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Citroën Visa Club

Zwerg mit viel Komfort

Motor Klassik, Heftvorschau, 0713 Foto: MKL 9 Bilder

Seit 40 Jahren schreibt Klaus Westrup über Autos in auto motor und sport. Für Motor Klassik blättert er in seinem alten Notizbuch und erinnert sich, diesmal an einen fast vergessenen kleinen Citroën, den Visa Club.

28.11.2013 Klaus Westrup Powered by

Ende der siebziger Jahre sind die Lücken in den Modellprogrammen der Automobil-Hersteller noch groß. Bei der einst so avantgardistischen Marke Citroën tut sich zwischen 2 CV und Dyane und dem bereits mit hydropneumatischer Federung auftrumpfenden GS ein solches Loch auf. Es ist nicht besonders groß, doch die Franzosen wollen es schließen. Optisch ist das neue Automobil eher am unteren Ende der Lücke angesiedelt - nur 3,70 Meter lang und ziemlich schmal, vier Türen sind serienmäßig. Es gibt drei, größtenteils in der Ausstattung differierende Versionen des Visa: Special, Club und Super.

Zweizylinder-Boxer basiert auf Enten-Motor

Der Super heißt zu Recht Super. Er ist 1979 der einzige Visa mit Vierzylindermotor, der - ein Liter groß und 50 PS stark - vom Konzernbruder Peugeot stammt. Die anderen beiden Visa, in denen Citroën "Mehrzweckfahrzeuge, geeignet als Erst- oder Zweitwagen" sieht, haben Zweizylindermotoren, wie sie in dem genialen Minimum Deux Cheveaux verwendet werden.

Ein auch in der Architektur manchmal angewendeter Kühnheitsfaktor spielt zweifellos eine Rolle, wenn man sich traut, einen ansonsten recht erwachsen gewordenen Viersitzer, der vollgetankt immerhin 770 Kilogramm auf die Waage bringt, so mager zu motorisieren. Denn das auf dem 2 CV basierende neue Triebwerk des Citroën Visa hat ja nicht nur wenige Zündimpulse pro Umdrehung zu offerieren, sondern ist auch sehr klein geraten.

Mit exakt 652 Kubikzentimetern liegt der luftgekühlte Boxer nur ein Mopedvolumen über dem Sechshunderter der Ente, leistet allerdings mit 36 PS bei 5.500 Umdrehungen genau sieben Pferdestärken mehr. Es gibt, ganz im Sinne der Standfestigkeit, ein drittes Kurbelwellenlager, nikasilbeschichtete Zylinder und eine elektronische Zündung, die nach Serienanlauf des Citroën Visa gelegentlich Probleme machen wird.

Im direkt aus Paris stammenden und mit französischer Nummer antretenden Test-Club bringen die beiden Kerzen das wenige komprimierte Gas-Luft-Gemisch zuverlässig zur Detonation - akustisch durchaus an den 2 CV-Boxer erinnernd, aber nicht ganz so schnatternd.

Citroën verkauft den Visa als Auto ohne Grenzen

Auch untermotorisierte Autos müssen zwecks Messfahrten ins Hockenheimer Tempodrom, und siehe da, der kleine Boxer macht seine Sache im Citroën Visa gar nicht so schlecht. Bei der Begutachtung der Werte tut man jedoch gut daran, die Winzigkeit der Maschine relativierend zu berücksichtigen, dann sind die 30 Sekunden auf Tempo 100 und erst recht die Höchstgeschwindigkeit von fast 130 km/h durchaus anerkennenswert.

Absolut gesehen ist der Citroën Visa in Club-Version eine lahme Ente - ohne optisch entenmäßig aufzutreten. Eine Katastrophe ist die sogenannte Beschleunigungs-Elastizität. Fast 40 Sekunden vergehen, bis der Visa im vierten Gang von 40 auf 100 km/h beschleunigt. Spätestens jetzt wird klar, dass man selbst sehr Special sein muss, um sich im Club noch angemessen motorisiert zu fühlen.

