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Citroën Dyane 4 und Renault 6 im Fahrbericht

Familien-Bande

Citroën Dyane 4, Renault 6, Seitenansicht Foto: Arturo Rivas 13 Bilder

Objektiv betrachtet bedeuteten sie einen Fortschritt. Dennoch erreichten Citroën Dyane und Renault 6 nicht die Erfolge der kleineren Vorgängermodelle 2 CV und R4.

09.02.2014 Klaus Finkenburg Powered by

Gegen Ende der Sechziger führten zwei französische Autohersteller nahezu zeitgleich Nachfolgemodelle für fahrende Legenden ein. Bei der 1967 vorgestellten Dyane handelte sich um eine vergleichsweise moderat modernisierte Ente. Die bewährte technische Basis samt Zweizylinder-Boxermotor blieb unangetastet, die Karosse, mit dem tragenden Rahmen verschraubt, war indes eine völlige Neukonstruktion. Nicht viel anders gingen die Ingenieure bei der Entwicklung des Renault 6 vor. Man nahm Vorhandenes, sprich den Plattformrahmen samt Technik des R4, und schraubte eine völlig neue Karosse darauf.

Modernere Ente mit praktischen Lösungen

Mit ihren geraden Linien samt in die vorderen Kotflügeln eingelassene Scheinwerfer mutete das Design der Citroën Dyane nach damaligem Ermessen durchaus ein bisschen modern an, mehr jedenfalls, als dies beim Deux Chevaux der Fall war. Ein Novum war die praktische Heckklappe, die bis hinauf zur Dachkante reicht. Das bei 2 CV-Eignern beliebte serienmäßige Rolldach ließen die Entwickler unangetastet.

Auch beim Renault R6 waren weiche Rundungen einem Design gewichen, das von Ecken und Kanten dominiert ist. An das populäre Mittelklassemodell R16 angelehnte Stilelemente lassen einen Renault 6 optisch deutlich erwachsener wirken als den R4.

Vorläufer heutiger Kompaktwagen

Die Urteile der deutschen Fachpresse fielen dennoch gewohnt reserviert aus. Dem Renault 6 etwa bescheinigte auto motor und sport anlässlich eines Tests (1/1971) zwar den einen oder anderen Vorteil, etwa die gute Heizung und die schluckfreudige Federung. Insgesamt aber, mäkelte das Magazin, werde das von deutscher Wertarbeit, also „beispielsweise von Volkswagen oder Opel gebotene Niveau nicht erreicht“.

Noch härter ging das Fachblatt (24/1967) mit der Dyane ins Gericht: Nach Analyse der typischen Käuferschaft, eines „... sehr oft bärtigen und ziemlich intellektuell dreinschauenden ... Menschenschlags, der normal aussehenden und zügig dahinrollenden Fremdfabrikaten eine gewisse Abscheu entgegenbringt“, kam der Tester zum Schluss, es sei doch „... bemerkenswert, dass die Dyane … überhaupt fährt.“

Um herauszufinden, wie schlimm es wirklich ist, sprach Motor Klassik bei Clemens Göler vor. Dieser Händler aus Langenau unweit von Ulm hat sich auf den Import von Klassikern aus Frankreich spezialisiert. In seinem Angebot fanden sich je ein Renault 6 und eine Citroën Dyane, standesgemäß beide in der Grundmotorisierung der Herstellungsjahre 1971, also als Dyane 4 mit 23 und als R6 mit 34 PS. Erster Eindruck: Das nicht „normale“ Aussehen, das auto motor und sport anno 67 ausmachte, können wir heute so nicht mehr bescheinigen.

Franzosen waren wieder mal ihrer Zeit voraus

Vielmehr waren die Franzosen, nicht zum ersten Mal, ihrer Zeit wohl nur ein wenig voraus. Schrägheck-Kleinwagen wie Citroën Dyane und Renault 6 wirken aktuell, im Zeitalter von Kompaktwagen à la Golf, sogar vertrauter als Kofferraum-Limousinen vom Schlage eines Kadett B oder eines VW Käfer mit Schrägheck. Einen Sprung in die Vergangenheit erlebt man dann aber beim Einsteigen. Der Fahrer nimmt auf, nicht im Sitz Platz und erfreut sich sogleich, obwohl beide eindeutig der Klasse der Kleinwagen zuzuordnen sind, an einem überraschend großzügigen Raumgefühl. Die Dyane lässt zudem bereits im Stand keine Zweifel an der geradezu sensationellen Schluckfreudigkeit ihrer Federung aufkommen.

