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Chrysler Valiant Six

Schlüssel zum Glück

9 Bilder

Didi Hainling kümmert sich nicht darum, was andere denken. Der Tattoo-Künstler aus Ulm und sein 71er Chrysler Valiant treten wie provokante Punker auf, ohne es gewollt zur Schau zu stellen. Sie leben es ganz einfach.

24.05.2007 Alf Cremers Powered by

Das Duell beginnt im Kopf

Beim Anblick dieser amerikanischen Jedermann Karre läuft automatisch der Film ab, auch wenn Farbe und Modellschriftzug nicht stimmen. In Stephen Spielbergs gefeiertem Erstlingswerk „Duell“ von 1971, einem Road Movie voll subtiler Spannung, jagt ein böser alter White Tanklastzug einen harmlosen Handelsvertreter im schüchternen Dodge Dart. Der leicht untermotorisierten Sechszylinder-Limousine gelingt es nicht, dem dämonischen Truck zu entkommen. Auf einer Passstraße durch die Rockies führt der kochende Kühler des Dodge schließlich zum Showdown mit verblühendem Ausgang: Das Gute im Dart gewinnt. Didi Hainlings goldener Chrysler Valiant ist baugleich mit dem Dodge Dart, den Schauspieler Dennis Weaver stets mit dem Vollgas der Verzweiflung durch den Film drischt, um dem Monster-Truck zu entkommen.
 
Filmreifes Punk-Outfit

Trotz auffälliger Kriegsbemalung wirkt die kantige 71er Limousine harmlos, an den Flanken ist sie tätowiert wie ihr Besitzer. Sein bitterböses Punk-Outfit ist allerdings filmreif. Didi verdient sein Geld als Tattoo und Piercing-Künstler mit eigenem Atelier in Ulm und könnte sofort eine glaubwürdige Nebenrolle in Mad Max IV an der Seite von Mel Gibson spielen. Er lebt eine irgendwie selbstverständliche Mischung aus Sheriff und Outlaw. Checkpoint Charlie steht auf der Fahrertür, so heißt auch sein Tattoo Studio. Und sein Auto war einst die typische Filmbesetzung als Officerkarre bei Police oder Military Police. Didi Hainlings goldener Chrysler Valiant ist baugleich mit dem Dodge Dart. Trotz auffälliger Kriegsbemalung wirkt die kantige 71er Limousine harmlos, an den Flanken ist sie tätowiert wie ihr Besitzer.

Wenn der 1,90 Meter große, stille Außenseiter seinen auffälligen Valiant mit stoischer Gelassenheit durch den tristen Ulmer Stadtverkehr lenkt, denkt man sowieso, man sei im falschen Film. Hier, in der schwäbischen Provinz, wächst der Dart alias Valiant, in Amerika einst ein billiger Kompaktwagen und hierarchisch ziemlich weit unten, plötzlich zu einer stattlichen Autorität heran. Und man kann irgendwie nicht anders, als ihm einfach hinterherzufahren. Eigentlich hätte der teuflische Didi mit seinem kurz rasierten Leopardenschopf unter dem strengen Leder-Barett eher ein fieses Muscle-Car verdient. So einen Challenger-Ballermann mit 440erHemiMotor. Oder wenigstens einen zwielichtigen Plymouth Roadrunner – außen bieder, innen brutal. Genauso wie Didi, nur eben andersrum.
 
Doch dem gelassenen 42jährigen Zeitgenossen, unter dessen rauer Macho-Schale wie in schlechten Romanen tatsächlich eine empfindsame Seele steckt, reicht der zahme Sechszylinder. Mit einem Volumen von 3,7 Liter ist der ausgeprägte Langhuber größer als so mancher europäische V8. „Ich liebe diese Schüssel“, bekennt Didi mit sanfter Stimme. „Per Zufall habe ich sie vor drei Jahren bei einem Freund entdeckt. Der Wagen ist das Coolste, Bequemste und Unkomplizierteste, das ich je fuhr – Normalbenzin reinschütten, fahren und fertig. Okay, ab und zu gibt‘s mal ne Wäsche und nen Ölwechsel.“