Auch die Gestaltung des Citroën Visa-Interieurs verlangt Einfühlungsvermögen und dokumentiert eindrucksvoll, wie sehr Citroën damals auch bei den kleinsten Modellen um Eigenwilligkeit bemüht ist. Das "Auto ohne Grenzen" (Citroën-Pressetext) verzichtet ganz auf die übliche und bewährte Anordnung der wichtigsten Bedienungselemente, sondern postiert als Neuheit einen sogenannten Bedienungs-Satelliten, der links vom markentypischen Einspeichen-Lenkrad aus dem Cockpit wuchert. Das Plastik-Trumm besteht aus drei Teilen - dem oberen, der Scheibenwischer und -wascher in Gang setzt, dem mittleren, der hupen und blinken kann, und dem unteren, für Lichtspiele aller Art.

Verwirrender Satellit

Der Satellit ist gut gemeint, aber er funktioniert nicht. Die Bewegungsabläufe, die die linke Hand koordinieren soll, erscheinen selbst nach Gewöhnung unlogisch - zu Anfang herrscht klamme Unsicherheit vor. Manchmal haben unpraktische Dinge ja den nicht messbaren Vorzug körperlicher Attraktivität, aber auch das bestätigt sich nicht. Der Satellit des Citroën Visa verwirrt nur und ist hässlich - in der Automobilgeschichte bleibt er eine von niemandem nachgeahmte Kuriosität.

Ansonsten herrscht im Citroën Visa Normalität vor im Interieur, brave Bürgerlichkeit mit eckigen Instrumenten, einem für ein so kleines Auto erstaunlich großen Innenraum und einem Koffer-Abteil, in dem 220 Liter verschwinden könnten.

Die Zuladung des Citroën Visa beträgt 300 Kilogramm - nicht gerade üppig für einen Viersitzer, der bei voller Besetzung mit normal ernährten Mitteleuropäern kaum mehr Raum lässt als für einen Snack. Ans Leistungsgewicht mag man in diesem Zusammenhang ohnehin nicht denken, auch nicht an wütende Audi-Fahrer im Heck, die nicht ahnen, dass gerade der Visa-Fahrer meist ein Bleifuß-Pilot ist.

Visa mit gutem Federungskomfort

Der kleine Boxermotor verrichtet im Citroën Visa seinen Dienst auch bei hohen Drehzahlen systembedingt ohne störende Schwingungen und mit beispielhafter Laufruhe. Auf Langstrecken macht sich das positiv bemerkbar, ebenso wie der gute Federungskomfort. Er bleibt zwar ein Stück von dem des größeren GS entfernt, aber er fühlt sich noch sehr markenspezifisch an. Erst viele Jahre später wird Citroën bei seinen kleineren Modellen von diesem Charakterzug abweichen und sportlicher werden, sich ohne Not dem Mainstream anpassen.

Zu den Auffälligkeiten von damals zählt auch die ausgeprägte Seitenneigung in schnell gefahrenen Kurven - immer wieder ein kleiner Spaß oder Schreck für die Entgegenkommenden. Fast acht Liter verbraucht der Test-Visa im Mittel pro 100 Kilometer - wirklich sparsam sind angestrengt laufende Minimalmotoren nicht, bis zum heutigen Tag.
 
Die Citroën Visa-Story wäre unvollständig ohne die später folgenden Varianten. Die exotischste ist die zunächst Décapotable, dann Plein Air genannte Offenversion, eine unelegant aussehende Cabrio-Limousine, die nur wenige Käufer begeistert. Mehr Zuspruch findet der Visa mit einem 1,7 Liter großen und 60 PS starken Peugeot-Dieselmotor. Es ist der Visa für Kenner, eine Art Geheimtipp - kräftig, drehmomentstark, niedertourig. Eine übergewichtige Nachbarin kauft einen solchen silbergrauen Visa 17 RD. Instinktiv hat sie sich für das Muscle Car entschieden.

Der Citroën Visa auf einen Blick

  • Gebaut von 1978 bis 1988
  • drei verschiedene Motoren: Zweizylinder-Boxer, luftgekühlt 652 cm3, 37 PS, Vierzylinder-Reihenmotor von Peugeot, 1,1-Liter mit 57 PS und ein 1,8-Liter-Diesel mit 60 PS
  • Cabrio-Limousine Plein Air
  • Diesel-Kastenwagen C15 bis 2005
  • Gute Exemplare des Visa kosten 2.500 Euro.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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