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Denza im Fahrbericht

Erste Fahrt im China-E-Auto von Daimler

Denza, Seitenansicht Foto: Denza 12 Bilder

In fünf Jahren will China der größte Elektroauto-Markt der Welt werden und Denza, das Joint Venture von BYD und Mercedes, dabei mit seinem Elektroauto ganz vorne mitspielen. Eine erste Fahrt mit dem neuen Familien-Stromer in seiner chinesischen Heimat Shenzhen.

08.10.2014 Alexander Bloch

Es ist alles vorhanden auf dem Test- und Produktionsgelände des chinesischen Autoherstellers BYD, einer eigenen Stadt in der 17-Millionen-Metropole Shenzhen: eine imposante Solarenergiefarm, ein Batterie-Gebäude das 40 Megawattstunden Energie zwischenspeichert – genug um fast 2.000 herkömmliche Elektroautos vollzuladen – aber Frank Schweickardt winkt nur lässig ab: "Wir brauchen für diese Testfahrt keine Ladestation. Unserem Denza geht so schnell nicht der Strom aus." Der Chefentwickler des Denza-Elektroautos muss es wissen. Zusammen mit den Kollegen von BYD hat er auf der Mercedes-Seite das 2,1 Tonnen schwere, erste Baby dieses Fifty-fifty-Joint-Ventures der beiden Firmen auf die Räder gestellt. Ein E-Auto, das genauso wie der neue Hersteller einfach nur Denza heisst. Was sich vom chinesischen "Tengshi" ableitet und wachsende Leistung und Kraft bedeutet.

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Denza im Fahrbericht Elektroauto aus China
auto motor und sport 19/2014
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Denza kommt bis zu 335 Kilometer weit

Ein wenig subtiler Hinweis auf die großen und selbstbewussten Hoffnungen, die beide Firmen in ihre neue Marke hegen: „Unser Ziel ist es, die Latte für Elektroautos auf dem chinesischen Markt nach oben zu legen.“ Tengshi passt aber auch zum Herzstück des Denza, einem mit 47,5 kWh Energieinhalt erstaunlich großen Akku. Der ist doppelt so speicherfähig wie bei üblichen Elektroautos in der Kompaktklasse. Bis zu 335 Kilometer Reichweite bei sehr ökonomischer Fahrweise soll der Fünfsitzer schaffen. Schweickardt gibt aber zu, dass es je nach Fahrweise und Außentemperatur auch mal etwas weniger als 200 Kilometer sein können. Zum Beweis schaltet er die Klimanlage aus, was die Restreichweiten-Anzeige bei 31 Grad Außentemperatur um fast 20 Prozent nach oben schnellen lässt.

Doch auch 200 Kilometer sind immer noch ein herausragender Wert für einen vollwertigen, 86 kW starken Elektro-Denza, der in der Basisvariante umgerechnet 45.400 Euro kostet – was abzüglich der üppigen chinesischen Elektroauto-Subventionen rund 31.000 Euro macht. Ein ziemlich nackter BMW i3 kostet in Deutschland 34.950 Euro und fährt bei ähnlicher Fahrweise halb so weit. Die paar Euro deutscher Steuervergünstigungen lohnen nicht der Worte.

Wallbox lädt in drei Stunden

In China meint es die Regierung dagegen sehr ernst mit der Elektromobilität. Ungeachtet immer noch immenser Emissionsprobleme durch veraltete Kohlekraftwerke startet sie gerade ein 16 Milliarden US-Dollar schweres Ladeinfrastrukturprogramm. Der Denza lässt sich an 230 V in 15 Stunden, an einer 400-V-Wallbox (2.400 Euro) in weniger als drei und an zukünftig geplanten 100-kW-Gleichstrom-Superchargern sogar nur in einer halben Stunde wieder vollladen. Noch wichtiger ist für chinesische Kunden aber der Wegfall der Nummernschild-Lotterie. Allein in Peking warten derzeit zwei Millionen Menschen auf die Zuteilung eines Nummernschilds, aber nur 140.000 erhalten pro Jahr eines. Elektroautos können dagegen quasi sofort zugelassen werden und die mehrere Tausend Euro teure Kauf-Steuer fällt ebenso weg. Die erdrückenden lokalen Emissionen sollen raus aus der Smog-City.

In nur fünf Jahren will China damit der größte Elektroauto-Markt der Welt werden. 2013 wurden insgesamt 18 Millionen Autos zugelassen, jedoch nur 20.000 davon elektrisch angetrieben. An den Fähigkeiten des Denza wird es nicht scheitern. Das Highlight des Schrägheck-Kompakten ist der Innenraum. Der bietet vorne wie hinten mehr Bein- und Kopfraum als eine E-Klasse sowie erstaunlich hohe Qualität.

Denza bietet erstaunlich hohe Qualität

Der Denza zeigt exemplarisch, wie schnell die chinesischen Autobauer mit deutscher Hilfe lernen. Er ist das erste Auto-Projekt, das Mercedes komplett außerhalb Deutschlands entwickelt hat, und es ist, was Materialanmutung und Design anbetrifft fast ein echter Mercedes. Ein gut ablesbares volldigitales Instrumentenfeld, einfache Bedienung und bequeme Sitze komplettieren das Bild. Was fehlt, ist eine Verbrauchsanzeige. Die scheint im Billigstromland China keinen zu interessieren. Der Strom für 100 Kilometer kostet umgerechnet nur zwei Euro.

Bei den Akkus muss die mit Varta und Co. einst so stolze Batterie-Nation Deutschland aber von chinesischem Know-how profitieren. BYD ist nicht nur ein großer Autohersteller, sondern auch der größte Smartphone-Akku-Lieferant der Welt. Die im Denza installierten Lithium-Eisenphosphat-Zellen gelten als besonders sicher, sind aufgrund ihrer niedrigeren Zellspannung aber nicht extrem energiedicht – was das hohe Gewicht von 550 Kilo des eng in einen schützenden Metallkäfig integrierten Akkus erklärt. "Der Denza ist derzeit das sicherste Elektroauto in China und hat als erstes fünf Sterne im neuen EV-NCAP-Crashtest erzielt", erklärt Schweickardt. "Wir haben bei unseren temperaturkontrollierten Zellen auch ohne Flüssigkühlung bei subtropischem Klima keine Hitzeprobleme." Beim Akku darf Mercedes gerne mal chinesisch handeln und die Groß-Akku-Strategie nach Europa kopieren, um auch hierzulande die möglichen Reichweiten zu verlängern.

Das Fahrgefühl des Fronttrieblers ist dagegen auf chinesische Verhältnisse abgestimmt: Ausreichend dynamisch schiebt der 290-Nm-Synchronmotor die über zwei Tonnen leicht sirrend an. Eine leichtgängige, etwas stößige Lenkung, wiegender Fahrkomfort und sicheres, völlig problemloses Handling kommen dazu. Europäer würden sich etwas mehr Dämpfung wünschen. "Die Straßen hier sind wirklich schlecht", fügt Schweickardt hinzu. Kommt der Denza denn auch nach Europa? "Nein, wir haben den Denza in China für China entwickelt." Schade.

Fazit

Der in China für China entwickelte E-Kompaktwagen Denza verbindet gutes Platzangebot mit ebensolcher Reichweite.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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