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Autos, die man nicht vergisst - Alfa Romeo 6C 2500

Das Auto des Herrn Braunschweig

Alfa Romeo 6C 2500, Frontansicht Foto: Archiv 2 Bilder

Seit 40 Jahren schreibt Klaus Westrup über autos in auto motor und sport. für Motor Klassik blättert er in seinem alten Notizbuch und erinnert sich, diesmal an eine Begegnung mit einem prachtvollen Alfa Romeo, dem 6C 2500 Freccia d’Oro.

29.10.2013 Klaus Westrup Powered by

Bern, Hauptstadt der Schweiz, im Sommer 1986. Vor uns chauffiert Robert Braunschweig, von 1952 bis 1980 Chefredakteur der angesehenen Schweizer "Automobil Revue", das Auto seines Lebens, einen dunkelroten Freccia d'Oro. Braunschweig, damals 72 und seit einigen Jahren im Ruhestand, hat ein bewegtes Auto-Leben hinter sich, mit Glanzlichtern wie dem Uhlenhaut'schen 300 SLR, den ihm der berühmte Mercedes-Techniker zwei Wochen lang zu Testzwecken überlässt.

Rauch aus dem Seitenfenster

Der Alfa vor uns im Berner Stadtverkehr ist sein Privatwagen seit 1950, die genaue Kilometerleistung bleibt unbekannt. Gelegentlich verlässt ein blaues Ölwölkchen das Auspuffrohr unterhalb der imposanten Heckpartie, es folgt ein blaues Rauchzeichen aus dem geöffneten rechten Seitenfenster.

Braunschweig ist Pfeifenraucher, auch am Steuer. Wir laufen ein Lokal außerhalb von Bern an, Mittagsrast an der Aare, die grün wie die einstige National-Limonade namens Pepita durch die Schweizer Metropole führt. Braunschweig bestellt Egli-Filets. Er ist gut aufgelegt, manchmal geht die Pfeife aus, er muss nachstopfen und nachzündeln.

Er will von seinem Alfa erzählen, von einer Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Die beste Art, zu einem Oldtimer zu kommen, erzählt er mit Freude in der Stimme, bestünde darin, ein möglichst neues Auto einfach nicht mehr herzugeben, mit ihm zu altern, in die Jahre zu kommen. Ende der vierziger Jahre, schon in AR-Diensten, sucht Braunschweig ein solches Auto. Es muss ein anständiges Auto sein, auch ein standesgemäßes - nicht gerade ein Fiat Topolino.

Pflichtenheft für ein standesgemäßes Automobil

In einem Aufsatz über den Freccia d’Oro in der "Motor Revue" Jahrgang 1986 formuliert der Schweizer Automobil-Journalist eine Art Pflichtenheft. "Es sollte mit guten Fahreigenschaften brillieren, was einen sportlichen Charakter voraussetzt, aber vier Personen - man hat doch Angehörige - bequem aufnehmen, samt ihrem Gepäck, und es muss Tempo 130 halten können."

OHC-Motor ist erwünscht. Der Delahaye 135 M scheidet aus - viel zu eng im Ford, außerdem wünscht Braunschweig keinen OHV-Antrieb "mit Nutzfahrzeug-Wurzeln". Der Talbot Lago Record ist mit einem Hubraum von 4,5 Litern zu durstig, und es gibt kein Vertrauen zur Kupplung mit Wilson-Vorwählgetriebe - die Testerfahrungen sind ungünstig.

Der Goldene Pfeil von Alfa Romeo wird es schließlich, das erste Nachkriegsmodell der traditionsreichen Mailänder Automobilfabrik. Den Test in der Automobil Revue hat das Auto mit Bravour bestanden, warum also nicht gleich dieses Exemplar kaufen?

Braunschweigs Alfa ist Jahrgang 1948, als Vorzugsbehandlung bekommt sein Auto schon eine wichtige, erst für 1950 vorgesehene technische Aufwertung, ein vollsynchronisiertes Vierganggetriebe. Braunschweigs Frau bedauert das, angeblich liebt sie Gangwechsel mit Zwischengas.

