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Ein W124 und seine 5 Besitzer

Zeitreise im Mercedes 230 CE

Mercedes 230 CE, Seitenansicht Foto: Beate Jeske 33 Bilder

Ein Fahrzeugbrief ist mehr als nur ein Dokument. Wenn man ihn richtig deutet, werden Lebensläufe transparent und Schicksale lebendig. Wir fahren mit einem 23 Jahre alten Mercedes 230 CE (C124 - Coupé der Baureihe W124) durch Deutschland, um seine fünf Besitzer zu besuchen. Eine nachdenkliche Reise durch den Lauf der Zeit.

21.11.2014 Alf Cremers Powered by

Als ich ihn das erste Mal sah, wusste ich, er ist etwas Besonderes. Die aparte Farbe, die Ausstattung in modischem Sport-Karo, die vielen Extras, inklusive Wurzelnuss. Dieser Mercedes 230 CE übt eine geheimnisvolle Anziehung auf mich aus, der ich nicht widerstehen kann. Meine Frau sagt oft: "Es gibt keinen Zufall." Wenn sie wüsste, dass ich schon wieder ein Auto gekauft habe. "Aber es ist nicht so, wie du denkst", höre ich mich später zu ihr sagen. Dieser Kauf ist anders als sonst, er dient nicht der bloßen Kompensation, er ist zu Höherem berufen. Diesmal verfolge ich mit dem nur 690 Euro teuren Objekt quasi Forschungszwecke, es ist eine beinahe esoterische Mission, rede ich mir ein. Oft sind die scheinbar banalen Dinge die aufregendsten, wie es die Auto-Biografie von WDB0431B442511 doch bitte schön beweisen möge.

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Klassiker im Portrait Ein W124 und seine 5 Besitzer
Motor Klassik 04/2014
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5 Vorbesitzer, 16 Jahre in letzter Hand

Abends nehme ich den Fahrzeugbrief zur Hand, studiere ihn sorgfältig und fühle mich in meiner Ahnung bestätigt. Fünf Einträge - die letzte Besitzerin, eine Frau mit den klangvollen Vornamen Ulrike Vera Susanne, besaß das elegante Coupé mit den vielen kleinen und großen Wunden, die ihm die Zeit geschlagen hat, fast auf den Tag genau 16 Jahre.

So lange halten nicht einmal Beziehungen, denke ich. Vielleicht sind es neben dem besonderen Wagen auch die besonderen Namen, die mich auf die seltsame Idee bringen, die Auto- Biografie eines Wagens im Rückwärtsgang zu erforschen. Der zweite Besitzer nach nur dreiwöchigem Vorführwagen-Status heißt Hubertus Johannes Maria Dicke und konnte sich schon mit 24 Jahren ein Auto leisten, das neu 83.000 Mark gekostet hat. Zwischen Dicke und Gerber sind noch die Namen Hans Weibel und Antonio Lepore eingetragen.

Der Lebensraum des Mercedes 230 CE beschränkte sich anfangs auf Nordrhein-Westfalen. Erst 2004 verlässt Ulrike Vera Susanne Gerber die Stadt Bergisch Gladbach und zieht in den Kreis Traunstein. Aus dem Kennzeichen-Initial UG wird dann UB, TS-UB 222, Zufall oder Bekenntnis? Aus einem Fahrzeugbrief lässt sich vieles herauslesen. Meine Recherchen ergeben, dass alle vier Privatpersonen noch leben, aber Hubertus Dicke ist von Lennestadt im Sauerland über Indien nach Berlin umgezogen, Frau Gerber wohnt im Chiemgau – ergibt zusammen eine Tournee oder besser Tortur von 2.175 Kilometern.

Das Projekt Bornit startet

Meine Redaktionskollegen halten mich für völlig verstrahlt, mit einem angezählten Verbrauchtwagen kreuz und quer durch Deutschland zu reisen. Auch mir kommen am Tag vor der Abfahrt Zweifel, ob meine verrückte Mission "Projekt Bornit" gelingt. Über 2.000 Kilometer in einer halblebigen Endzeit-Karre mit 271.912 km auf dem Tacho bei subtropischer Hitze durch die Republik zu schüsseln? Hält die das überhaupt aus? Doch ich bin verdammt nah am Point of no Return.

Eine junge Kollegin macht mir Mut im entscheidenden Moment: "Du schaffst das, ich drück dir die Daumen, du hast Gefühl für diese alten Kisten." Frühmorgens am Freitag vor Pfingsten hole ich Fotografin Beate Jeske zu der unvernünftigen Reise ab. Unser erstes Ziel ist die Mercedes-Niederlassung in Krefeld, das macht stramme 425 Kilometer, Kurs Nordwest, Automatik auf D, Halbgas.

