Die 300-km/h-Elite: Auf die Schnelle

Gipfeltreffen auf dem Highspeed-Kurs im italienischen Nardo. Sechs Sportwagen der höchsten Leistungsklasse treten an, vom kompromisslosen Mittelmotor-Renner bis zum komfortablen Gran Tourismo.

Enzo Ferrari. Den Namen des legendären, 1988 verstorbenen Commendatore trägt der schnellste Ferrari, der noch auf die Straße darf. Signore Ferrari wäre von dem Boliden mit der markanten Formel 1-Nase begeistert gewesen. Obwohl den Mann mit der nicht minder kühnen Nase die Straßenautos aus Maranello wenig interessierten. Der Chronist erinnert sich. Vor einem Gespräch mit dem Alten flüsterte ihm der Presse-Attaché ins Ohr: „Unterhalten Sie sich nur über Rennwagen.“ Über den Enzo Ferrari allerdings hätte Enzo Ferrari gern gesprochen. Denn dieses Auto ist ein Rennwagen – mit Carbon- Aufbau, mit Formel-ähnlichen Radaufhängungen, mit aus dem Rennsport entliehenen Aerodynamik-Finessen. Race Tech ohne Kompromisse, wenn man von der Klima-Automatik einmal absieht. Zum Showdown der Supercars kommt der Enzo nach Nardo, ganz unten am Absatz des italienischen Stiefels. Dort unterhält die Firma Prototipo eine riesige Kreisbahn, auf der höchste Tempi gefahren werden können. 12,6 Kilometer lang ist eine Runde auf der überhöhten Piste. Bis 240 km/h treten keine Seitenkräfte auf – darüber muss der Fahrer die Richtung vorgeben. Der Enzo faucht los, kurzzeitig um Traktion kämpfend.

Der sechs Liter große V12 dreht hoch wie von der Tarantel gestochen. Danach geht es Schlag auf Schlag. Leuchtdioden im Lenkrad mahnen zum Hochschalten, ganz wie bei Michael Schumachers Monoposto. Das sequenzielle Getriebe knallt den nächsten Gang hinein. Zwei, drei, vier, fünf. 250 km/h sind für den Enzo so etwas wie Vnull. Selbst ab diesem Tempo herrscht noch mächtig Druck im verlängerten Rücken. Sechster Gang. Schon nach 1476 Metern und 26,1 Sekunden sind 300 km/h erreicht. Erst bei 355 km/h siegen die Fahrwiderstände. 355 km/h. Und keine feuchten Hände.

Der Enzo zeigt eine unerschütterliche Stabilität. Auf den Buckeln der Piste bei Kilometer acht keine Nervosität. Die Federung, bei langsamer Fahrt eher unnachgiebig, bügelt sie glatt. Noch nicht einmal das erwartete brüllende Ungeheuer tritt zutage. Der Geräuschpegel im Cockpit bleibt erstaunlich zivil. Man könnte noch Radio hören. Wenn es eines gäbe. Trotzdem: So dicht am Rennwagen ist kein anderer. Auch nicht der Porsche Carrera GT. Ein Radio der teuersten Sorte, elektrische Fensterheber. Saubere Verkleidungen im Cockpit, kein Blick auf die Technik wie beim Enzo, der ungeniert seine Lenksäule herzeigt. Ein Auto mit zwei Gesichtern. Höchste Kompetenz auf der Piste, aber ebenso geeignet für den genüsslichen Sonntagsausflug mit geöffnetem Dach. Einzig die schwer dosierbare und viel Kraft erfordernde Keramik- Kupplung ist eine Plage. 

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Götz Leyrer

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