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BMW Hurrican Prototyp

Foto: Frank Herzog 19 Bilder

Seit Jahrzehnten sorgt ein Prototyp namens Hurrican für Aufsehen, zuletzt im Park der Villa d‘Este 2007. Wo kommt dieser mysteriöse Sportwagen her? Was ist das Geheimnis seiner skurrilen Eleganz? Motor Klassik auf Probefahrt und Spurensuche im futuristischen Coupé.

21.10.2008 Alf Cremers Powered by

Ein großer Unterhaltungswert zeichnet schon den parkenden Hurrican aus. Seine eigenwillige Form ist der ideale Beweis für die These, dass sich über Schönheit munter diskutieren und sogar trefflich streiten lässt. Der unbekannte Hurrican polarisiert Ästheten, und das macht ihn spannend.

Stimmen die Proportionen, sind die Überhänge nicht doch zu lang, sollte man den Radstand nicht besser um zehn Zentimeter kürzen? Und dann die Frontscheibe: viel zu stark gewölbt, eine runde Kanzel fast wie im Porsche 917. Sie stammt in Wirklichkeit vom Ferrari 250 LM - egal, auch ein Le Mans-Sieger. Der Fahrer sitzt viel zu weit vorn, wie sieht denn das aus? Cab-Forward-Design anno 1964.

Meisterstück von Studentenhand

Thomas Janzen, sein jetziger Besitzer, mag den Hurrican mit seinen kleinen stilistischen Schwächen. Für das Meisterstück einer Studentengruppe der Pfälzischen Meisterschule für Karosserie und Fahrzeugbau in Kaiserslautern ist er erstaunlich gut gelungen. Dennoch möchte er das legendenumwobene Einzelstück verkaufen. So etwa 55.000 Euro stellt er sich vor, der Wagen ist keine 3.000 Kilometer gelaufen. Janzen mag es lieber unauffällig, der Hurrican ist ein Publikumsmagnet mit enormer Sogwirkung: "Die Leute sprechen einen überall auf dieses ungewöhnliche Auto an - auf dem Supermarkt-Parkplatz, an der Tankstelle, vor dem Restaurant, das ist manchmal lästig."

Janzen, 40, handelt mit Klassikern. "Deutsche Sport- und Tourenwagen" steht auf seiner Visitenkarte. Er liebt das Understatement und die Diskretion eines Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 oder eines BMW 3.0 CS. Der Hurrican ist ein bunter Hund, der überall auffällt, obwohl er schwarz-silber ist, quasi nur aus Grautönen besteht.

Doch gegen diese surrealistische Form ist selbst neutrales Weiß machtlos. "Frua könnte ihn gestaltet haben", stellt Janzen fest, "der schuf charaktervolle Autos mit Ecken und Kanten, liebte seltsame Details. Anders als Pininfarina mit seinen glatten, aber auch hochästhetischen Skulpturen." Vier Jahre nach dem Hurrican zeichnete Frua 1968 tatsächlich eine Sonderkarosserie auf BMW 2000 ti-Basis, brachte den 2000 GT gleichzeitig als kleinen Monteverdi 2000 GTI heraus, natürlich ohne BMW-Niere in der sanft abgekanteten Frontpartie.

Aber erst der zierlichere 2002 GT4 von 1969 fand Beifall in der Chefetage. Beinahe wäre er in Serie gegangen, wenn BMW nicht auf einen kompakten Shooting Brake namens Touring gesetzt hätte und der Frua dem Karmann E9-Coupé preislich sehr nahe gekommen wäre.

Autopuzzle: Teile von Fiat, Jaguar, Volvo

Der Hurrican des Schweizer Max Seelaus, Teamleiter an besagter pfälzischer Meisterschule, ist das ideale Auto für ein Kenner-Quiz. Die erste Frage ist nicht besonders schwer: Welche technische Basis steckt unter der aerodynamisch geformten Karosserie? Bei geschlossener Motorhaube ist es am Schalthebel zu erkennen.

Ein BMW 2002 oder 2000 muss es sein, der große 2,5-Liter-Sechszylinder hätte sicher Platzprobleme. Schließlich deutet der lange Radstand auf den 2000 als Hurrican-Fundament. Es ist sogar ein ti mit zwei Vergasern, 120 PS stark und dank der windschlüpfigen Karosserie fast 200 km/h schnell. Früher, in seinem Entstehungsjahr 1964, diente ein 1800 TI als stählernes Fundament für diesen eigenwilligen Leichtbau-GT aus Kaiserslautern.

Die zweite, spannendere Frage lautet: Welche Bauteile von Serienautos erkennt man im Hurrican? Also, da sind zunächst einmal die Rückleuchten vom Fiat 850 Sport Spider, die Blinkleuchten vorn unter der Stoßstange stammen vom Jaguar XJ 6. Die Scheinwerfer unter den Plexiglaskuppeln gehören ursprünglich zum Volvo 121 Amazon, und die schmalen hinteren Ausstellfenster erinnern an ein Fiat 2300 S Coupé.

