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Ein Auto, zwei Geschichten

Glas 1700 - der bessere BMW?

Glas 1700 Foto: Frank Herzog 8 Bilder

Die kreative Glas-Nische zwischen NSU und BMW war offenbar zu eng, um auf Dauer zu überleben. Reinhard Seiffert ahnte es zwischen den Zeilen im auto motor und sport-Test von 1965. Der hübsche Glas 1700 entpuppte sich als Charakter-Auto mit eindeutigen Stärken und Schwächen.


Sein Testbericht aus auto motor und sport 12/1965:

12.05.2015 Alf Cremers Powered by

Borgward stolperte ohne Zweifel auch durch eigene Schuld. Am Leben blieb jedoch von allem Bremer Ehrgeiz nur ein von dem Italiener Frua für die neue Borgward Isabella angefertigter Karosserieentwurf, dessen Prototypen bei normalem Verlauf der Dinge im Herbst 1961 in Frankfurt gestanden hätten.

"Im Herbst 1959 scharten sich die Besucher der Frankfurter IAA um den neuen Borgward mit 2,3-Liter-Motor - im Herbst 1961 war der BMW 1500 eine ähnliche Attraktion. Und im Herbst 1963 sprach alles von den beiden neuen Glas-Modellen: dem 1300 GT und dem 1500.

Über einen Mangel an Publikumsinteresse konnten sich die Unabhängigen unter den deutschen Automobilherstellern also nie beklagen. Sie hatten in der bis heute anhaltenden Konjunktur auch stets gute Verkaufschancen.

Moderner Motor im Glas 1700

Sie blieben in einer wohlverschlossenen Halle in Bremen, und aus ihnen wurde nach etlichen Modifikationen der Glas 1500 von 1963. Nach zielstrebig betriebenen Vorbereitungen konnte er Ende 1964 als Glas 1700 in Produktion gehen. Das Beispiel Borgward hat Glas also nicht vom Aufschwung zum „richtigen“ Auto abgehalten.

Die Stimmung in Dingolfing ist durch außerordentliche Unternehmungslust gekennzeichnet. Und diese Unternehmungslust machte mit dem GT nicht Halt. Die nächsten Stufen sind der Glas 1700 GT und der 1700 TS - beide mit dem auf 100 PS gebrachten 1,7-Liter-Motor. Die Absicht und das Vergnügen, BMW Konkurrenz zu machen, ist bei Glas unverkennbar. 1700 und 1700 TS sind Parallelen zum 1800 und 1800 TI.

Frua schuf eine schwerelose Karosserie

An äußerer Eleganz vermögen es die Glas 1700 mühelos mit dem Konkurrenten aus München aufzunehmen; die Karosserie von Frua ist ohne Zweifel noch flüssiger und schwereloser geformt als die von BMW. Der Motor wurde aus der gleichen Grundkonstruktion entwickelt, die sich in den Typen mit 1000 und 1200 cm3 als ein guter Wurf erwiesen hatte.

Der 1204 TS beherrscht mit diesem Motor seine Hubraumklasse in Rallyes und Tourenwagenrennen; die Maschine ist als leistungsfreudig und zuverlässig bekannt. Beim 1300 GT und beim Glas 1700 scheint es durch die höhere Materialbeanspruchung einige Probleme zu geben, die man als Anfangsschwierigkeiten ansehen muss. Solche Dinge waren auch beim BMW 1500 in der ersten Zeit nicht gerade selten.

Bekanntestes Detail des Glas-Motors ist der Kunststoff-Zahnriemen, mit dem die obenliegende Nockenwelle angetrieben wird. Die Befürchtung, er könnte reißen, hat dieser Zahnriemen inzwischen entkräftet; er ist ebenso zuverlässig wie die sonst übliche Antriebskette, läuft aber ruhiger und dürfte außerdem in der Herstellung billiger sein.

Unkonventionelle Kipphebel-Lagerung

Bewährt hat sich auch die unkonventionelle Kipphebel-Lagerung auf Stiftschrauben. Im Ganzen ist der Motor des Glas 1700 so modern konzipiert, dass er trotz des ziemlich langen Hubs von 88 mm nicht nur für die jetzigen 80 PS, sondern auch für die 100 PS der TS-Ausführung die notwendigen konstruktiven Voraussetzungen bietet.

