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Checker-Cab A11 im Fahrbericht

Taxi Driver im Night Rider

Checker Cab A11, Fahrer, Windschutzscheibe Foto: Dieter Losskarn 10 Bilder

Der Checker-Cab von Dieter Losskarn blickt auf ein bewegtes Leben zurück: Erst Einsatzfahrzeug für die US-Drogenfahndung, danach Filmauto für Al Pacino und Ben Affleck, derzeit der Star unter den Nachtschwärmern auf Kapstadts Straßen.

19.03.2013 Michael Schröder Powered by

Einziges Checker-Cab in Südafrika

Der Checker-Cab liebt die Nacht. Immer dann, wenn das Meer die Lichter von Kapstadts belebter Hafenmeile reflektiert, treibt es ihn umher. Ruhelos, wie ein Jäger, der auf Beute aus ist, zieht er seine Kreise durch die Straßenzüge der südafrikanischen Metropole, streift von der schicken Waterfront hinüber zur Long Street, dem schwer angesagten Hot Spot der Stadt am südlichsten Zipfel Afrikas.

Der Checker-Cab weiß, dass er auffällt. Spürt die begehrlichen Blicke der Nachtschwärmer. Fühlt, wie die Neonlichter der vielen Bars und Restaurants über seine gelb glänzende Karosserie tanzen. Genießt, wie sich der Sound seines grummelnden V8 mit der Musik und dem Stimmenwirrwarr aus den Clubs vermischt. In seiner letzten Heimat New Jersey war er nur einer von vielen, in Kapstadt hingegen darf er das süße Leben eines umschwärmten Solisten führen. Es heißt sogar, dass er das einzige Checker-Taxi in ganz Afrika sei. So etwas wirkt sich natürlich auf das Ego aus.

Selbstverständlich weiß sein Besitzer, was er an seinem Checker-Cab hat, zelebriert jede Ausfahrt als sei es die erste, selbst nach 14 Jahren. Die rechte Hand am Lenkrad, der linke Arm locker auf die Türkante gelegt, eine nach oben geschobene Ray Ban, die die blonden Haare im Zaum hält. Dieter „Lossi“ Losskarn.

Ein Mann aus dem Fränkischen, der 1994 ins mondäne Hout Bay nahe Kapstadt gezogen ist, um von dort aus als Journalist und Fotograf zu arbeiten (www.lossis.com). Reisereportagen, Reiseführer, Bildbände sowie unzählige Testberichte für diverse internationale Automagazine stammen aus seiner Feder. Lossi bezeichnet sich selbst gern als Petrolhead, fühlt sich wohl in dem Land, in dem so viele ähnlich autoverrückt sind wie er. Sein bevorzugtes Alltagsfahrzeug? Natürlich der gelbe Checker-Cab.

Simpel konstruierte Arbeitstiere

Die Beziehung beginnt 1999. Losskarn sucht bereits seit einigen Jahren nach einen waschechten Checker-Cab, jenem legendären Taxi-Modell, welches von 1958 bis 1982 nahezu unverändert produziert wurde und das Straßenbild amerikanischer Großstädte nachhaltig geprägt hat. Das Angebot hält sich jedoch in Grenzen: Checker-Cabs werden nicht geschont. Sie sind simpel konstruierte Arbeitstiere, die man fährt, bis sie nach einem langen Leben und mit astronomisch hohen Laufleistungen auf dem Zähler förmlich auseinanderfallen. Der letzte im regulären Taxi-Betrieb eingesetzte Checker-Cab wird 1999 bei Sotheby's für sagenhafte 134.500 US-Dollar versteigert – mit 994.050 Meilen (1.599.768 Kilometer!) auf der Uhr.

„Doch da war plötzlich dieses Online-Angebot“, erinnert sich Losskarn. „Ein original Taxicab-Modell A 11 aus New Jersey.“ Losskarn nimmt Kontakt mit dem Besitzer auf, der sich als Orlando Lebelo vorstellt und zuerst einmal wenig vertrauenswürdig erscheint. Doch die Eckdaten des Checker-Cab klingen zu gut, um es sich womöglich entgehen zu lassen. Ein A 11 von 1976 in einem angeblich tadellosen Zustand und mit nur 90.000 Meilen auf dem Tachometer, für Checker-Verhältnisse also gerade erst eingefahren. Unter der riesigen Haube: ein 5,7-Liter-V8 von Chevrolet – die Top-Motorisierung im Checker-Cab, die ein Taxi-Unternehmer ab Werk ordern kann.

Nie als Taxi eingesetzt

Losskarn erfährt, dass der Checker-Cab 1976 zwar als Taxi bestellt worden war, jedoch nicht von einem Taxi-Unternehmen, sondern von der Drogenfahndung (DEA) aus New York. Die setzt es als ziviles Fahndungsfahrzeug ein – was den niedrigen Kilometerstand erklärt. Und natürlich den fetten Motor, ein Muss bei der Jagd nach Drogendealern. „Echte Taxi-Piloten zogen den sparsameren Chevy-Reihen-Sechszylinder vor“, erklärt Lossi.

