand voll der exklusiven Manufakturprodukte mit ihren 2+1 Sitzen - der dritte Passagier reist hinten quer - soll die Wirren der Zeit bis heute überlebt haben. Immerhin.

Das Audieigene Exemplar berichtet heute, vorbildlich restauriert und einsatzbereit, wie es war, als der Frontantrieb noch als extravagante Finesse galt. Der aufmerksame Fahrer konnte bereits beim Einsteigen die Innovation erahnen: In der Tiefe des Bodens breitet sich eine unerwartet weite Ebene aus. Schließlich fehlt das Blechgewölbe, das sonst die Kardanwelle birgt.

Spätestens dann fällt ihm der Schalthebel ins Auge. Er ragt mitten im Instrumentenbrett aus seiner Höhle und zeigt sich geknickt, doch das hat System. Denn die Zahnräder, die der Front-Pilot im H-Schema zu sortieren sucht, liegen weit vorn, direkt hinter dem Kühler. Wo auch sonst, wenn noch ein stattlicher Reihensechszylinder unter der Haube seinen Platz finden muss?

So ist der Weg weit: Denn selbst dieses tadellose Getriebe, dem Audi in den letzten drei Baujahren sogar noch synchronisierte dritte und vierte Gänge spendierte, hört nur ungern auf die schlecht artikulierten Befehle eines meterlangen, gekröpften und dazu noch mehrfach umgelenkten Stabs.

Vielleicht sind wir aber auch nur verwöhnt: "Die Knüppelschaltung am Armaturenbrett", schrieb "Motor und Sport" im Juni 1933, "muss als die exakteste und weichste Schaltung bezeichnet werden, die bisher an einem Vorntriebler vorgesehen wurde." Dabei fordert das Sortieren der Gänge auch geübten Händen Geduld ab. Das galt selbst nach 1935 noch, als Audi bereits nachgebessert hatte. Hinter dem Instrumentenbrett unterstützte fortan eine kleine Kulisse den Fahrer bei der korrekten Führung des Schalthebels.

Der Audi 225 Front wird "unbedingt sicher" durch Kurven gezogen

Außergewöhnlich ist zudem die Sitzposition. Links außen platziert der Audi Front seinen Fahrer, schräg nimmt er hinter dem Dreispeichen-Volant Platz. Fährt er los, wird er schnell anderes registrieren. Seine Hände spüren, dass der Sechszylinder die 40 PS (später 50 und zuletzt 55 PS) an die Vorderräder weitergibt - das Zerren an der gelenkten Achse kann der Front nicht verheimlichen.

Doch ein Problem ist das nicht. Denn der Wagen folgt der Linie, die ihm der Fahrer vorgibt, weitaus unbeirrter als viele seiner konventionell angetriebenen Zeitgenossen. Der Frontantrieb, so formulierten damals Werbetexter, ziehe den Audi "unbedingt sicher" durch Kurven. Überzeugt davon war auch die Fachpresse: "Der Wagen weist nicht nur eine vorzügliche Straßenhaftung, sicherste Kurvenlage und Unempfindlichkeit gegenüber verschiedensten Bodenverhältnissen auf", schrieb Motor und Sport nach der Premiere 1933, "sondern er ist auch in seinen Lenkungseigenschaften einwandfrei."

Deutlich weniger Fahrspaß haben Front-Lenker erst, wenn sie ihren Audi rangieren müssen. Sein großer Wendekreis macht aus engen Gassen und Serpentinen eine Kräfte zehrende Aufgabe.

Der Audi 225 ist das erste Audi-Modell mit Frontantrieb

Für Audi war es das erste Modell mit Frontantrieb, der damals in Mode kam. Adler, NAG, Stoewer und Tornax offerierten 1933, dem Jahr, das Hitler an die Macht brachte, vorderradgetriebene Entwicklungen. Dazu kam DKW, die sich neben Audi, Horch und der Autosparte von Wanderer bereits 1932 unter dem Dach der Auto Union wiederfanden. Schon 1931 hatte DKW die freien Kapazitäten des Audi-Werks zur Produktion eigener Modelle genutzt.

Nicht nur für Audi, die sich mit teils exquisiter Technik, aber vom Markt nicht mehr tolerierten Preisen tief in die roten Zahlen manövriert hatten, bot das jetzt erschlossene Baukastensystem die letzte Überlebenschance. Eine Melange von Ideen und Konstruktionen formte den Front: Aus dem kleinen DKW stammte das Fronttriebs-Know-How, Wanderer lieferte den von Ferdinand Porsche konstruierten, leistungsfähigen Motor mit hängenden Ventilen, und bei Horch bauten sie Limousinen-Karosserien.

Mit der modernen Technik des Front zielte die strauchelnde Auto Union-Marke Audi auf die gehobene Mittelklasse, ein kleines und schwer zugängliches Marktsegment in jener Zeit. So konnte niemand ahnen, welche Weichen der Front stellte: "Wir bleiben dabei", sagte der Ex-Audi-Vorstandschef Martin Winterkorn in einem Interview: "Front- und Quattroantrieb gehören einfach zur Marke Audi."

So gilt der Front heute neben dem Ur-Quattro den PR-Strategen als idealer Botschafter für die vier Ringe.

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