Bentley und Mercedes im Test: Brooklands und CL 600 - zwei Lustschlösser

Bentley Brooklands

Automobilen Lustschlössern wie Bentley Brooklands und Mercedes CL 600 reichen ein Zimmer und zwei Türen. Hauptsache, Aussicht und Möblierung stimmen. Und wenn sich im Maschinenraum auch noch großvolumige Biturbos zu schaffen machen - umso besser.

Irgendwie muss den Bentley-Mannen der Maßstab verrutscht sein. So in der Größenordnung von 1,2 zu eins. Schließlich erscheint der Bentley Brooklands selbst neben einem Mercedes CL 600 noch monumental. Und das zweitürige Coupé mit dem raumgreifenden Habitus einer Lang-Limousine scheint nicht nur so, es ist monumental. Als ob ein wohlhabender Lord verlangt hätte, seinen Landsitz auf Räder zu stellen. 20-Zöller natürlich. Aber damit täte man dem Brooklands Unrecht.

Denn auch wenn sein Name nach schottischem Hochland, multizimmerigen Anwesen hinter quietschenden Eisentoren mit schweren Hunden davor und schweren Clubsesseln darin klingt - eigentlich steht er für die erste britische Permanent-Rennstrecke. Gerannt wird auf dem in Surrey gelegenen Rondell indes nicht mehr. Stattdessen beherbergt es unter anderem eine Mercedes-Benz-World, in der junge Briten auch ohne Führerschein vom süßen Gift der A-Klasse kosten dürfen. Was den Bentley umgehend nach Satisfaktion gelüsten lässt. Zwar unter deutscher Ägide, doch in britischer Tradition. Und die hat Entwicklungsvorstand Ulrich Eichhorn bis tief in die Lungenflügel inhaliert.

Kein Zweifel an Leistung und Drehmoment
 
"Das Herz eines Bentley ist sein Motor. Es schlägt hörbar und emotional." Wohl wahr. Sechsdreiviertelliter Hubraum bewahren die Vergangenheit und beschleunigen doch mit jeder Zündung in die Zukunft. 1959 ging es für den V8 los. Zu Beginn mit 6,23 Litern, 1970 gab es den Nachschlag auf 6,75. Später liefen dem von Stößelstangen gesteuerten Zweiventiler noch zwei Turbolader zu, Leistung und Drehmoment wuchsen im Coupé auf 537 PS und 1.050 Newtonmeter. Da schrumpft sogar der 5,5 Liter große Zwölfzylinder im CL 600 vor Angst zusammen. Jener dreiventilige Altar der Leistung, dem die Ingenieure - erfolgreich - den Charakter einer Verbrennungskraftmaschine aberzogen haben. Kraftmaschine, klar. Aber Verbrennung? Die Nummer fühlt sich eher nach Kernfusion an.

Kaum hörbar, aber ansatzlos wuchtig schiebt der 60-Grad-V12 das 2,2-Tonnen-Coupé mit trägheitsverneinender Arroganz an, duldet an keinem seiner 830 Newtonmeter Drehmoment irgendeinen Zweifel. Dem Zweifel hält auch der Bentley keinen Platz frei - weder im Motor- noch im Innenraum. Letzteren erklimmt man über schienbeinhohe Schweller und ein gestrecktes Portal nach gehörigem Zug am Türgriff. Platznehmen im Halbparterre mit Blick auf ein Armaturenbrett, im Wortsinn. Senkrecht, breitformatig, hochglanzpoliert. Parkett statt Laminat: Die Holzarbeiten sehen aus, als habe sich ein frisch pensionierter Schreiner ein paar Klafter Olivenholz in eine einsame Hütte liefern lassen und dort bei qualmendem Ofen einen Winter damit verbracht, dem Brooklands wie aus dem Vollen gearbeitete Paneele und Brüstungen zu verpassen. Später kamen noch 16 Kühe, deren Haut in den in knapp 130 Stunden genähten Lederbezügen steckt, sowie zwei Tage Polierzeit für Edelstahlblenden hinzu.

Wenn das Monstrum erwacht
 
Deutlich weniger buckeln als die Bentley-Werker in Crewe müssen die Passagiere des 5,41 Meter langen Coupés. Easy-Entry hilft dafür auch Mindergelenkigen ins Separée, separate hintere Türgriffe wieder heraus. Doch Verweilen lohnt - schon wegen der elektrisch verstellbaren Einzelsitze und den fürsorglichen Schlummerkissen an der C-Säule. Halt, das sind ja eigentlich B-Säulen, auf Mittelpfosten verzichtet der Bentley nämlich ebenso wie der Mercedes . Bei heruntergelassenen Scheiben soll dem panoramaartigen Blick auf die Umgebung nichts im Weg stehen. Manchmal zieht diese allerdings reichlich verwischt vorüber.

Etwa nachdem beleidigtes Reifenquietschen verkündet, dass ein Unwürdiger das Fahrpedal in die hochflorige Auslegware stampft und die beiden Lader dicke Backen machen, um die acht Kolben bei ihrer Zehn-Zentimeter-Reise zu unterstützen. Stampfend steigt das 90-Grad- Monstrum aus dem Drehzahlkeller, marschiert mächtigen Schrittes durch die Mitten, fällt gierig über die 2,7 Tonnen her. Wütend, ja zornig grollend - bis die Windgeräusche auf dem Weg zur 300-km/h-Marke die standhafte Ignoranz gegenüber mühsam optimierten cW-Werten und Stirnflächen-Reduktion dokumentieren.

Im CL 600 bekommt man jede Kurve
 
Die dezent ruckende Automatik und eine bisweilen indirekte Lenkung zeugen auf kurvigem Terrain von der Abneigung gegenüber allzu preußischer Perfektion. Eine kleine Reminiszenz an die Bentley- Boys - jene lebensfrohe Truppe wilder Jungs, einer von ihnen Motorjournalist, die Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts reihenweise Siege einfuhren, etwa in Le Mans, ohne im Après-Teil nennenswert den Schwung zu verlieren. Wie kriegen wir jetzt die Kurve zurück zum CL 600?

In diesem Kingsize- Coupé bekommt man immer die Kurve. Umsorgt von Assistenzsystemen bis hin zu Nachtsicht und Abstandsregeltempomat, geknetet und gestützt von pneumatischen Sitzwangen, die ebenso fest nach masseträgen Körpern greifen wie die Hydraulikzylinder des aktiven ABC-Fahrwerks zu den Radaufhängungen. Karosserieneigung? Nur so viel wie nötig und von den Ingenieuren gewollt.

Tja, beim Daimler überlässt man nicht einmal das Karosseriewanken dem Zufall. Und die Innenarchitektur steht dem technischen Aufwand nicht nach. Wie der Brooklands mimt der CL den modernen Klassiker. Statt zeitgeistiger potemkinscher Kulisse liefert er Leder, Holz und Metall in vererbungsfähiger Verarbeitung. Kaufen, genießen, weitergeben. Lustschlösser müssen ja nicht zwingend fahren.

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Jörn Thomas

Autor:

auto motor und sport, Heft 04 / 2009

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