Reisegeschwindigkeit liegt bei 130 km/h

Mittags wollen wir dort sein. Anfangs läuft es zäh, doch dann fließt es beinahe mühelos. Richtgeschwindigkeit 130 km/h bedeutet maximales Reisetempo bei 3.800/min. Es gibt keine Unpässlichkeiten, die Kühlwassertemperatur liegt bei knapp über 80 Grad. Ich bin sicher, ich werde es schaffen. Kilometer um Kilometer ohne Zweifel. Es gibt keinen Zufall. Dieser Satz wird zum Motto der Fahrt, 26 Stunden später wird ihn Hubertus Maria Dicke, der jetzt Yogalehrer ist und sich Krshna nennt, sehr gelassen aussprechen.

Und so überzeugend, dass ich endlich dran glaube. Bald wird die Mercedes-Niederlassung Krefeld erreicht. Kundendienstleiter Christian Eickholt kennt die alten Mercedes-Modellreihen noch aus seiner eigenen Mechaniker- Vergangenheit. Wir ereifern uns dabei, die vielen Schwachstellen des 124er aufzuzählen und sie gleich am Objekt zu demonstrieren. Wir funken auf derselben Welle, sind uns auf Anhieb sympathisch. Eickholt findet den sichtlich angezählten Wagen gar nicht so hoffnungslos. "Für 690 Euro hätte ich den auch genommen." "Aber Sie können wenigstens schrauben", kontere ich. Eickholt lobt die Klasse des Coupés. "Dieses edle Violettmetallic kombiniert mit Sportline-Ausstattung war damals der letzte Schrei und ist es heute wieder." Auch er glaubt an das wagemutige Projekt Bornit. "Wird schon schiefgehen, ist doch ein Mercedes."

Deal unter Freunden

Bergisch Gladbach ist unser nächstes Ziel, staubedingt müssen wir uns durch Köln quälen. Der Visco-Lüfter ist wohl kaputt, die Kühlwassertemperatur erreicht kritische 110 Grad, ich drehe die Heizung voll auf, ungefähr gleichzeitig quittiert der Fensterheber auf der Fahrerseite seinen Dienst. Der Gladbacher Stadtteil Refrath gibt sich den akkuraten Anstrich eines gutbürgerlichen Viertels. Eine bunte Vorortbahn fährt gerade ein, hübsche Laternen umsäumen die Station, Rosenstauden blühen.

Hans Weibel ist schon über 70, aber man merkt es dem quirligen Mann nicht an. Er ist ein begeisterter Autofan, war früher Kraftfahrzeugmeister mit Renault-Vertretung, dann freier Gebrauchtwagenhändler. Das Mercedes-Coupé kaufte er im Sommer 1993 als knapp drei Jahre alten Leasing-Rückläufer mit 70.000 km auf dem Tacho. Weibel fährt seit jeher und immer noch Mercedes. "Ich habe ab dem Strichacht alle Modelle besessen. Das ungewöhnlich luxuriös ausgestattete Coupé wollte ich viel länger behalten, deshalb habe ich ihn auch auf meinen Namen zugelassen. Auch meiner Frau Marlene gefiel die Farbe, dieses schöne Violett, sehr gut."

Ein paar Wochen später kam Antonio Lepore, der Restaurantbesitzer aus der Nachbarschaft, auf Weibel zu und wollte den Mercedes 230 CE unbedingt haben. Da könne man als Autohändler nicht Nein sagen. "Bald hatte ich eine S-Klasse vor der Garage, da fiel mir die Trennung nicht mehr schwer." Mit besorgter Kennermiene schleicht Weibel um den fremden, aber doch seltsam vertrauten Wagen in seiner Einfahrt. "Da muss aber viel gemacht werden, der Rost an der Fahrertür und am Kotflügel vorn, und innen sieht der richtig verwohnt aus, da ist viel kaputt." Ich mache ihm Hoffnung auf Heilung und sage, dass ich schon einige Interieur-Teile bei E-Bay bestellt hätte.

Merlin zerlegte den Innenraum

Ein Hund hat offenbar im Coupé gewütet, die Armaturentafel und die hintere rechte Seitenverkleidung zeigen deftige Biss- und Kratzspuren. Zwei Tage später werden wir von Frau Gerber erfahren, dass es Merlin war, ihr Airedale-Terrier. Keine Viertelstunde hat er gebraucht, um das Auto innen böse zu zerlegen.