Stilistisch ist der brave Chrysler Valiant, der in den USA übrigens Plymouth hieß und nur in Europa, wenn er aus dem Schweizer Chrysler-Montagewerk kam, den ranghöheren Konzern-Dienstgrad  tragen durfte, eine Mischung aus Admiral A und Rekord B. Dreieckfenster, Breitbandtacho, Sitzbank und Trapezlinie zitieren überdeutlich die Mode der sechziger Jahre. Der erste Plymouth Valiant erscheint bereits 1961. Die hier gezeigte, ab 1969 gebaute Variante ist das Ergebnis einer  sanften Evolution. Das olivgrüne Valiant-Interieur aus einem verwegenen Zeitgeist-Materialmix aus Stoff und Vinyl passt gut zum Original-Lack in satter Goldbronze. Sechs Personen haben dank zwei durchgehender Sitzbänke Platz in dem tapferen Compact, wie er im Ami-Slang knapp heißt.

Bescheidene Motorisierung schont die Nerven
 
Didi Hainling hat den Chrysler innen mit der Nachbildung eines Schrumpfkopfes aufgewertet. Das steigert die Gemütlichkeit, und aus dem modernen Panasonic-Radio in blauem Neon-Look- Display quillt heitere Rockabilly-Musik, klebrig wie Zuckerwatte. Stattdessen hätte man Böseres wie die Sex Pistols, Kiss oder wenigstens Nirwana erwartet. Leise nuschelt der langhubige Sechszylinder vor sich hin. Sein Sound ist un-aufdringlich, aber angenehm, erinnert an einen Opel Commodore. Ein kurzer Tritt aufs Gaspedal – und der Valiant setzt sich, keineswegs vehement, sondern mit Nachdruck, in Bewegung. Die Drehmomentkurve ist schließlich so flach wie die Kurven von Kate Moss.

Immerhin helfen 254 Newtonmeter  den spärlichen 115 DIN-PS auf die Beine, um gegen den 1350 Kilo schweren Wagen anzukämpfen. Dabei ist der 3,7-Liter-Big- Block nach einem 2,8er- und einem 3,2er-Sechszylinder hier zu Lande schon die tapferste Motorisierung für den Valiant, den es in den USA sogar als V8 gab. Beim Fahren merkt man bei aller Mühelosigkeit schnell, dass es dem Valiant etwas an Lenkpräzision fehlt, Motor und Getriebe harmonieren dagegen ausgezeichnet. Die Dreigang-Torqueflite-Automatik schaltet stets manierlich, und der Motor lässt sein üppiges Drehmoment lässig in den Wandler fließen. Selbst das Fahrwerk, Achillesferse preiswerter Low-Tech-Amerikaner, ist so schlecht nicht. 

Der Valiant liegt straff und sicher auf der Straße, untersteuert deutlich und rollt sogar recht geschmeidig ab. Vielleicht liegt es an der europäisch konstruierten Vorderachse mit Doppel-Querlenkern und aufwendigen Torsionsfedern. Didi Hainling liebt den American Way of Drive in seiner bescheidendsten, mitunter aber auch glücklichsten Form. Wohl, weil es ein Genuss ohne Reue ist: bezahlbare Unterhaltskosten, lange Lebensdauer, viel Raumkomfort und ein leises, nervenschonendes Fahren.  So ein Dart oder Valiant ist die billigste Eintrittskarte in den Mopar-Club, sein Gesicht zeigt ähnliche Züge wie Charger, Challenger, Monaco und Co. Und wie seine berühmten Verwandten, die in Fluchtpunkt San Francisco brillierten oder mit den Blues Brothers auftraten, spielte er die Hauptrolle in einem legendären Road Movie.

Technische Daten
Chrysler Valiant Six
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4985 x 1770 x 1370 mm
Hubraum / Motor3678 cm³ / 6-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit165 km/h
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