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BMW 3.3 Li und Mercedes 280 SE 3.5

Deutsche Luxus-Limousinen der 60er

BMW 3.3 Li, Mercedes 280 SE 3.5, Frontansicht Foto: Arturo Rivas 43 Bilder

Mercedes oder BMW? Was heute nur noch eine Geschmacksfrage ist, war in den 60er-Jahren ein Credo. Der dynamische Sechszylinder-BMW 3.3 Li der Bauereihe E3 forderte die konservativ-behäbige S-Klasse 280 SE 3.5 der Baureihe W 108 heraus. Zwei Welten begegnen sich.

21.01.2015 Alf Cremers Powered by

Der gute Stern auf allen Straßen verblasste, auf einmal war eine S-Klasse von Mercedes nicht mehr das Maß der Dinge. In den späten 60er-Jahren war einiges im Umbruch, gesellschaftlich, gestalterisch und technisch. Mehr individuelle Freiheit, ein sachlich-funktionales Produktdesign und neue, wegweisende Konstruktionen traten an die Stelle einer bürgerlich-konservativen Weltanschauung. Mercedes- Benz als Exponent dieser Philosophie kam da ein bisschen unter die Räder, als Gegenwind aus der progressiven Ecke wehte. Ausladende Formen mit reichlich Chrombehang, üppige Holzvertäfelungen und plüschige Velourssitze erfreuen zwar das Wirtschaftswunderkind, aber nicht mehr die neue Elite avantgardistischer Intellektueller.

BMW setzt mit dem E3 neue Maßstäbe bei Motor und Fahrwerk

BMW traf 1968 mit den neuen großen Sechszylindern den Nerv der Zeit. Der Typ E3, wie er intern heißt, hat eine sachliche, italienisch inspirierte Zweckform, er ist für einen Oberklassewagen eher kompakt und erwischt die repräsentative Mercedes-S-Klasse gleich an zwei Achillesfersen. Motor und Fahrwerk sind bei den BMW-Modellen 2500 und 2800 dem Stand der Technik voraus, während sich 280 S und 280 SE der 108er-Baureihe noch mit einem Sechszylindermotor und einer Eingelenk-Pendelachse aus den 50er-Jahren zufriedengeben.

Die Pendelachse sorgt zwar für einen überragenden Fahrkomfort, aber die Fahrsicherheit leidet. Bei scharfem Bremsen oder bei rasanter Kurvenfahrt neigt sie trotz Ausgleichsfeder zu tückischen Reaktionen. Die moderne BMW-Schräglenkerachse, beim E3 erstmals durch Federbeine abgestützt, ist zwar härter abgestimmt, verhält sich aber im Grenzbereich nur leicht übersteuernd, was ambitionierte BMW-Fahrer gerne durch kontrolliertes Driften provozieren. Die arg ausgequetschten Mercedes-Sechszylinder stemmen längst nicht mehr die legendären Laufleistungen aus den Tagen des 220 S mit 110 PS. Sie haben noch nicht einmal einen Querstrom-Zylinderkopf, der den Gaswechsel erleichtert und die Leistungsausbeute erhöht. Und sie laufen nur im unteren Drehzahlbereich weich und geschmeidig.

BMW-Reihensechser mit 7 Hauptlagern und 12 Gegengewichten

Der modern konzipierte BMW-Sechszylinder im 3.3 Li kann alles viel besser. Er ist ungemein drehfreudig und laufruhig, zieht elastisch aus dem Drehzahlkeller und hält trotzdem 200.000 Kilometer, wenn ihm seine übermütig herausposaunte Drehfreude nicht vorher in der Hand unsensibler Heizer zum Verhängnis wird. Dabei hält sich sein konstruktiver Aufwand gemessen an seinen exzellenten Eigenschaften in Grenzen.

Denn der M30 hat weder zwei obenliegende Nockenwellen noch vier Ventile pro Zylinder. Sein Geheimnis ist die ingeniöse Feinarbeit im Detail: Dank ausgeklügelter Brennraumform und einem sorgfältig ausgewuchteten Kurbeltrieb mit sieben Hauptlagern und zwölf Gegengewichten wurde er zur Referenz bei den Reihensechszylindern. Daimler-Benz reagierte rasch und legte ein Jahr später für den luftgefederten SEL und für Flachkühler Coupé und Cabriolet den kleinen 3,5-Liter-V8 nach.