Für das Auge hat der Glas 1700 nicht nur eine hübsche Form, sondern auch eine gute Ausstattung mit auf den Weg bekommen. Das Instrumentenbrett mit Holzimitation und schwarzer Polsterung erinnert an BMW, der Bodenteppich und die sorgfältig gepolsterten Liegesitze vervollständigen  den gediegenen Eindruck. Man spürt hier nichts mehr von der ungeschickten Primitivität früherer Glas-Modelle; die Zusammenarbeit mit Frua hat sich gelohnt.

An der Verarbeitung war beim Testwagen noch einiges auszusetzen. Die Türen des Glas 1700 ließen sich schwer öffnen und schließen, die Windgeräusche bei schnellem Fahren waren beträchtlich. Den vorderen Ausstellfenstern fehlt eine Verriegelung; sie öffnen sich von selbst und beginnen dann zu pfeifen. Die Heizung ließ sich beim Testwagen nicht vollständig abstellen.

Der Glas 1700 ist kein "hübscher Blender"

Das adrette Äußere wird sicherlich viele Leute für den Glas 1700 einnehmen. Die interessantere Seite seines Charakters aber offenbart sich beim Fahren. Hier zeigt er nämlich, dass er keineswegs nur ein "hübscher Blender" ist, sondern ein fahrerisch reizvolles Automobil.

Es sind eine ganze Anzahl verschiedener Faktoren, die zu diesem Gesamteindruck beitragen. Es beginnt mit der guten Sitzposition, die eine sportliche Fahrerhaltung mit ausgestreckten Armen zulässt. Auch die seitliche Führung des Körpers in den Sitzen und die Schenkel-Unterstützung sind gut. Ebenfalls ausgezeichnet ist im Glas 1700 die Sicht in allen Richtungen; durch die tiefe Gürtellinie entsteht neben der guten Übersichtlichkeit des ganzen Wagens ein freies, unbeschwertes Fahrgefühl.

Dem entspricht auch der Charakter der Lenkung: Sie ist direkter als bei den meisten heutigen Limousinen und trotzdem sehr leicht zu betätigen. Die Handlichkeit des Glas 1700 ist nahezu sportwagenmäßig, was im dichten Verkehr und auf kurvenreichen Straßen nicht nur das Fahrvergnügen erhöht, sondern auch der Exaktheit und Sicherheit des Fahrens dient.

Hakeliges Getriebe

Abgerundet wird das sportlich-handliche Charakterbild des Glas 1700 von Motor und Getriebe. Hervorstechendes Merkmal des Motors ist sein spontanes Reagieren auf jede Änderung der Gaspedalstellung.

Das Getriebe des Glas 1700 lässt sich mit dem günstig liegenden Mittelschalthebel schnell und weich schalten, die Synchronisierung (System Porsche) funktioniert ausgezeichnet. Freilich muss man diese positiven Feststellungen durch einige negative ergänzen. Das Schalten geht zwar schnell und weich, aber man kann sich dabei leicht "vertun". Die Ebenen von erstem/zweitem und drittem/viertem Gang liegen so dicht beieinander, dass wir oft unfreiwillig in den falschen Gang gerieten.

Motor erst ab 2.000/min mit ordentlichem Drehmoment

Eine weitere Erschwerung, besonders beim Langsamfahren, liegt in der Tatsache, dass dem Motor des Glas 1700 im untersten Drehzahlbereich die Elastizität fehlt. Zwar ist bei etwa 2.000/min noch ein sehr gutes Drehmoment vorhanden, aber unterhalb von 1.500/ min hört es ziemlich plötzlich auf. Man wird dadurch in engen Biegungen und beim Schrittfahren häufig zum Zurückschalten vom zweiten in den ersten Gang gezwungen. Der Dritte ist erst ab etwa 40 km/h brauchbar, was für einen 1,7-Liter-Wagen recht dürftig ist.

Andererseits ist der Motor nicht überaus drehfreudig – trotz obenliegender Nockenwelle fällt jenseits 5.500/min die Leistung schnell ab. In dem verbleibenden Bereich zwischen 1.500 und 5.500 Touren ist freilich die Maschine des Glas 1700 sehr durchzugskräftig.

Glas 1700 mit mäßiger Straßenlage

Auch sind die Getriebeübersetzungen so gewählt, dass bei richtiger Gangwahl in jeder Fahrsituation eine große Leistungsreserve vorhanden ist. Diese Leistungsreserve und der kräftige „Antritt“ sorgen dafür, dass der Glas 1700 im Verkehr zu den leistungsmäßig überlegenen Autos gehört.

