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Bitter SC im Fahrbericht

Der Bitter SC ist vom Aussterben bedroht

Bitter SC Foto: Reinhard Schmid 13 Bilder

Vor 25 Jahren zeigte Erich Bitter in Monaco seine neueste Schöpfung: den Bitter SC. Das Coupé mit dem Senator-Sechszylinder ist ein Youngtimer mit ganz besonderem Charme.

13.02.2010 Heinrich Lingner Powered by

Die Wandlung zum Bitter-Fahrer vollzieht sich schnell. Nachdem das große, graue Portal in die Falle geklackt ist, dauert es nur ein paar Sekunden, bis man sich in dem großen Coupé ein wenig heimisch fühlt. Die Ausmaße des Bitter SC lassen sich aus dem Fahrerfauteuil jedoch kaum erahnen. Front und Heck entziehen sich dem Blick. Viel Gelegenheit also, die Augen übers Interieur schweifen zu lassen. Lenkrad, Schalter, Instrumente, alles ist so unverkennbar Opel, dass man gar nicht lange nachdenken muss, um darauf zu kommen, wofür die Modellbezeichnung SC steht: Senator Coupé. Denn Erich Bitter wählte als Basis für den Nachfolger des erfolgreichen CD keineswegs die kurze Monza-Bodengruppe.

Es musste der lange, viertürige Senator sein. Natürlich stammt auch das komplette Mobiliar aus dem Senator. Und weil das für ein Auto, das 1984 immerhin teurer als ein Mercedes-Benz 500 SEC war, ein wenig gewöhnlich erschien, ließ Firmenchef Bitter die Einrichtung etwas aufmöbeln. Die Sessel sind in knautschig-weiches Leder gehüllt, das nicht zufällig stark nach Maserati aussieht: Es kommt von Franco Gavinas Firma SALT, die damals auch Leder für Maserati und Ferrari lieferte. Ein wenig befremdlich erscheinen die Ziffernblätter der Rundinstrumente, die mit ihrem goldenen Glanz eher an Kaminuhren denn an technische Anzeigegeräte erinnern. Man verzeiht sie dem SC als geschmackliche Sonderlichkeit der Achtziger.

Im Bitter SC stecken 1.500 Kilogramm geballte Automobiltechnik
 
Immerhin kann man Erich Bitter, der ja als passionierter Schöngeist bei den Karosserieentwürfen gern selbst Hand anlegte, zum äußeren Erscheinungsbild des SC heute noch beglückwünschen. Zwar ist unverkennbar, dass die Ferrari-Baureihe 400/412 hier Pate gestanden hat, doch der Bitter-Entwurf ist weit mehr als eine bloße Kopie. Denn es ist nicht ganz leicht, fast fünf Meter Stahlblech und über 1.500 Kilogramm geballte Automobiltechnik so geradlinig und doch zierlich zu formen. Im modernen Straßenverkehr wirkt der SC noch kleiner, er verschwindet mit seiner flachen Front und dem niedrigen Dach fast völlig in der Flut hochbauender moderner Automobile. Vermutlich gibt es kaum eine unauffälligere Möglichkeit, mit einem Edelauto der Achtziger unterwegs zu sein. Was natürlich ebenso für die Zeitlosigkeit des bitterschen Karosserie-Entwurfes spricht.
 
Auch das Motorengeräusch ist wenig dazu angetan, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen - ganz anders als der CD, dessen Ami-Achtzylinder bei jedem kräftigen Gasstoß für gespitzte Ohren und neugierige Blicke sorgte. Der gusseiserne Reihen­sechser, der sich schon zuvor in Generationen von Oberklasse-Opel seine Sporen verdient hatte, brummelt im SC zwar deutlich kerniger als etwa im Senator, aber das Klangbild kann nicht so ganz mit der italienisch inspirierten Form mithalten. Klar, ein Acht- oder gar Zwölfzylinder hätte dem SC auch gut gestanden. Und es soll tatsächlich Überlegungen gegeben haben, den Lamborghini-V8 des Jalpa in den Bitter zu verpflanzen. Doch zur bezaubernden Einfachheit der Bitter-Automobile hätte ein kapriziöser Viernockenwellenmotor aus Sant' Agata vermutlich noch weniger gepasst als der brave Opel-Motor.

