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Ein Auto zwei Geschichten

Audi L damals und heute

Audi L, Seitenansicht Foto: Frank Herzog 14 Bilder

Es hieß einfach nur Audi, das erste Auto Union-Modell unter VW-Regie mit einem von Mercedes spendierten Viertaktmotor. Reinhard Seiffert charakterisierte den gelungenen Mischling mit DKW-Genen als Hoffnungsträger für den Neuanfang.

25.06.2013 Alf Cremers Powered by

Von den vielen Neuanfängen, mit denen die Auto Union in den letzten Jahren aus ihren Schwierigkeiten herauskommen wollte, ist der Audi zweifellos der aussichtsreichste. Und zwar ganz einfach deswegen, weil nun das Volkswagenwerk mit seiner - für europäische Verhältnisse - nahezu unbeschränkten Finanzkraft dahintersteht.

Audi L ist ein DKW F 102 mit Viertaktmotor

Der Audi wurde schnell populär und kann einen hervorragenden Verkaufserfolg buchen, obwohl er, technisch gesehen, nichts weiter ist als ein F 102 mit Viertaktmotor. Bei dieser Popularität spielt schon der Name eine große Rolle. Zwar wissen nicht viele, dass Audi ein lateinisches Wort ist, "Höre!" heißt und, weil man es auch als "Horch!" übersetzen kann, von August Horch im Jahr 1909 zur Gründung einer neuen Firma verwendet wurde, nachdem er aus den Horch-Werken ausscheiden musste.

Die feindlichen Brüder Horch und Audi kamen 1932 wieder unter ein Dach und bildeten die Speerspitze der Auto Union. "Audi" ist kurz, hört sich irgendwie nach Auto an und klingt lustig. Audi ist, wenn es darum ging, den Zweitaktgeruch der Marke DKW verschwinden zu lassen, besser als Wanderer. Schließlich liegt noch ein großes Plus im neuen Gesicht - an die Stelle des braven Mittelstands-Blicks beim F 102 trat ein weltmännischer Ausdruck, der einen Schuss Mercedes enthält.

Neuer Name, neuer Motor und neues Gesicht - es müsste schon viel schiefgehen, wenn das nicht zum Erfolg führt. Während der Name und das Gesicht dem Käufer nicht viel nützen können, ist der Motor nicht nur gegenüber dem Zweitakter des F 102, sondern auch gegenüber allen Viertaktmotoren eine Neuerung, von der echte Vorteile versprochen werden.

Mitteldruckmotor mit hoher Verdichtung

Der Mitteldruckmotor ist in seinem technischen Aufbau ein typischer Viertakt-Hubkolbenmotor. Kurbelwelle, Pleuel, Kolben, Ventile, Ventiltrieb - all dies entspricht den allgemein üblichen Bauteilen. Die einzigen sichtbaren Unterschiede bestehen in einer kräftigen Dimensionierung des Kurbeltriebes und einer schneckenförmig gewundenen Gestaltung der Ansaugkanäle an ihrer Mündung in den Verbrennungsraum. Außerdem liegen die Brennräume im vertieften Kolbenboden. Durch die hohe Verdichtung von 11,2:1 entsteht ein höherer Verbrennungsdruck ("Mitteldruck"), und dieser wiederum führt zu einem günstigeren Wirkungsgrad. Die Kraftstoffenergie wird also besser ausgenutzt, der Verbrauch ist geringer. Der Audi-Motor ist mit 72 PS aus 1,7 Liter Hubraum nicht überaus leistungsstark, liegt aber auf dem Niveau dieser Hubraumklasse.

Was sofort auffällt, ist das relativ laute Motorgeräusch. Störend ist es allerdings nur im unteren und mittleren Geschwindigkeitsbereich. Bei schnellem Fahren nimmt es nicht wesentlich zu und wird von den Wind- und Rollgeräuschen übertönt. Ein großer Vorzug liegt darin, dass der Motor sehr vibrationsarm arbeitet. Der Viertakt-Audi ist viel lebendiger und schneller als der DKW F 102. Das Getriebe ist gut abgestuft, weshalb weder am Berg noch beim Überholen Leistungsreserve fehlt. Maximal 84 km/h im 2. und 124 km/h im 3. Gang sind gute Werte für einen 1,7-Liter-Wagen, die nur von sportlichen Autos übertroffen werden. Die Höchstgeschwindigkeit von knapp 150 km/h wird mühelos erreicht. Erfreulich ist auch das Durchzugsvermögen im mittleren und unteren Drehzahlbereich: Der Motor arbeitet kräftig und gleichmäßig.