Die von uns gemessenen Fahrleistungen sind etwas schlechter, als wir nach dem praktischen Fahreindruck erwartet hatten. Wenn sich der Motor höher ausdrehen ließe, würden sicherlich noch eindrucksvollere Beschleunigungswerte herauskommen. Aber dies hat man wohl absichtlich der TS-Ausführung vorbehalten. Unsere Messwerte decken sich fast genau mit den Werksangaben, die Höchstgeschwindigkeit war allerdings mit 150 km/h etwas geringer als die offiziellen 154 km/h. Den Verbrauch des Glas 1700 kann man in Anbetracht von Gewicht und Fahrleistungen als günstig bezeichnen – er bewegte sich je nach Fahrweise zwischen 9 und 13 Liter/100 km.

Hoher Lärmpegel im Glas 1700

Handlichkeit und motorische Kraft sind also die hervorstechendsten Charakterzüge des Glas 1700. In Fahreigenschaften und Fahrkomfort vermag er dagegen keine Merkmale zu bieten, die ihn aus dem Durchschnitt herausheben könnten.

Die Windgeräusche der Karosserie des Glas 1700 erwähnten wir schon; sie bilden zusammen mit dem Motorgeräusch einen hohen Lärmpegel. Zwar ist das Motorgeräusch im Ton nicht unangenehm und passt zum sportlichen Charakter des Wagens, aber auf langen Strecken empfanden wir das hohe Geräuschniveau als ermüdend. Hinzu kommt eine Federung, die man nach normalen Maßstäben selbst bei einem Sportwagen als hart bezeichnen würde.

Die tiefere Ursache des spartanischen Federungskomforts liegt darin, trotz Starrachse und Blattfedern gute und sichere Fahreigenschaften zu erreichen. Der Verzicht auf große Federwege verringert die Neigung der Achse zu „Eigenlenkbewegungen“, und die harten Federn und Dämpfer sollen dafür sorgen, dass die Räder des Glas 1700 auf schlechten Straßen nicht ins Springen kommen.

Neutrales Fahrverhalten

Im Vergleich zum BMW 1800, der eine Einzelaufhängung der Hinterräder besitzt, zeigt sich beim Glas 1700, dass die großen ungefederten Massen der Starrachse mit eingebautem Differenzial den Fahrkomfort doch recht spürbar beeinträchtigen. Glas hat der Hinterachse noch eine zusätzliche Führung durch einen Panhardstab gegeben, also einen zwischen Wagenboden und Achse gelenkig angebrachten querliegenden Stab.

Das Fahrverhalten des Glas 1700 entspricht seinem sportlichen Charakter: Er verhält sich beim Kurvenfahren nahezu neutral, erfordert also keinen übermässig großen Lenkradausschlag. Nähert man sich dem Grenzbereich, zeigt sich eine leichte Neigung zum Übersteuern, die sich durch Gegenlenken gut unter Kontrolle halten lässt.

Auf nasser Straße tritt dieses Übersteuern stärker in Erscheinung - man muss dann schneller reagieren, um das Heck des Glas 1700 wieder einzufangen. Der Wagen fährt sich also auf nasser Straße nicht so unproblematisch wie auf trockener. Lob verdient die Unempfindlichkeit des Wagens gegen Seitenwind und gegen Verreißen der Lenkung.

Ausgezeichnete Bremsen

Als ausgezeichnet erwiesen sich die Bremsen (vorn Scheiben-, hinten Trommeln). Sie arbeiten beim Glas 1700 ohne Servo und erfordern darum für schwaches Bremsen schon einen recht hohen Pedaldruck. Wie schon der 1300 GT beweist auch der 1700, dass Glas den Sprung zum vollwertigen Automobil geschafft hat.

Doch als Fahrzeug für jedermann ist er zu teuer, und für gehobene Komfortansprüche vermag er nicht genug zu bieten. Was der Glas 1700 bieten kann, ist sportliche Freude am Fahren, elegante Form und gute Ausstattung. Es gibt aktuell keine deutsche Limousine, die so ausgeprägte Sportwagenzüge aufweist, denn selbst der BMW 1800 ist größer und weniger handlich. Die Chance des Glas 1700 und noch mehr des 1700 TS liegt also in jenen Käufern, die eine preiswerte sportliche Limousine fahren möchten.

Auf der nächsten Seite lesen Sie den Glas 1700-Fahrbericht von Alf Cremers.

Technische Daten
Glas 1700 GT
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4415 x 1610 x 1390 mm
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