Unsere Konfrontation der W 108-S-Klasse mit dem großen E3-BMW spielt in der 200-PS-Liga. Ein seltener, nur anderthalb Jahre gebauter 280 SE 3.5 tritt gegen das E3-Topmodell 3.3 Li an, das noch viel rarer ist und auch nur anderthalb Jahre gebaut wurde. Der kompakte BMW wächst erst mit zehn Zentimetern mehr Radstand zum repräsentativen Format des Mercedes. V8 gegen Reihensechszylinder ist beileibe kein unfaires Duell. Leistung und Drehmoment sind bei beiden Motoren fast identisch. Das BMW-Triebwerk imponiert eben durch besagte Brillanz, der Mercedes braucht die zwei Zylinder mehr, um in der Leistungsentfaltung gleichziehen zu können. Dabei läuft der BMW noch geschmeidiger.

Mercedes im Gründerzeitstil, BMW setzt auf Bauhaus-Ästhetik

Die Mercedes S-Klasse gibt vor allem in der edlen Farbe Mittelblau-Metallic, Code 396, die klassische Autoschönheit. Seine Proportionen sind harmonisch, die Details wirken gekonnt. Dem damaligen Mercedes-Chefdesigner Paul Bracq gelang mit dem W 108 ein großer Wurf, die vorher kathedralhaftgotische S-Klasse wurde optisch breiter und niedriger, die Heckflossen verschwanden, die kleinen Rückleuchten nehmen dem Heck die Wuchtigkeit.

Was blieb, sind die imposanten Rundungen der Motorhaube und die wuchtige Kühlerattrappe des Mercedes W 108 mit steilem Stern auf massivem Sockel. Den Mercedes kann man in seiner Opulenz mit einer Gründerzeitvilla vergleichen, der BMW E3 erinnert an einen Bauhaus-Bungalow von kühler, zeitloser Sachlichkeit. Seine dynamische Form mit strengem Doppelscheinwerfer-Gesicht prägte eine ganze BMW-Ära.

Der BMW 3.3 Li ist der zweite Versuch eines Topmodells, der erste war die 190 PS starke Vergaserversion namens 3.3 L, kurioserweise ist sie mit längerem Hub und mit mehr Drehmoment gesegnet. Das fast 40.000 Mark teure, voll ausgestattete BMW-Flaggschiff gab es anfangs nur mit ZF-Dreigangautomatik, später kam als Tribut an die Selbstfahrer-Klientel wahlweise das exakte Viergangschaltgetriebe zum Zuge, wie es unser BMW 3.3 Li im gedeckten Polaris-Metallic hat.

Mercedes S-Klasse mit opulentem Raumgefühl

Im Fahrvergleich gefällt der Mercedes W 108 mit seinem opulenten Raumgefühl und dem souveränen Fahrkomfort. Obwohl der 200 PS starke V8 bissig zupacken kann, animiert die S-Klasse so gar nicht zum Schnellfahren. Die wegen ihrer harten Schaltvorgänge oft gerügte Viergang-Ruckomatic mit Flüssigkeitskupplung statt Drehmomentwandler gibt sich im gelassenen Fahrbetrieb angenehm sanft. Und der Achtzylinder zeigt nur bei Kick-down oder handgeschaltet sein aggressives Stakkato-Klangbild. Neigung zum vitalen Fahrerlebnis

Der BMW E3 ist das modernere und bessere Auto, nur in der Karosseriequalität zeigt sich der Mercedes überlegen. Die treffende Charakterisierung des BMW 3.3 Li nahm der damalige Prospekttext in der typisch manierierten BMW-Diktion vorweg: „Die Pflicht zur Repräsentation muss die Neigung zum vitalen Fahrerlebnis nicht ausschließen.“

Fazit von Alf Cremers zu BMW 3.3 Li und Mercedes-Benz 280 SE 3.5

Leute, macht es mir doch nicht so schwer! Beide Autos trage ich seit der Kindheit in meinem Herzen. Den 108er Mercedes liebe ich wegen seiner hinreißenden Form und seiner wertvollen Verarbeitung. Der herrliche 3,5-Liter-V8 killt das Stigma der Bauernmotoren. Letztlich ist es der BMW, dessen vitales Wesen mich total fasziniert. Im E3 fühle ich mich jung und sportlich – und das will was heißen!

BMW 3.3 Li noch begehrter als Mercedes-Benz 280 SE 3.5

So unterschiedlich die beiden Luxus-Limousinen der 60er sind, so begehrt sind sie auch unter den Oldtimer-Liebhabern. Beim Preis schlägt sich neben den Qualitäten der Autos allerdings auch ihre Stückzahl nieder. Der BMW E3 wurde in der Topversion 3.3 Li nur 3.271 mal gebaut, vom Mercedes-Benz 280 Se 3.5 entstanden mit 11.309 Exemplaren mehr als dreimal so viel. Classic analytics listet den BMW 3.3 Li im Zustand 2 mit 32.000 Euro (Zustand 4:8.500 Euro) – der Mercedes-Benz 280 SE 3.5 ist mit 23.000 Euro gleich 9.000 Euro günstiger (Zustand 4: 5.800 Euro).

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