Bentley Mulsanne Fahrbericht: Luxus oberste Preisklasse

Bentley Mulsanne, Frontbild, Stand, bei Nacht

2,7 Tonnen Leergewicht, 1.020 Newtonmeter Drehmoment und ein Basispreis von 292.740 Euro addieren sich zu einem automobilen Schwergewicht. Der Bentley Mulsanne bleibt dem Stil seines Vorgängers Arnage treu, bietet raumgreifenden Luxus. An ihm erfreut sich nicht nur der Chauffierte, sondern auch der Chauffeur.

Es ist nur ein Reflex, doch er verrät den Bürgerlichen: der Griff zur Vordertür. Die (geld-)adelige Klientel dürfte sich beim Bentley Mulsanne vornehmlich für die rückwärtigen Gemächer interessieren und erst danach für den Arbeitsplatz des Angestellten. Also tritt man drei Schritte nach hinten, denn so weit ist es vom vorderen zum hinteren Wagenschlag. Erneut kommt das einem Outing gleich – man muss selbst öffnen.

Ein Zug am gerändelten Griff, und das Portal steht offen. Schon will man eintreten, da weht einem ein Schwall von Lederduft entgegen. Innehalten, inhalieren. Die Intensität des Gerbstoff-Bouquets ist einlullend. Falls automobiler Luxus einen Geruch hat, dann diesen. Schade eigentlich, dass das lackierte Wurzelholz keine Duftstoffe beimischt; das Gesamtaroma wäre überwältigend. So genießt die Nase und staunt das Auge über die Furnier-Verblendung im Bentley Mulsanne, welche in Festmeter ausgedrückt werden könnte. Sie reicht einmal rundherum und gipfelt in einem Armaturenbrett, das diesem Namen tatsächlich noch zur Ehre gereicht. Eine Holzbastion ragt vor dem Bentley Mulsanne-Fahrer empor, eine herrschaftliche, weitläufige Planke mit einer senkrechten Instrumententafel und tiefen Höhlen samt wundervollen Rundinstrumenten. Nicht auszudenken, wenn hier eine Bildschirm-Folie virtuelle Chronometer darstellen würde.

Umlaufendes Holz friedet den Innenraum ein, eine Barriere gegenüber dem Alltag mit seinen Gewöhnlichkeiten. Drinnen im Bentley Mulsanne logieren die Genießer, draußen drückt sich die Allgemeinheit die Nase platt, zumindest immer dann, wenn der Bentley unbeaufsichtigt geparkt ist. Was Schaulustige durch die hinteren Fenster erblicken, ist vor allem eine große Leere, denn Beinfreiheit als solche materialisiert sich schließlich nicht. Trotzdem wird ein Auto umso teurer, je mehr es davon hat. Der zusätzlich ausgeschmückte, aber technisch nicht übermäßig aufgerüstete Fünfeinhalb-Meter-Bentley-Mulsanne-Testwagen kommt auf 328.029 Euro, wobei sich Besserverdiener bereits von der Mehrwertsteuer eine automobile Freude bereiten können.

Über 20 Liter laufen durch, 13 sind machbar

Die Frage nach der Leistung mit "ausreichend" zu kontern, wäre zu abgedroschen. Bentley Mulsanne-Fahrer beantworten sie stattdessen wie beiläufig mit der Angabe des Drehmoments, einfach weil 1.020 Nm beeindruckender klingen als 512 PS. Und Spitzfindigkeiten zum Thema Verbrauch greifen sie mit einem Exkurs über die Zylinderabschaltung bis 2.000/min auf; im Vergleich zum Vorgänger verspricht Bentley etwa 15 Prozent Reduktion. Falls es der Gutsherr laufen lässt, markiert der Mulsanne sein Revier mit einem sattsamen Pfund CO2 pro Kilometer, was einem Durchschnittsverbrauch von 20,7 Liter auf 100 Kilometer entspricht. Der Chauffeur dagegen kann den von Bentley versprochenen ECE-Verbrauch von 16,9 Litern mit 13 unterbieten, wenn es den Herrschaften im hinteren Trakt nicht pressiert.

