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Corvette C6 Abschiedsmarathon

24h-Roadtrip im US-Sportler

Corvette C6, St Pauli, Hamburg Foto: Rossen Gargolov 38 Bilder

24-Stunden-Roadtrip zum Abschied. sport auto Testredakteur Christian Gebhardt und Fotograf Rossen Gargolov fuhren mit einem der letzten gebauten Corvette C6 Cabriolets der auslaufenden Baureihe einen Tag quer durch Deutschland.

30.10.2013 Christian Gebhardt Powered by

Acht Zylinder, sieben Liter Hubraum, 512 PS – stell Dir vor, du hast noch einen Tag Zeit, um dich von deinem Traumwagen zu verabschieden. Nach 215.100 Exemplaren bollerte am 28. Februar 2013 die letzte Corvette der C6-Baureihe vom Band. In meiner imaginären Traumwagen-Halle findet sich auch eines dieser Hubraummonster. Zum Abschied haben sie im GM-Werk Bowling Green in Kentucky das V8-Cabrio mit dem massiven LS7-Small Block der Z06 verheiratet. Name des Sondermodells: Corvette 427 Convertible Collector Edition.

Im Corvette C6 Cabriolet durch Deutschland

Klick, noch 23 Stunden, 59 Minuten und 59 Sekunden, die Stoppuhr läuft. "Rocky, hast du Lust auf einen kleinen Ausflug?" Rocky, dessen Spitzname schwer nach Boxring und Stallone klingt, ist in Wirklichkeit unser Fotograf Rossen Gargolov. Vier Minuten später werfen wir Fotoausrüstung und zwei Schlafsäcke in den wäschekorbgroßen Kofferraum, um anschließend in den gemütlichen Leder-Sesseln der Corvette zu versinken. Unser Roadtrip quer durch Deutschland kann beginnen. Wohin? Der Weg ist das Ziel.

12 Uhr: Raus aus Stuttgart, rauf auf die Autobahn A8 gen Süden. Im Radio verkünden sie eine "Wetterwarnung des deutschen Wetterdienstes mit Starkregen in weiten Teilen Süddeutschlands". Die 427er Corvette C6 bollert lässig im sechsten Gang dahin, während die Scheibenwischer im Akkord schuften. Wir dümpeln mit Tempo 90, während das Regenwasser in den Radkästen wie die Brandung am Atlantik rauscht. Mit 335er Hinterachsschlappen besteht die Vette nicht einmal das Seepferdchen. Aquaplaning lässt schlecht gelaunte Schweigsamkeit im V8-Cockpit aufziehen, nach 163 mehr geschwommenen als gefahrenen Kilometern folgt unser erster Roadstopp.

Wild, Wild West - Zum Frühstück Bacon and Eggs in Dasing

Miss Pepper hebt die Stimmung mit Spiegeleiern und knusprigem Speck. Miss Pepper, ein auf Fünfziger getrimmter US-Diner an der Autobahnausfahrt Dasing nahe Augsburg, beamt uns gedanklich in die Zeit der Petticoats und des Rock’n Roll zurück. Doch die Truckerkneipe ist nicht die einzige amerikanische Enklave in Dasing. Langsam rollt die Corvette C6 Cabriolet auf den Vorplatz zwischen Saloon, Sheriff-Office und Generalstore. In der Fred Rai Western City treffen wir zwar nicht auf Winnetou und Old Shatterhand, dafür auf Erika im Wild-West-Look: „Ich steh’ eher auf Harley Davidson und Ford Mustang.“ Damit kann die Vette gut leben, schließlich ist sie, wie genanntes Bike und Ponycar, nicht weniger freiheitsliebend. Klick, ein schnelles Foto – Dasing liegt hinter uns.

Der V8 kämpft weiter gegen die Fluten. Über Land- und Bundesstraßen tuckern wir ins 113 Kilometer entfernte Schwangau bei Füssen. Die Corvette C6 passt in die Idylle aus Alpenpanorama und Schloss Neuschwanstein genausogut wie Mick Jagger in den Musikantenstadel. Egal, erstmals auf unserer Reise Öffnen wir das elektrohydraulische Verdeck. Nach 18 Sekunden pfeift der Nieselregen quer durchs Cockpit. Ein quietschender Burnout lenkt japanische und amerikanische Touristen kurzeitig von ihrem Neuschwanstein- Fotomotiv ab. Wir haken Bayern in Gedanken ab und füttern das Corvette-Navi mit 90er-Jahre-Atari-Gedächtnis-Grafik mit einem neuen Ziel: Berlin! Noch 702 Kilometer bis zur Hauptstadt.

