Bentley GTC Speed im Fahrbericht

Continental-Cabrio mit W12-Motor und 610 PS

Bentley Continental GTC Speed 2009

Nach dem Bentley Continental GT kommt nun auch der offene GTC in den Genuss des auf 610 PS erstarkten W12-Motors und darf dank weiterer Modifikationen auf den Beinamen Speed hören.

Selten sind die Schicksale von Immobilien und Mobilen derart eng miteinander verknüpft wie im Falle der Bentley Continental-Reihe. Als erstes fällt einem da natürlich der Preis ein: 187.100 Euro, netto, ruft die edle VW Tochter für ihr neuestes Modell, den GTC Speed auf. Dafür gibt es nette Eigentumswohnungen, ganze Einfamilienhäuser gar, wenn man nur weit genug in die Provinz hinaus zieht.

Doch der monetäre Gegenwert spielt derzeit eine untergeordnete Rolle. Denn durch die Krise auf dem Immobilien-Markt, vor allem in den USA, sind auch die aufgrund ihrer schieren Motorleistung sehr mobilen Bentleys zum Stillstand gekommen. "Ein Großteil unserer avisierten Continental-Kunden, die bislang rund eine Million Euro Kapital pro Jahr zur freien Verfügung hatten, kann sich jetzt so ein Auto nicht mehr leisten", sagt Arno Homburg, Chef der Gesamtfahrzeugentwicklung bei Bentley. Als vor rund zwei Jahren der GTC Speed auf Kiel gelegt wurde, sah das freilich anders aus. Nun steht also das viersitzige, 610 PS starke Cabrio an der - Krise hin oder her - mondänen Cote d’Azur zu ersten Ausfahrt bereit.

Auf Sport getrimmtes Cabrio

Die auf Sport getrimmte Variante des GTC bedient sich, wie schon das Coupé, einigen Zutaten, die die Edelkarosse mit getunten Brot-und-Butter-Autos auf eine Stufe stellt: Tiefergelegte Karosserie, mehr Leistung (plus 50 PS) und - schockschwerenot - eine Spoilerlippe vorne und hinten. Mächtige Bremsen aus Carbon-Keramik-Verbundwerkstoff und edle Interieurzierleisten aus Aluminium im aufwendigen "Engine Turn"-Schliff schaffen dann wiederum die nötige Distanz zur automobilen Masse.

Begehrlichkeiten wecken

Damit versucht die gediegene VW-Tochter trotz schwerer Zeiten Begehrlichkeiten zu wecken. Beim Coupé hat’s funktioniert, 64 Prozent werden als Speed bestellt. Hat also der krisengebeutelte Bentley-Eigner doch noch einige Euros für den Autokauf unterm Kopfkissen gefunden und sich zu einer Kombination aus 17 Lacken, ebenso vielen Lederfarben und unzähligen Variationen der Interieurleisten entschieden, darf er den Sechsliter großen Triebwerksbrocken unter der üppigen Motorhaube lässig mit einem Knopfdruck zum Leben, nein, besser: Beben erwecken.

Ein angenehmes, kehlig-grollendes Blubbern erfüllt den reichlich belederten Innenraum. Deutlich vernehmbar bei geöffnetem, wesentlich zurückhaltender bei geschlossenem, dreilagigem Verdeck. Schon allein deshalb gebietet es sich, offen zu fahren. Und frischt die Brise vom Meer etwas auf, schafft die Sitzheizung mit der Intensität eines Tischgrills zusammen mit der effektiven Heizung, die aus herrlich massiven Alu-Ausströmern Warmluft schaufelt, wohlige Abhilfe. Jetzt, beim ersten, eher zaghaften touchieren des Gaspedals, gesellt sich ein helles Singen zu der ansonsten dunklen Geräuschkulisse. Der Speed nimmt Fahrt auf, noch gemächlich, denn an die Abmessungen muss man sich gewöhnen. Gibt sich der Verstand jedoch den Fakten von 610 PS und 750 Newtonmeter Drehmoment geschlagen und lässt den rechten Fuß schnell schwer werden, bekommt das Wort "Jetset" schlagartig eine andere Bedeutung.

Tempo 100 in 4,8 Sekunden

Der edel ausstaffierte Viersitzer schiebt mit einer Macht voran, die um die Gesundheit des unter den vier angetrieben Rädern befindlichen Asphalts fürchten lässt. Für den Sprint von Null auf 100 km/h sollen nur 4,8 Sekunden (GTC: 5,1 Sekunden) vergehen, als Höchstgeschwindigkeit gibt Bentley 322 Km/h an. Soweit, so geradeaus. Wenn sich die ersten Kurven ankündigen, heißt es mutig sein. Denn angesichts des stattlichen Gewichts von rund 2,5 Tonnen kommen jetzt erste Zweifel an der Mobilität des Bentley auf. Allzu eng sollten die Kehren tatsächlich nicht sein, dann wird es recht mühsam einen sauberen Strich zu finden. Das liegt aber eher an den opulenten Abmessungen, schließ erstreckt sich ein GTC auf 4,80 Meter Länge und über 1,90 Meter Breite. Sind die Bögen etwas weiter geschwungen, offenbart der GTC Speed mit seinem modifizierten, elektronisch verstellbaren Fahrwerk ein überraschend agiles Wesen - so flink ein Schwergewichts-Boxer beim Hürdenlauf eben sein kann. Sicher, auch das kann Spaß machen, jedenfalls bemüht sich der eilige Brite darum, dem Piloten möglichst viel gute Laune mit seiner ausreichend direkten, verlässlich rückmeldenden Lenkung und der straffen Fahrwerksabstimmung zu bereiten.

Freude beim Flanieren

Trotz der ausufernden Leistung und des durchaus ansprechenden querdynamischen Potenzials kommt die reine Freude beim Flanieren auf. Dabei entfalten entweder der anrührende Klang des Biturbo-Zwölfzylinders oder der des 1.100 Watt starken Naim-Soundsystems viel besser ihre Wirkung. Balsam auf von Krisengejammer geschundene Trommelfelle. Zudem lässt sich das Ambiente besser inhalieren, ignoriert man den billigen Cupholder, die Plastikabdeckung der Lenksäule und das sehr VW-artige Navigationssystem. Ansonsten verfängt sich das Auge allenthalben an exakt gearbeiteten Nähten, unendlichen Weiten aus Leder und dezent gemaserten Hölzern und ingeniös veredeltem Aluminium. Wäre der Bentley Continental GTC Speed immobil, was er weißgott nicht ist – es wäre auch nicht dramatisch.

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Jens Dralle

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