Bentley Continental GT im Fahrbericht: Sportlicher Luxusgleiter mit 575 PS

1210, Bentley Continental GT

Beim neuen Bentley Continental GT verzichtet Bentley auf harte Schnitte, bleibt so treu am Vorgänger wie möglich, verbessert ihn aber so nachdrücklich wie nötig. Heraus kommt ein leistungsstarkes Sportcoupé als ultrasolide Melange aus Kurvenfresser und raumgreifender Biturbo-Lokomotive. Das 575 PS-Luxuscoupé im Fahrbericht.

Sollen die anderen doch auf spindeldürren Leichtlaufreifen herumrollen, mit magergemixten Downsizing-Motoren dem Sparzwang huldigen. Hallo, wir reden über Bentley. Radikales Downsizing - da würde Firmengründer und Lokomotiven-Fan W. O. Bentley statt still zu ruhen umgehend an den Begrenzer drehen. Ein Twiggy-Bentley - lecker wie eine ausgeglühte Zigarre, stilecht wie ein Scheich mit falscher Rolex. Flying B, das bedeutet gediegenen Schub durch Maxi-Hubraum - gern auch mit Turboaufladung. Ohne den kommt in Crewe kein Auto durchs Hoftor.

VW Phaeton stellt die Basis für den Bentley Continental GT

Auch nicht der Bentley Continental GT. Jenes viersitzige Luxuscoupé, das 2003 die Bentley-Renaissance entzündete. Basierend auf dem VW Phaeton, besetzte es eine neue Nische, zelebriert seither wohligen Komfort mit Saloncharakter plus Fernreisekompetenz - mittels
Biturbo-W12 in Schwung gebracht. Und für den Extra-Kick stehen Bentley Continental GT Speed und der Bentley Continental Supersports mit jeweils erhöhter Leistung und geschärftem Bewegungstalent parat.

Zwei Eigenschaften, die die Truppe unter Entwicklungsvorstand Ulrich Eichhorn auch dem neuen Bentley Continental GT mitgibt. Laut Eichhorn wünschen die Kunden, dass alles bleibt, wie es war, aber trotzdem ein neues Auto dabei herauskommen soll. Vorteil: Private Modellwechsel gehen auf Wunsch stillschweigend über die Bühne, ohne dass neidzerfressene Nachbarn hinter der Gardine rotieren.

Bentley Continental GT fährt auch mit Biosprit

Unter der Haube des Bentley Continental GT rotieren nach wie vor die Schaufeln der beiden Turbolader des Sechsliters, der neben 25 Mehr-PS vor allem eine parallel nach oben verschobene Drehmomentlinie liefert. Im Tiefbass grollend, erfüllt der 700-Newtonmeter-Block Beschleunigungs- und Tempowünsche im Fahrbericht umgehend, unterstützt vom nun schneller reagierenden Sechsgang-Automaten. Bei Bedarf akzeptiert der W12 auch E85-Bioethanol in beliebiger Beimischung.

Es bleibt das einzig Beliebige am Bentley Continental GT mit seinem markanten Schwung um die Hinterräder, einem Vermächtnis des Continental R-Urvaters aus den Fünfzigern. Der steiler stehende Kühlergrill sowie die flächigere Frontgestaltung samt neuen Scheinwerfern zitieren zart die Historie, die LED-Tagfahrlicht-Armada funkelt eher zeitgeistig.

Bentley Continental GT bietet gekonnten Kompromiss

Insgesamt erscheint der wieder unter der Leitung von Dirk van Braeckel entworfene Neue einen Tick definierter, muskulöser, wie nach ein paar Extraeinheiten Freihanteln. Mit seiner um rund vier Zentimeter breiteren Spur vorn und hinten sowie serienmäßigen 20-Zoll-Rädern steht der Bentley Continental GT zudem satter auf der Straße. Die meisten Kunden dürften ohnehin gleich zur 21-Zoll-Option greifen. Ein kleiner Hinweis für sie: Selbst bei einem luftgefederten,
adaptiv gedämpften Luxus-Coupé mit Aluminium-Lenkern bleibt das nicht ohne Einfluss auf den Abrollkomfort. Bis auf diese - selbstgewählte - Härte zelebriert der Bentley Continental GT den Kompromiss aus Sport und Komfort überaus talentiert, behält selbst in den Extremstellungen der Verstelldämpfer vorhersehbaren Charakter.

Direkter ausgelegte Lenkung im Continental GT

Die direkter ausgelegte Lenkung des Bentley Continental GT arbeitet informativ und stoßfrei, spricht aus der Mittellage fein an, reagiert proportional. Was dem Entwicklungsziel der Linearität entspricht, wie Fahrwerksprofi Eichhorn erklärt. Der Fahrer soll Kurven mit dem einmal eingeschlagenen Lenkwinkel passieren, ohne korrigieren zu müssen. Das funktioniert, sofern man den 2,3-Tonner nicht übertrieben schnell in die Ecken zwingt. Dann überrollt die Physik sämtliches Ingenieursstreben, und der schwere Bentley Continental GT beginnt über die Vorderräder zu schieben.

Andererseits mag er gezielte Lastwechsel, um die gewünschte Linie zu halten. Je nach Stellung lässt das ESP im Fahrbericht genug Leine, um per Gaspedalkommando die modifizierte Kraftverteilung des Allradantriebs zu erfahren. Bisher paritätisch, bekommen die Hinterräder im Grundmodus jetzt 60 Prozent zugeteilt, wobei sich das System jederzeit an die Situation anpasst.

Neue Sitze bringen mehr Beinfreiheit im Bentley Continental GT

Besser anpassen – wie die neuen Vordersitze im Bentley Continental GT. Sie sind dank geändertem Formschaum komfortabler und wegen des Verzichts auf eine Integralkonstruktion leichter als bisher, tragen damit wesentlich zur Gewichtsreduktion um 65 Kilogramm sowie zur fühlbaren Verbesserung der Beinfreiheit hinten um viereinhalb Zentimeter bei. So strebt man vorn und mit kleinen Abstrichen auch hinten entspannt selbst entfernten kontinentalen Zielen entgegen.

Wie gehabt umgeben von ultrasolider Verarbeitung, kühlem Metall, kuscheligen Bodenteppichen, griffigem dicken Leder und warm schimmernden, UV-resistenten Holzpaneelen. Neben wirksamerer Geräuschdämmung im Bentley Continental GT neu an Bord: ein Infotainmentsystem, das im Gegensatz zum beschämenden Vorgängermodell dank Acht-Zoll-Berührungsbildschirm, übersichtlichen Grafiken und durchschaubarer Struktur endlich eines Bentley würdig ist. Ebenso wie der herausnehmbare Aluminium-Aschenbecher und das Brillenetui aus Holz und Leder in einem Materialaufwand, der in Zukunft mal für ganze Autos reicht.

Aber - stopp, im Moment sind wir ja noch bei Bentley. Und da bleibt erst einmal alles gut. Selbst wenn Ende nächsten Jahres ein Vierliter-V8 hinter den Bentley Continental GT-Grill schlüpfen darf.

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Jörn Thomas

Autor:

auto motor und sport, Heft 26 / 2010

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