Die georderten Dachkoffer kamen nie an

Braunschweig bestellt angesichts eines vorwiegend der Reserverad-Unterbringung dienenden Gepäckraums die ab Werk lieferbaren Dachkoffer, für die elegant verchromte Befestigungsschrauben in die Karosse eingelassen sind. "Sie kamen nie an", sagt der Auto-Gourmet zwischen zwei Pfeifenzügen, "bis zum heutigen Tag nicht." Es ging auch ohne.

Braunschweig lässt noch von keinem Geringeren als Carlo Abarth einen anderen Schalldämpfer montieren, mit einer "harmonischsonoren Aussprache". Als er Anfang der fünfziger Jahre mit dem Alfa auf dem Rückweg von Turin ist, gibt es noch eine akustische Zugabe dank einer Schleife über den Sustenpass und dessen Tunnels. Sie werden mit heruntergekurbelten Seitenscheiben durchfahren, "um das von den Felswänden reflektierte Konzert besser genießen zu können".

Im Stadtverkehr von Bern ist das Vergnügen geringer. Der Alfa hat keine Servolenkung, doch Braunschweig klagt nicht. "Wofür hat man denn den Führerschein für schwere Laster?"

Reihensechszylinder mit beachtlicher Elastizität

Die Elastizität des 90 PS leistenden Reihensechszylinders mit den beiden obenliegenden Nockenwellen ist beachtlich. "Schon ab 25 km/h, entsprechend zirka 725 Umdrehungen, nimmt der Motor im direkten Gang ruckfrei Gas an."

Die Gangbereiche liegen bei 40, 70 und 100 km/h, das Wagengewicht beträgt anderthalb Tonnen, und die Beschleunigung beschreibt der Schweizer mit einem Vergleich: "Wie ein Mercedes 190 D."

Die Fahreigenschaften sind nicht ganz unproblematisch. "In Kurven zeigt er die Krallen, mit denen er sich tapfer festhält, aber nur bis zu einer nicht allzu hohen Grenze." Und dann? "Er war mit der vom Hause Porsche erdachten hinteren Pendelachse und der Heckbelastung von über 50 Prozent ein entschiedener Übersteurer. Mancher Mitfahrer wunderte sich, dass ich den Wagen in Linkskurven nach rechts lenkte und umgekehrt."

Elektrisch beheizte Windschutzscheibe

Schöne Reisen auf den damals noch leeren Landstraßen gehören zur Vita des Rasse-Automobils. Es wird mit dem Hintergrund einer ernst zu nehmenden Automobil-Zeitschrift auch Versuchsträger, muss neue Bremsbeläge, Zündkerzen und Ölfilter ertragen, sogar eine Unterdruck-Scheibendusche und eine elektrisch beheizte Windschutzscheibe.

"Sie funktionierte hervorragend", so Braunschweig, "fraß aber in kurzer Zeit die Batterie leer." Keine Schäden? Auf einer Fahrt zu einem Alfa-Jubiläum 1957 schlägt die "Nemesis" (Braunschweig) unerbittlich zu. Der Gotthard-Pass ist überquert, dann, auf der Höhe von Biaccia, ein Blick auf das Öl-Manometer. Es zeigt Null, dann ein melodisches Motorklingeln - aus.

Der Chefredakteur kommt mit der Bundesbahn zum Fest, zwei Pleuellager sind ausgelaufen. Es findet sich Ersatz, sogar durch eine noble Adresse. Die Teile vom Mercedes 300 SL, dem berühmten Flügeltürer, passen - welche Ehre.

Der Rest der Zweisamkeit mit dem alten Alfa ist schnell erzählt und ohne Pointe. Seit den siebziger Jahren führt der Alfa das privilegierte Leben eines im Wert steigenden Oldtimers, wird "mit Liebe und Umsicht" bewegt, zeigt unrestauriert die Patina eines harten Lebens. Er soll kein Museumsstück sein, sondern ein Auto, das mit seinem Besitzer alt geworden ist. Er hat es sich so gewünscht, und es ist so gekommen. 15 Jahre nach unserem Rendezvous an den grünen Wassern der Aare stirbt der geachtete Auto-Papst.

Zuvor hat er noch einen langen Brief geschrieben, mit der kauzigen Bemerkung, er habe keine Zeit, sich kurz zu fassen. Die Beerdigung ist groß und traurig, unter den Gästen nicht nur die Familie, sondern auch der Freccia d'Oro. Sohn Edgar will sich um ihn kümmern.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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