Der Mulsanne liebt die Gerade

So zeitwidrig wie der Mulsanne daherrollt, erwartet man Kerzen statt Glühlampen, Lüster statt LED-Leuchten, will seine Eingaben per Kolbenfüller niederschreiben und hofft anschließend auf Wegweiser statt Navigationsansagen. Doch der Nachfolger des Arnage hat den Schritt in die automobile Neuzeit vollzogen. Hinter den Kulissen wuseln Bits und Bytes, obgleich die Szenerie beständig analog bleibt – zumindest, wenn man den Bildschirm hinter seinem elektrisch betätigten Wurzelholzportal verschwinden lässt. Mechanik wie diese verkörpert den Geist des Manufactum-Versands ("Es gibt sie noch, die guten Dinge"), verspricht lange Lebensdauer. Klassikergarantie liefert der Bentley Mulsanne serienmäßig, trägt schon neu die Aura einer Antiquität, wird schnell zum guten, alten Stück und zum Teil der Familientradition. Ein Auto für den Epochenbestand.

Beim Anblick des Mulsanne stellt man nicht gerade den Bezug zum namensgebenden Dorf an der Le Mans-Strecke her, deren berühmter Rechtsknick viele Ausbremsmanöver erlebt hat. Hier würde der Koloss kein Duell gewinnen, eher auf der anschließenden Geraden, wenn das Drehmoment – untermalt vom großflächigen Grollen – aufbrandet. Der Sechsdreiviertel-Liter zitiert das V8-Motiv ohne einschüchterndes Donnerwetter, das wäre zu gewöhnlich und für einen sittsamen älteren Herren unangemessen – schließlich geht der Achtzylinder auf das Jahr 1959 zurück. Er meidet den angestrengt klingenden Bereich, verrichtet trotzdem kolossale Taten, wenn die beiden Mitsubishi-Lader 0,7 bar Überdruck in die Brennräume schieben. Damit kann der Mulsanne seinen schweren Leib in fünfeinhalb Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen.

Dann bahnen sich 2,7 Tonnen den Weg durch die Landschaft. Berge sind nichts weiter als visuelle Horizont-Verschiebungen, hemmen den Vorwärtsdrang nicht im geringsten. Der Mulsanne trotzt seiner gigantischen Masse und rauscht in weiten Schwüngen über Hügel und durch Täler, gleicht einem sambatanzenden Sumoringer und lässt sich dabei kaum ins Straucheln bringen. Masse läuft, im Falle des Mulsanne ist es fast schon walzen.

Stress kennen nur die Antriebwellen

Am Steuer des Bentley Mulsanne erinnert das an die frühe Form des Chauffierens, als es noch lustvolle Verrichtung und keine Pflichterfüllung war. Darin, dass der Chef am Wochenende gerne selbst in die Speichen greift, um mit seinem Großkaliber Kurven zu jagen, unterscheidet sich der Mulsanne von anderen, meist ihr Dasein in der Garage fristenden Lang-Limousinen. Deren Gabe, den Fahrgast in sich ruhen zu lassen, ihn von den Unbilden des Alltags abzuschirmen, besitzt der Bentley Mulsanne natürlich auch, stellt zur Rückbank nichts als entspannendes Rauschen durch. Und von langhubigen Bodenwellen bleibt nur ein sanftes In-den-Schlaf-Schaukeln übrig.

Stress kennen in diesem Wagen vermutlich nur die Antriebswellen, die beim Kickdown subversives Drehmoment verkraften müssen. Und nicht ausgebildete Fahrer, die den Mulsanne heil in ein Parkhaus einfädeln wollen. Denn man muss schon mit Großem aufgewachsen sein, um es als Kleinigkeit zu betrachten.

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Marcus Peters

Autor:

auto motor und sport, Heft 11 / 2011

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