Trotz 512 PS - 12,8 Liter Durchschnittsverbrauch sind auch drin

Der Regen lässt langsam nach. Mit 200 km/h geht‘s vorbei an München, Ingolstadt, Nürnberg, Bayreuth und Hof in den Ostteil der Republik. Da sage noch einmal einer, so ein großvolumiger V8 wäre eine Umweltsau. Die Schleichfahrt zu Beginn unserer Tour hat den Durchschnittsverbrauch der Corvette auf 12,8 Liter sinken lassen. Der 427-Express gewinnt auf den drei Spuren der A9 immer mehr an Fahrt.

Vor dem Schkeuditzer Kreuz zwischen Halle und Leipzig blinkt im Display des Kombiinstruments der Hinweis "Low fuel" auf. Auf dem Autohof im sächsischen Bad Dürrenberg stillt der Hubraumgigant unter der Haube der Corvette C6 seinen Durst. Während die Vette an der Zapfpistole hängt, versucht sich Rocky am hiesigen Espresso. Seine Augen verraten, dass die braune Brühe nicht über eine 4+ hinauskommt. Unser Lichtbildner ist der Coffee-Maniac der Redaktion. Kaffee ist für ihn kein Heißgetränk, vielmehr Hobby, Lebenseinstellung und Genuss – eben das alles, was auch Corvette-Fahrern ihr geliebtes Automobil bedeutet.

Weiter geht’s. Gut, dass das Corvette C6 Cabrio einen sahnemäßigen Geradeauslauf hat. Mit der linken Hand halte ich das Lenkrad notdürftig fest, während mit der rechten ein Käsebaguette aus dem Tankstellenshop gemampft wird. Von Käsegeschmack keine Spur. Das zähe Teil wurde in Remoulade ertränkt. Der Hunger treibt den kulinarischen Genuss zum Wucherpreis von 4,99 Euro rein.

Der Amerikaner mit 7 Litern Hubraum polarisiert ganz Berlin

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin: Am Autobahndreieck Potsdam folgen wir dem Wegweiser Richtung Berlin Zentrum auf den Berliner Ring. Der Tageskilometerzähler springt auf 1.000 um. 34 Minuten später treffen sich zwei Symbole der Freiheit – die 427 rollt vor das Brandenburger Tor. "Jetzt muss alles ganz schnell gehen, hier ist viel Polizei unterwegs", sagt Rocky, während er mit der Kamera im Anschlag vom Beifahrersitz der Corvette C6 springt.

Klick, als der nächste Schnappschuss eigentlich schon im Kasten ist, hüpft plötzlich "Herby, der Party-Cowboy" vor die Linse. So zumindest stellt sich uns der Straßengitarrist vor, der lediglich mit Cowboyhut, String-Tanga und Halstuch bekleidet ist. Jedem das Seine – wir stehen auf den Corvette-V8 statt auf FKK-Musizieren. Das sport auto-Duo in 24h-Mission rollt weiter.

Äh, tschuldigung, wo geht es hier nochmal zum Checkpoint Charlie? Neben uns an der Ampel wartet ein Berliner Radfahrer. Keine Reaktion auf meine Frage. Rocky pfeift daraufhin wie Trainerlegende Otto Rehhagel laut durch die Finger. "Bin ick een Hund oder wat?" brüllt uns der Satteltarzan plötzlich an und radelt kopfschüttelnd von dannen. Die bei Sprühregen mit geöffnetem Verdeck durch die Hauptstadt flanierende Corvette trifft nicht nur auf wohlgesonnene Zeitgenossen.

Wer mit dem Kauf liebäugelt, sollte wissen: Diese Kiste polarisiert extrem. Am ehemaligen Grenzübergang und heutigen Touristenmagnet Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße empfangen wieder glänzende Augen das Corvette C6 Cabriolet. US-Army-Uniform, durchgedrücktes Kreuz – vor uns stehen Mr. Johnson und Mr. Levy. Zehn Stunden am Tag imitieren die Jungs zwei US-Soldaten, die einst den Grenz-Kontrollpunkt zwischen dem sowjetischen und US-amerikanischen Sektor in der Berliner Mauer bewacht haben. Mal ein etwas anderer Studentenjob.