Aber nun das Beste: Losskarn hat „seinen“ Checker-Cab bereits im Kino gesehen. Das Auto spielt in „Carlitos Way“ mit Al Pacino ebenso eine (Neben-)Rolle wie in „Eine Nacht in New York“ mit Ben Affleck. Er weiß jetzt, dass er dieses Fahrzeug haben muss, zahlt es an, vereinbart einen Termin für die Übergabe, die aus dramaturgischen Gründen unbedingt in New York stattfinden muss.

„Für mich ist ein Checker-Cab untrennbar mit meinem Bild vom Big Apple verbunden“, erklärt der Wahl-Südafrikaner, der in Gedanken bereits mit seinem gelben Taxi quer durch die Staaten reist: ein Trip von Manhattan bis Hollywood, um dieser uramerikanische Auto-Legende in einem Bildband ein Denkmal zu setzen. „Die Idee dafür ist mindestens so alt wie der Wunsch nach einem Checker.“

Ersatzteile gibt's sofort in der Checker-Metropole New York

Die erste Begegnung mit Orlando Lebelo und dem Checker-Cab verläuft jedoch ernüchternd. Mit langen fettigen Haaren und dem schäbigen Anzug entpuppt sich der Verkäufer als die Sorte von Mensch, denen man unter keinen Umständen im Zentrum von New York ein Gebrauchtfahrzeug abkaufen sollte. Und der Checker? Hängt vorn viel zu tief auf der Straße und verliert jede Menge Kühlwasser. „Das einzig Makellose an dem Deal war mein Bündel druckfrischer Dollar-Noten“, erinnert sich Losskarn.

Aber er kauft seinen Checker-Cab, schafft es mit dem waidwunden Auto gerade noch bis in die nächste Werkstatt. Die Radaufhängungen, die Bremsen und der Kühler sind am Ende, die passenden Ersatzteile lassen sich in der Checker-Metropole New York jedoch sofort auftreiben.

Schließlich der lang ersehnte Moment, die erste richtige Ausfahrt – Time Square, Central Park, Brooklyn Bridge. „Das Gefühl, im meinem eigenen Checker-Cab durch diese Stadt zu cruisen, war einfach überwältigend“, schwärmt Losskarn.

15.000 km durch die USA

Kurz darauf der Trip quer durch die USA. Der Fotograf spult in vier Monaten rund 15.000 Kilometer ab. Zwar keine pannenfreie Reise, aber der Checker-Cab hält durch. Und: Überall dort, wo der Checker auftaucht, wird er wie ein alter Freund empfangen, den man lange vermisst hat. Die Bilder, die Losskarn mitbringt, zeigen das gelbe Taxi am Rand des Grand Canyon, vor dem Monument Valley, in Las Vegas, in Sichtweite der Golden Gate Bridge. Lossis Bildband – ein gedrucktes Roadmovie. Als der Checker-Cab endlich in seiner neuen Heimat Südafrika eintrifft, spendiert ihm sein Besitzer eine Generalüberholung inklusive einer Leistungssteigerung von ursprünglich 147 PS auf 250 PS.

Statt der Jagd nach Drogenkurieren muss der Checker-Cab seitdem höchstens als Taxi für ein Brautpaar oder als Kulisse für ein Mode-Fotoshooting herhalten. Gut bezahlte Jobs, die ihm zudem auch noch Spaß machen. Denn die, die ihn erleben, schwärmen gleichermaßen von dem bullenartigen Antritt des V8 wie von dem souveränen Fahrgefühl, das nur eine große Limousine vermitteln kann. Erst jetzt scheint vielen aufzufallen, wie zeitlos und harmonisch dieses Auto mit dem freundlich dreinschauenden Doppelscheinwerfer-Gesicht und den angedeuteten Heckflossen gezeichnet ist.

Der Checker-Cab weiß es längst, wie gut er aussieht. Am besten gefällt er sich jedoch nachts, wenn die Lichter der Stadt auf seinen glänzenden Lack tanzen.

Das Checker-Cab-Taxi

Die Checker Motors Cooperation wird 1922 von dem russischen Immigranten Morris Markin in Kalamazoo, Michigan, gegründet. Dort entstehen erste Fahrzeuge für den Taxi-Betrieb sowie militärische Nutzfahrzeuge. 1935 ruft Markin die Checker Taxi Cooperation ins Leben, dessen Fahrzeuge an dem schwarzweißen Schachbrettmuster an den Seiten- und Dachrändern zu erkennen sind.

1958 beginnt die Produktion des legendären Taxi-Typs Checker-Cab A 11, von dem jährlich etwa 4.500 Modelle zumeist in Handarbeit entstehen. Der A 11 ist speziell für den Taxi-Betrieb überaus robust konstruiert und wird bis zum Ende der Produktion 1982 nahezu unverändert hergestellt. Der zivile Bruder, der Checker-Cab A 12 Marathon, macht etwa 20 Prozent der Gesamtproduktion aus. 1982 stellt Checker mangels Kapital für Neuentwicklungen die Automobilproduktion ein.

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