Nach dem Anlassen tun sich Welten auf. Der 435 cm³ große Boxer des Citroën Dyane  startet lautstark und unter unwilligem Schütteln knödelt dann im Standgas laut vernehmlich vor sich hin. Der wassergekühlte 850-Kubik-Vierzylindermotor des Renault 6 entpuppt sich dagegen als reinste Flüstermaschine und schnurrt gleich los wie ein Nähmaschinchen.

Dyane und R6 mit sehr gutem Federungskomfort

Bei der Bedienung zeigen sich wieder Gemeinsamkeiten. Die eine Hand legt sich auf ein mit dünnem Kranz etwas zerbrechlich wirkendes, großes Lenkrad, die andere auf den Knauf der Krückstockschaltung. Kuppeln, Gang einlegen, Gas geben – alles wie von den Vorgängern gewohnt. Beide bieten einen sehr guten Federungskomfort und nehmen selbst Ausflüge auf Feldweg und Acker nicht krumm. Der größte Unterschied zwischen Citroën und Renault liegt im unterschiedlichen Schaltschema.

Hinsichtlich der gefühlten Beschleunigung auf den ersten Metern unterscheiden sie sich kaum, erst jenseits von Innerorts-Geschwindigkeiten hängt der Renault 6 die nun immer zäher wirkende Citroën Dyane 4 allmählich ab. Die Höchstgeschwindigkeiten liegen bei etwa 100 beziehungsweise 120 Stundenkilometern. Tatsächlich pendelt sich das Reisetempo mit der Dyane eher bei 80 ein, optimal passend zum bei schönem Wetter gern geöffneten Rolldach. Auch dem dann laut werdenden Renault 6 nötigt der Fahrer ungern mehr als 100 km/h ab.

Enttäuschende Verkaufszahlen

Alles in allem bieten Citroën Dyane und Renault 6 in jeder Hinsicht zumindest die Qualitäten der Vorgänger, vom etwas weniger ausgeprägten Knuffigkeitsfaktor einmal abgesehen. Unter diesem Aspekt fielen die Verkaufszahlen, obgleich nicht wirklich katastrophal, doch enttäuschend aus.

Von der Citroën Dyane einschließlich der Lieferwagenversion Acadiane wurden knapp 1,8 Millionen Exemplare produziert, vom 2 CV in seinen diversen Varianten etwa 5,1 Millionen. Vom Renault 6 verkauften sich rund 1,5 Millionen Stück, der Renault 4 brachte es auf 8 Millionen.

Verschiedene Leistungsvarianten

Wer wollte, hatte seinerzeit die Option, in Leistungsregionen aufzusteigen, von denen Renault 4- und Citroën 2CV-Besitzer nur träumen konnten. Von Citroën gab es die Dyane 6, 32 PS stark und gut für 120 km/h. Noch mehr Power hielt Renault bereit. Der 1100er-Motor der R6 TL leistete bis zu 48 PS, noch flotter war der 1.300 Kubik große und 60 PS starke GTL. Aber vielleicht war ja gerade derlei Leistungsgeprotze der vom Schwestermagazin seinerzeit ausgemachten Klientel bereits zu viel.

Warum auch immer: Die Citroën Dyane und der Renault 6 wurden schließlich sogar noch von ihren Vorgängern überlebt. Nachdem die Produktion der Dyane 1983 eingestellt wurde, baute Citroën die Ente noch sieben Jahre lang weiter. Das Ende des R6 wurde 1980 eingeläutet, sechs Jahre vor dem R4.

Fazit

Gute Dyane und R6 gibt es noch immer für den halben Preis einer Ente beziehungsweise eines R4. Die Frage ist, wie lange noch. Gerade in der Oldtimerszene werden Individualität und Exklusivität groß geschrieben. Und davon bieten R6 und Dyane mittlerweile tatsächlich mehr als die heute schon dem Mainstream zuzurechnenden Vorgänger.
 

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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