Mr. Levy heißt im echten Leben Michel und kommt aus Lübeck. "Das ist doch mal ne geile Kiste. Lieber ne Corvette als nen AMG. Wat hat die unter der Haube?" Auf unsere Antwort "Sieben Liter, 512 PS" wächst sein Lächeln zum breiten Stefan-Raab-Grinsen an. Das Hupkonzert eines Berliner Taxifahrers beendet unser Benzingespräch am Checkpoint. 29 Minuten Berlin im Schnelldurchlauf – wir sind wieder auf der Autobahn. Diesmal auf der A24 in Richtung Norden.

Mit der 427er Corvette C6 und 307 km/h durch die Nacht

In der Dämmerung nehmen Fotograf und Testredakteur Kurs auf die Hansestadt. Und dann passiert endlich das, worauf wir 1.158 Kilometer gewartet haben – der Regen versiegt und die Straße trocknet ab. Vollgas, die Michelin-Reifen beißen in den Autobahn-Beton. Jetzt brüllt auch der Corvette-V8 endlich die Hymne der Freiheit – bissig am Gas hängend, frei saugend, statt Kompressor-aufgepustet.

637 Nm und 512 PS können nicht nur Highway-Cruisen, sondern auch Vmax-Brechstange. 270, 280, 290 km/h – was in der Automobiljournaille oft als "Windgeräusche" etikettiert wird, schwillt im Corvette C6 Cabriolet bei geschlossenem Verdeck gen Tempo 300 zu einem wütenden Tornado an. Das Verdeckgestänge bebt, der Unterdruck zieht die Seitenscheiben nach außen, das Gefühl dabei: Vier km/h mehr und der Sturm reist die Stoffmütze vom Corvette-Schopf. Hoffentlich haben die in Kentucky alle Nieten und Schrauben richtig fixiert.

Wie schnell wir gerade wirklich sind, sehe ich nicht mehr. Vielleicht auch besser so. Rocky hängt mit seiner Kamera über meinem rechtem Arm, dicht vor dem Kombiinstrument. Ein Tachofoto von dem schnellsten Corvette-Cabriolet der C6-Baureihe ist Pflicht. Die Bildauswahl verrät später, dass wir die 307-km/h-Marke geknackt haben.

Kilometerstand 1.371: Um 1.05 Uhr laufen wir im nächtlichen Hamburg ein. Im Radio verkünden sie gerade mit dumpfen Beats die Party-Tipps für die Freitagnacht. Da, wo wir hinwollen, pulsiert das Nachtleben. Zum Feiern haben wir keine Zeit. Wir wollen nur mit einem Klischee aufräumen. Immer noch haftet der Corvette ein zweifelhafter Ruf an. Früher zählte der Ami-Schlitten bei den schweren Jungs und Rotlicht-Größen auf der Reeperbahn wie Goldkettchen und Pilotenbrille zur Grundausstattung. Ist das immer noch so?

Unsere Vette ist heute die Einzige auf der sündigen Meile Hamburgs. AMG und Camaro mit getönten Scheiben stehen hier weit höher im Kurs. Die 427 rockt den Beatles-Platz am Anfang der Großen Freiheit, auf der einst die Beatles in den 60er Jahren ihre ersten Auftritte feierten. Der Foto-Gig der Corvette dauert 15 Minuten. Danach klickt der Auslöser am Hafen ein letztes Mal in Hamburg, wir müssen weiter.

Sandiges Vergnüngen in St. Peter-Ording

Raus aus der Hansestadt treibt es uns über die Autobahn A23 nordwestlich Richtung Heide und von dort nach St. Peter-Ording an die Nordsee. Um 3 Uhr morgens erreichen wir den einzigen mit dem Auto befahrbaren Strand Deutschlands im Ortsteil Böhl. Während die Corvette genüsslich knisternd im Sand durchschnauft, schlummern wir in einem der verlassenen Strandkörbe dem Tagesanbruch entgegen.

4:49 Uhr, eine frische Prise salzige Meeresluft auf Ex, wir sind wieder hellwach, reißen der 427 die Stoffmütze vom Kopf und lassen den Anlasser per Startknopf rasseln. Frühsport für den V8. Zwischen Pfahlbauten und Strandkörben malt die Corvette C6 fette Drifts in den Sand und stürmt durch tennisplatzgroße Wasserpfützen. Auf so etwas steht normalerweise in Böhl lebenslanges Strandverbot. Moin, moin – der nordisch-freundlich grüßend Kassierer an der Tankstelle von St. Peter weiss ohne zu fragen, was sich da vor wenigen Minuten abgespielt haben muss. Geduldig wechselt er einen Zehn-Euro-Schein in einzelne Euro-Münzen. "Ja, der Dampfstrahler ist schon an."

