Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Ein Auto zwei Geschichten

Opel Diplomat damals und heute

Opel Diplomat Foto: Markus Stier 8 Bilder

Vor 46 Jahren war Reinhard Seiffert guter Hoffnung, dass Opel mit dem Diplomat die betuchte deutsche Kundschaft erobern könnte. Vor allem der großvolumige Motor und das Automatikgetriebe begeisterten den Tester.

11.07.2013 Powered by

Der Europäer neigt nicht so stark wie der Amerikaner dazu, seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit durch ein möglichst großes Auto zu dokumentieren. Wer sich früher einen Buick oder Mercury über den Ozean schicken ließ, legte damit außerordentlichen Luxus an den Tag. In Amerika waren diese Autos damals schon nichts Außergewöhnliches. Sie wurden in größeren Stückzahlen gebaut als unsere Opel Olympia oder DKW Meisterklasse.

Opel startete kurz vor dem Krieg mit dem 3,6-Liter-Admiral einen Versuch, das preisgünstige große Auto in Europa heimisch zu machen, nun folgt der zweite Anlauf. Der Diplomat hat, so sehr er auch mit den Mercedes-Modellen konkurriert, mit diesen Autos nicht viel gemeinsam. Ein Mercedes ist typisch europäisch – liebevoll verfeinert innerhalb der Grenzen, die durch Hubraum und Preis gezogen sind. Der Diplomat ist ein amerikanisches Auto – konzipiert mit der gelassenen Grosszügigkeit von Leuten, die unter zwanzig Achtzylindermotoren und zehn automatischen Getrieben wählen können.

Eines jedoch ist am Diplomat europäisch: die größere Sorgfalt, die auf das Fahren mit hoher Geschwindigkeit verwendet wurde. Notwendig dafür sind geeignete Reifen und Bremsen. In beiden Punkten griff Opel auf europäische Entwicklungen zurück und verwendete Gürtelreifen und Scheibenbremsen. Und so kann man Tempo 180 Dauergeschwindigkeit fahren wie mit dem 300 SE oder dem 3,2-Liter-BMW-V8. Während aber Mercedes und BMW für ihre 200 km/h schnellen Limousinen nur etwa drei Liter Hubraum spendierten (und da gab es schon manch bedenkliches Gesicht ob dieser „großen“ Motoren), ließ Opel aus dem GM-Programm zunächst einen 4,7-Liter und nun, zunächst für das Coupé, auch noch einen 5,4-Liter kommen, für Autos, die im Preis den 2,2 Liter großen Mercedes-Modellen entsprechen.

Während ein Dreiliter seine 160 oder gar 190 PS nur unter Aufwendung hoher konstruktiver und metallurgischer Kunst hergibt, schüttelt der 4,7-Liter sie sozusagen aus dem Ärmel.

Fahren ohne Schalten

Der Dreiliter muss hoch drehen und wird dabei laut, der 4,7-Liter kann langsam laufen, ist leise und erleichtert außerdem ein Problem, das nun auch in Europa akut ist – das Fahren ohne Schalten. In der landläufigen Automeinung gelten Automatikgetriebe bei uns noch immer als etwas Kompliziertes und Ausgefallenes. Was die Bequemlichkeit des Fahrens angeht, entspricht der Diplomat völlig seinen amerikanischen Geschwistern.

Für Europa setzt er neue Maßstäbe jenseits aller Schalterei. Es gibt kein Rucken und keine Beschleunigungslöcher, sondern nur ein stufenfreies Beschleunigen oder Verzögern. Möglich macht dies ein Zweiganggetriebe mit Drehmomentwandler. Der einzige Schaltvorgang, der deutlich bemerkbar ist, ist das Heraufschalten bei hoher Geschwindigkeit. Der untere Gang reicht bei Kickdown bis zirka 100 km/h und liefert eine hervorragende Beschleunigung. Auch im oberen Gang beschleunigt der Diplomat noch kräftig. Man kann sich bei dieser bulligen Maschine alle Schalt-Gedanken sparen.

Große Laufruhe

Den Motor hört man nur beim Hochdrehen im Stand und bei langsamer Fahrt leise surren, bei schnellerem Fahren übertönen ihn die Roll- und Windgeräusche ganz. Das völlige Fehlen des Motorgeräusches gilt seit jeher als Kennzeichen besonderer Perfektion. Die Verteilung der Arbeit auf acht Zylinder dient nicht nur der akustischen Laufruhe, sondern besonders auch der Schwingungsfreiheit.

Während bei amerikanischen Autos unerfreuliche Vibrationen und Dröhnerscheinungen bei hohem Tempo normal sind, gibt es dergleichen beim Diplomat nicht. Hier ist trotz der konventionellen Bauweise des Wagens ein unkonventionell gutes Ergebnis erreicht worden. Die Folge: Man merkt kaum, wie schnell man fährt. Bei 180 fährt der Wagen ebenso mühelos und ruhig wie bei 120 Mitfahrer, die sonst auf hohe Geschwindigkeiten empfindlich sind, merken davon überhaupt nichts. Sie fühlen sich sicher. Der Fahrer muss mehr auf den Tachometer sehen als bei anderen Autos.