Innen ist die Lenksäule typisch Jaguar, die fünf kleinen Zusatzinstrumente im lederbezogenen Instrumentenbrett ebenfalls, sie tragen die feine Smiths-Signatur. Jaguar-Kippschalter zieren auch die spacige Bedienkonsole mitten auf dem Dachhimmel. Die feinen Leder-Schalensitze sind Maßkonfektion auf Scheel-Basis. Seltsam muten die beiden Kunststoffdeckel auf den Kotflügeln des fest verschweißten Vorderbaus an. Sie verbergen auf improvisierte Art den Zugang zu den Federbeindomen der McPherson-Vorderachse.

Sport-Kombination: Aerodynamische Karosserie, Klasse-Fahrwerk und druckvoller Motor

Thomas Janzen bittet zur Probefahrt. Groß gewachsene Menschen wie er haben es nicht leicht Platz zu nehmen. Die weit zurückversetzte A-Säule, Tribut an das dynamische Coke-Bottle- Profil unter Ausnutzung des langen Limousinen- Radstands, erschwert den Einstieg. Doch Fahrer und Beifahrer genießen ein großzügiges Raumgefühl und eine bequeme Sitzposition im Hurrican.

Es dauert nicht lange, dann wird man vom typischen heiseren Klang des BMW-Vierzylinders eingestimmt. Das Schema des Fünfgang-Sportgetriebes mit dem Ersten links unten will kurz geübt sein - rasch stellt sich das angenehm präzise Schaltgefühl ein, ohne das die Freude am Fahren bei BMW nicht denkbar wäre. Die Sicht nach vorn ist vom Hurrican aus ungewöhnlich: Die Glaskanzel dynamisiert die Landschaft wie ein Superweitwinkel-Objektiv. Die Nadeln von Tachometer und Drehzahlmesser, beide aus dem BMW 2500, sausen munter auf und ab. Schaltdrehzahl sind noch zahme warm-gefahrene 5.000 Touren. Dank der beiden Weber-Vergaser reagiert der Bilderbuch-Vierzylinder ungeheuer spontan auf jede Gaspedalbewegung.

Kein Zweifel, das spielerische Temperament des leichten und aerodynamischen Hurrican passt perfekt zur hohen Fahrdynamik des seinerzeit beispielhaften Fahrwerks. Dank der aufwendigen Schräglenkerachse kommt der Fahrkomfort nicht zu kurz. Das Auto wirkt selbst auf schlechten Straßen erstaunlich verwindungssteif. Keine Spur also von einem windigen Eigenbau, bei dem die Türen aufspringen, wenn man langsam über einen Bordstein fährt.

Sein maßgeblicher Schöpfer Max Seelaus stammte aus Zürich, er war der Spiritus Rector des Team-Projekts Hurrican. Es gelang dem damals 22-Jährigen, den BMW-Generaldirektor Helmut Werner Bönsch für seine Coupé-Studie zu gewinnen, der sich im Gegenzug angeblich Chancen auf ein neues attraktives Nischenmodell ohne große Entwicklungskosten machte.

Kostendruck: Glas 1700 GT statt Hurrican

Seelaus bezog Motor, Getriebe, Fahrwerk und Bodengruppe eines von Bönsch gestifteten 1800 TI aus München, machte sich sogar Hoffnungen auf eine Serienfertigung, aber der Glas 1700 GT killte angeblich das Hurrican-Projekt, weil der sich schnell zum BMW 1600 GT umstricken ließ.

Ende 1967 diplomierte Seelaus schließlich in Kaiserslautern als Karosserie- und Fahrzeugbautechniker, den Hurrican nahm er mit in die Schweiz und ließ das Projekt zunächst ruhen. Erst 1975 vollendete er es mit der handwerklichen Hilfe seine Mentors Horst Luithardt.

Das Interieur bekam attraktive Instrumente und einen edlen Lederbezug, unter dem Alu- Blech hielt die modernere Technik des BMW 2000 ti Einzug - mit Weber-Vergasern und einer Zweikreis-Bremsanlage. Ein Vinyldach bis rund um die kuppelförmige Heckklappe krönt das innovative Werk des Meisters. Später geriet der Hurrican in Vergessenheit. Eine feuchte Behausung setzte vor allem Polstern und Teppichen zu, der charismastische Zweisitzer versank bis zu seiner Wiederentdeckung in trauriger Anonymität.

Andere Coupés wie etwa der Porsche 924 oder der Lancia Beta Montecarlo griffen viel später die Idee vom günstigen, aufregend gestylten Sportwagen auf - mit Großserienteilen aus dem Regal, garniert mit ein paar technischen Finessen wie Transaxle-Antrieb, Doppelquerlenker-Hinterachse oder Doppelnockenwellen-Motor.

BMW indes verschrieb sich bis zum 850 CSi den großen Coupés. Die kompakten Sportlimousinen 2002 und 323i waren sich selbst genug.

Technische Daten
BMW Hurrican Prototyp
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4460 x 1690 x 1250 mm
Hubraum / Motor1990 cm³ / 4-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit195 km/h
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