Aus dem Sandlaster wird wieder eine Corvette. Fünf-Uhr-Sechsunddreißig, zurück über die A23 und A7 gen Süden, der sechste Gang hat Hochkonjunktur. Seit über 17 Stunden sind wir unterwegs. Keine Rückenschmerzen, keine Thrombose, keine Krämpfe – kaum ein anderer Sportler ist so langstreckentauglich wie die Corvette. Wir könnten gefühlt bis Afrika durchfahren. Okay, das war ein wenig übertrieben, doch die Vorstellung, den V8 als Safari-Mobil einzusetzen, reizt.

An der "Tatort"-Wurstbraterei: Corvette-Fotografieren verboten!

Die Augenlider sind schwer, wir freuen uns auf einen schnellen Lunch an der wohl bekanntesten Bratwurstbude Deutschlands. Krimi-Fans ist die "Wurstbraterei" aus dem Kölner Tatort bestens bekannt. Anders als im Serien-Krimi steht der Imbiss namens Bratort im echten Leben nicht an seinem kultigen Filmplatz unter der Deutzer Brücke, sondern im modernisierten Rheinauhafen am Südkai. "Wenn Sie ein Foto von dem Auto vor meinem Imbiss machen, muss ich das Ordnungsamt anrufen", zeigt sich die Inhaberin wenig kooperativ. Wenn das Kommissar Freddy Schenk wüsste, schließlich parkt er im Tatort seine V8-Schleudern auch direkt vor der Grillbude.

Corvette C6 427 - Im Cabrio auf Giraffen-Fütterung

A 7, Ausfahrt Westenholz: Für den Safari-Traum müssen wir nicht einmal nach Afrika. Zwischen Hamburg und Hannover liegt am Ortsrand der 3.000-Seelen-Gemeinde Hodenhagen (ja, der Ort heißt wirklich so), der Serengeti Park. Der 200 Hektar große Safaripark mit 1.500 freilebenden Tieren wie Geparden, Tigern, Löwen oder Giraffen kann mit demeigenen Fahrzeug befahren werden, sofern es kein Cabrio ist.

Für die C6-Corvette 427 macht die Parkleitung eine große Ausnahme. Im Gegenzug helfen wir bei der morgendlichen Giraffen-Fütterung mit. Aus dem zweiten Stock beugen sich plötzlich sieben Giraffen-Köpfe hungrig ins offene Corvette-Cockpit. Zum Frühstück gibt’s Grünzeug, Möhren und Bananen. Eine gefräßige Giraffen-Dame namens Claudia scheint kurzzeitig scheinbar mehr Lust auf Sonnenblende und Ledersitz zu haben.

Pflegerin Sabrina erklärt zum Abschied schmunzelnd: "Das ist normal, dass die Giraffen hier so zutraulich sind, doch die können auch anders." Anders bedeutet: richtig zutreten. Bevor sich ein  Langbeiner mit Kratzern und Dellen in der Metallic-Lackierung verewigt, ziehen wir weiter. Zwei Stunden und neunundzwanzig Minuten später erreichen wir Köln. Der  Kilometerstand vermeldet mittlerweile 2.174 Kilometer.

Corvette C6 427 Cabriolet: 1.09,8 Minuten in Hockenheim

Eine lauwarme und überteuerte Curry-Wurst später, geben wir im Corvette-Navi den Endpunkt unseres 24-Stunden-Marathons ein: Hockenheim. Hier wartet als besonderes Abschiedsgeschenk ein brandneuer Satz Michelin Pilot Sport Cup-Semislicks, obwohl die eigentlich nicht für das 427 Cabriolet erhältlich sind. Doch die ZR1-Schlappen passen auch auf die Open-Air-Corvette. Nach einer Rundenzeit von 1.09,8 Minuten auf dem Kleinen Kurs von Hockenheim und 2.587 Corvette-Kilometern quer durch Deutschland wissen wir, dass man nicht mehr Sportwagen zum Glücklichsein braucht. Bye, Bye, Corvette C6.

In unserer Fotoshow können Sie den Roadtrip in Bildern erleben.

Technische Daten
Chevrolet Corvette 427 Convertible Collector Edition
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4435 x 1844 x 1252 mm
Hubraum / Motor7011 cm³ / 8-Zylinder
Leistung377 kW / 512 PS (637 Nm)
Höchstgeschwindigkeit307 km/h
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