Günstiger Wirkungsgrad

Er kann schaltarm gefahren werden. Eine zu magere Vergasereinstellung beeinträchtigt ruckfreies Beschleunigen ab 1.000/min. Die größere Sparsamkeit beruht nur auf dem günstigeren thermischen Wirkungsgrad. Weil der Verbrauch aber stark von der abgegebenen Leistung abhängig ist, sind keine Wunderdinge zu erwarten. Der Audi-Motor leistet 72 PS, die, wie unsere Messungen zeigen, nicht nur auf dem Papier stehen. Auch im mittleren Drehzahlbereich gibt er eine sehr gute Leistung ab. Typisch für den Mitteldruckmotor ist die Tatsache, dass die Benzineinsparung besonders dort wirkt.

Der Audi-Motor ist vor der Vorderachse eingebaut. Er ist nicht nur länger als der Zweitakter des F 102, sondern auch viel schwerer. Dass sich die Gewichtsvermehrung auf Fahrverhalten und Lenkung auswirken würde, war vorauszusehen. Weil die Lenkung indirekter übersetzt ist als beim F 102, wirkt der Audi weniger handlich als der F 102. Auch lässt sie gelegentlich Antriebseinflüsse spüren.

Deutlicheres Untersteuern

Auf das Fahrverhalten hat sich das höhere Motorgewicht ebenfalls ausgewirkt. Der Audi untersteuert etwas stärker als der F 102, was zusammen mit der indirekten Lenkübersetzung den Fahrer zwingt, schon bei harmlosen Kurvengeschwindigkeiten das Lenkrad kräftig einzuschlagen. Aber das Untersteuern ist nicht so stark, als dass es sich auf die Fahrsicherheit nachteilig auswirken könnte. Vielmehr ist der Wagen sehr gut kontrollierbar und neigt kaum dazu, über die Vorderräder nach außen zu schieben.

Auf glatter Fahrbahn und auf losem Untergrund kann dies allerdings vorkommen; wie bei vielen Frontantriebswagen ist unter solchen Umständen Vorsicht geboten. Im Grenzbereich verhält er sich nahezu neutral und kann durch Gaswegnehmen sogar zu einem leichten Übersteuern gebracht werden. Dieser für Frontantriebswagen typische Effekt ist jedoch nicht stark ausgeprägt, weshalb man den Audi unbedingt als fahrsicheres Auto bezeichnen muss. Der Fahrer muss sich daran gewöhnen, ihn mit kräftigem Lenkradeinschlag in die Kurven zu zwingen. Sehr gut ist die Richtungsstabilität bei schneller Fahrt auf unebener Bahn.

Wie die meisten Frontantriebswagen ist der Audi unempfindlich gegen Seitenwind. Das höhere Motorgewicht erforderte eine neue Abstimmung von Federung und Stoßdämpfung. Man empfindet den Audi härter als den F 102. Dieser Eindruck dürfte auf die Stoßdämpfer zurückzuführen sein.

Harmonischer Komfort

Kleine Unebenheiten werden darum, besonders beim langsamen Fahren, ziemlich deutlich spürbar. Bei Langstreckenfahrten zeigt sich dann aber, dass der gute Fahrkomfort, ein besonderer Vorzug des F 102, erhalten geblieben ist. Die Bremsen, vorne Scheiben, verlangten einen starken Pedaldruck, lieferten aber dafür auch in kaltem und warmem Zustand bei Vollbremsung sehr hohe Verzögerungswerte. Die Schaltung on arbeitet exakt, kann aber nicht allzu schnell betätigt werden, weil der Synchronisationswiderstand stets spürbar bleibt.
 
Im Innenraum entspricht der Audi bis auf einige Ausstattungsverbesserungen dem F 102. Vorzüge sind die Geräumigkeit des Kofferraums und die guten Sichtverhältnisse. Hinten können notfalls drei Personen sitzen. Die trotz verlängerter Front kompakten Außenmaße sind im heutigen Verkehr ein Vorteil. An äußerem Repräsentationswert hat der Wagen durch das neue Gesicht gewonnen. Zur ansprechenden Form kommen Vorzüge wie der sparsame und vibrationsfreie Motorlauf und der gute Gesamtkomfort.

Es wird also nicht nur am Viertaktmotor liegen, wenn die Auto Union mit diesem Wagen endlich wieder eine sichere Zukunft hat.

Auf der nächsten Seite lesen Sie den Fahrbericht von Alf Cremers, der mehr als 45 Jahre nach Reinhard Seiffert den temperamentvollen Wagen fuhr.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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