Wir fuhren mit dem Diplomat mühelos Autobahnschnitte über 150 km/h, ohne es zu wollen. Im Diplomat reist man schneller als in den meisten harten und lauten Sportwagen und hat nicht das Gefühl, eine besondere fahrerische Leistung zu vollbringen. Man fühlt sich – im Gegensatz zum Sportwagen – auch keineswegs dazu aufgefordert. Das Gewicht von 1,6 Tonnen, der lange Radstand und die breite Spur sorgen für jenes satte und ruhige Fahren, das man von Autos dieser Größenordnung erwartet. 

Fahreigenschaften haben Vorrang vor dem Fahrkomfort

Ein unmerkliches Hinwegschweben über Unebenheiten aller Art darf man freilich nicht verlangen, denn die Federung ist relativ hart. Wie bei allen Modellen der letzten Jahre hat Opel sie so ausgelegt, dass die Fahreigenschaften Vorrang vor dem Fahrkomfort hatten. Es gibt beim Diplomat kein Schaukeln und Schwanken, aber kurze Querrinnen und Fugen auf der Autobahn schluckt er nicht gern. Leicht übersteuernd. Beim schnellen Kurvenfahren verhielt sich der Wagen neutral und im Extremfall leicht übersteuernd.

Diese Neigung ließ sich mit der Lenkung, obwohl diese nicht überaus direkt arbeitet, gut korrigieren. Die Bremsanlage mit vorderen Scheibenbremsen ist zweifellos besser als bei jedem vergleichbaren US-Wagen mit Trommelbremsen. Das Herunterbremsen aus hoher Geschwindigkeit ist unproblematisch. Bei häufiger Benutzung auf verkehrsreicher Autobahn lässt jedoch die Wirkung nach, und auch auf Gefällen sollte man die Bremsen nicht überfordern. Bremsen und Lenkung sind beide mit Servo-Einrichtungen versehen, machen den Wagen leicht bedienbar und, soweit man bei den beträchtlichen Ausmaßen in Breite und Länge davon reden kann, ausreichend handlich.

Ein ideales Stadtfahrzeug ist der Diplomat freilich nicht, er passt nicht in jede Parklücke und braucht viel Platz zum Rangieren. Von innen macht der Diplomat einen gepflegteren Eindruck als Kapitän und Admiral, ohne sich generell von ihnen zu unterscheiden. Seine besondere Attraktion sind die elektrisch betätigten Fenster. Man vermisst jedoch eine leistungsfähige Direktbelüftung.

Verbrauch zwischen 16 und 25 Litern

Die Betrachtung der Preise zeigt, dass es Opel mit dieser Einführung neuer Maßstäbe auf dem Großwagenmarkt ernst ist. Doch was spricht dagegen? Wir glauben nicht, dass die schlichte Fahrwerkskonstruktion, der Verzicht auf optimalen Federungskomfort die Achtzylindermodelle daran hindern wird, gegenüber der Konkurrenz Boden zu gewinnen.

Was die Käufer eher Überwindung kosten wird, sind die höheren Aufwendungen für den Unterhalt, besonders der Verbrauch. Unsere Verbrauchswerte lagen zwischen 16 und 25 Liter/100 km; das ist im Verhältnis zu der gebotenen Leistung zwar nicht übertrieben viel, aber doch angesichts der weit verbreiteten Meinung, dass ein Auto nicht mehr als zehn Liter brauchen darf, eine ganze Menge.

Wer mit einem solchen Auto fährt, der tut gut daran, es gleichgültig hinzunehmen wann und wie viel er tanken muss. Luxus kostet Geld – auch der Leistungs-Luxus. Da Opel den gleichen Wagen mit dem Sechszylindermotor bewährter Größenordnung baut, kann der Rüsselsheimer Firma nicht viel passieren, wenn das Publikum den Schritt zum V8 nicht tut. Aber alle Anzeichen sprechen dafür, dass es ihn tut.

Auf der nächsten Seite lesen Sie den Fahrbericht von Alf Cremers.

Technische Daten
Opel Diplomat V8
Hubraum / Motor5354 cm³ / 8-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit205 km/h
Alle technischen Daten anzeigen
Neu Registrieren

Erstellen Sie ein kostenloses Profil und profitieren Sie von vielen Vorteilen

  • Zugriff auf alle technischen Daten
  • Artikel kommentieren
  • Teilnahme an Gewinnspielen
  • Schneller PDFs kaufen
  • 360° Ansichten von Autos
  • Exklusives PDF-Bonus-Programm
Kostenlos anmelden
Login mit Ihrem Profil
    Kommentar schreiben

    Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

    Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
    Empfehlungen aus dem Netzwerk
    Gebrauchtwagen Angebote