210 PS für den Bitter SC
 
Dennoch kam man bei Bitter an der Erkenntnis nicht vorbei, dass das schöne neue Coupé mit dem 180 PS starken Dreiliter-Triebwerk etwas untermotorisiert sei. Abhilfe gab es ab 1984 bei Opel-Tuner Mantzel in Oberhausen. Mittels einer anderen Kurbelwelle mit 20,7 Millimeter mehr Hub wuchs der Gesamthubraum auf 3.849 Kubikzentimeter, was für 210 PS und 327 Nm bei deutlich niedrigeren Drehzahlen reichte. Untermotorisiert erscheint ein SC mit dem 3,9-Liter-­Antrieb auch heute nicht zu sein. Ohne viel Aufhebens stampft der Sechszylinder schon knapp oberhalb der Leerlaufdrehzahl los und beschleunigt das Coupé in 8, 6 Sekunden auf 100 km/h. Als Höchstgeschwindigkeit maß auto motor und sport in Heft 18/1984 bei einem Exemplar mit Schaltgetriebe 229 km/h, womit der SC damals zu den doch sehr Schnellen im Lande zählte.
 
Dabei ist es kaum nötig, den Motor bis zur Nenndrehzahl von 5.100 Touren hochzujagen. Das lauter, aber nicht schöner werdende Motorengeräusch mahnt schon viel früher zum Hochschalten, was zu kaum merklichen Einbußen bei den Fahrleistungen führt. Vielleicht würde die ebenfalls verfügbare Dreigangautomatik besser zum Charakter des sportlichen Komfort-Coupés passen. Dieser Meinung waren wohl auch die meisten Erstkäufer des SC, sodass handgeschaltete Exemplare heute zu den gesuchten Raritäten zählen. Überhaupt ist das Angebot an gut erhaltenen SC sehr überschaubar. Wenig erstaunlich, bei gerade mal etwa 461 gebauten Coupés. Dazu kamen noch 22 Cabrios und fünf Sedan.

Nur noch rund 200 Überlebende Bitter SC
 
Der Bitter Club International schätzt, dass es noch rund 200 überlebende SC gibt. Die niedrige Produktionszahl ist nicht auf mangelndes Käuferinteresse zurückzuführen. Als Kleinsthersteller hatte Bitter mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen. So geriet die Produktion der ersten SC-Serie bei der italienischen Karosseriefirma OCRA zum Fiasko. Qualität und Rostvorsorge waren auf so bescheidenem Niveau, dass Bitter nach einem Jahr und 79 Autos die Produktion der Rohkarossen an ILCA Maggiora vergab. Zeitweilig wurden die in Italien gefertigten Karossen im Bitter-Stammwerk in Schwelm bei Wuppertal komplettiert, bis Bitter in Graz den richtigen Partner fand: Steyr-Daimler-Puch übernahm die aus Italien gelieferten Karosserien und montierte sie zu vollständigen Fahrzeugen. In Schwelm wurden die fertigen SC vor der Auslieferung einer Endkontrolle unterzogen. Der Schritt nach Graz war wohl richtig.
 
Dem SC haftet gar nichts Kleinserienhaftes mehr an. Er wirkt beim Fahren solide und routiniert gebaut - ganz so, als käme er vom Band eines sehr qualitätsbewussten Großserienherstellers. Man genießt den vorzüglichen Komfort und das weiche Abrollen der nach heutigen Maßstäben fast ballonartigen Reifen. Und erfreut sich am großzügigen Platzangebot. Der SC ist mehr vollwertiger Viersitzer als knapper 2+2. So gesehen wird der Schritt verständlich, den SC auch als Viertürer anzubieten. Zur Serienfertigung des Sedan sollte es nicht mehr kommen. 1986 musste die SC-Produktion eingestellt werden. Erich Bitter freilich ließ sich davon nicht entmutigen. Heute ist er 70 Jahre alt, und vor wenigen Wochen zeigte er in Genf seine neueste Kreation: ein Coupé mit V8-Motor aus dem GM-Fundus und einer Karosserie mit deutlichen Ferrari-Anklängen. Vielleicht bleibt es ja noch länger so leicht, in ein paar Sekunden zum Bitter-Fahrer zu werden.

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