Wir fahren mit Hans Weibel ein paar Straßen weiter zum Restaurant La Venta, einem schmucken Lokal mit viel Holz, Schmiedeeisen und Geranien drum herum. Antonio Lepore empfängt uns ein wenig skeptisch, er weiß anfangs nicht so recht, was wir von ihm wollen. Das Wiedersehen mit dem Coupé erfüllt ihn mit Wehmut. "Mein Gott, damals war ich ein junger Mann von 45 Jahren. Und heute?" Später, als Antonio mit uns beim Essen sitzt und doch noch redselig wird, erzählt er von seinen weiten Reisen im Coupé nach Kampanien, in seine alte Heimat südlich von Neapel.

Als ich ihm sage, dass wir übermorgen zu Ulrike Gerber in den Chiemgau fahren, verklärt sich sein Blick und ein vielsagendes Lächeln huscht über sein Gesicht. "Ulrike hat den Wagen von mir gekauft, ich habe sie zehn Jahre nicht gesehen, ich hoffe, es geht ihr gut, sagen Sie ihr ganz liebe Grüße von mir."

Roadmovie im 230 CE

Am nächsten Morgen geht es weiter vom Übernachtungsort Ahlen nach Berlin, das bedeutet erst einmal 397 Kilometer A2 schrubben, von denen nur noch ein fieser 110-Grad-Kühlwasser-Stau hinter Hannover sowie der Rastplatz Waldkater bei Helmstedt in Erinnerung bleiben. Wir treffen Krshna Dicke gegen 14 Uhr am Wannsee, vorher fahren wir rund um Postdam auf schattigen Alleen. Der weiß gewandete Asket mit dem schmalen Jungengesicht sieht genau so aus, wie man sich einen Yogalehrer, einen veganen Koch und einen Coach für aktive Selbstheilung vorstellt. Er ist offen für uns, sagt sofort Du, steigt in sein Coupé ein und fährt es nach 20 Jahren so, als hätte er nie ein anderes besessen.

Krshna beklagt die vielen Detailmängel. "Schade, dass man so ein edles Auto über die Jahrzehnte nicht besser gepflegt hat. Immerhin ist es überhaupt noch da und nicht verschrottet. Ein paar Tage bevor du mich plötzlich aus dem Nichts anriefst, habe ich genau an dieses Auto gedacht. Es gibt keinen Zufall, alles hat seinen Sinn und seine Ordnung", erklärt Krshna mit bestimmter Miene.

Erst Mercedes Coupé, jetzt Fahrrad fahren

Dann erzählt er von einem früheren Leben als Handelsvertreter in der Modebranche. "Zum Reisen brauchte ich ein komfortables, zuverlässiges Auto mit einem gewissen Chic. 30.000 Kilometer pro Jahr kamen locker zusammen. Doch irgendwann wusste ich, dass es das für mich nicht sein konnte, und ging für elf Jahre nach Indien." Heute fährt Krshna Fahrrad, ein Auto ist in Berlin nicht nötig. "Besitz bindet Energie" ist sein zweiter großer Satz, der mich nachdenklich stimmt. "Wenn man loslässt, ist man offen für Begegnungen, das ist viel wertvoller."

Krshnas Worte schwingen auf der Fahrt nach Süden lange nach. Sie hat meditative Züge, es ist ein schwereloser Flow, das Auto fährt wie von selbst auch ohne Tempomat. "München 515 km" steht irgendwo, bald sind es nur noch 313. Das helle Band der breiten A 9 wird von grünen Hängen umsäumt. Roter Mohn wiegt sich im Wind vor blauem Himmel.

Letztes Ziel: Reit im Winkl

Die endlos scheinende Autobahn schlängelt sich am nächsten Morgen von Bayreuth aus an Nürnberg und Ingolstadt vorbei erstaunlich zügig Richtung Alpen, bis uns ein Stau vor dem Kreuz München-Süd zur Kursänderung über Wasserburg nach Rosenheim zwingt. Dort versorgen wir das Auto mit Kraftstoff und kaufen Blumen für Frau Gerber. Nur noch 60 Kilometer bis Reit im Winkl, dort treffen wir sie mit Filippo, ihrem römischen Mischlingshund.

Die gebürtige Münchnerin empfängt uns mit Herzlichkeit. Eine gebildete Frau mit einem Hauch von Extravaganz in Kleidung und Ausdruck. Lange führte sie im Nachbarort eine kleine Pension. In den 70ern fuhr sie gleich zwei Matra-Simca Bagheera, das Mercedes Coupé von Antonio fand sie damals hinreißend, oft war sie mit dem Wagen in Italien. Aber die Jahre ließen es verblühen. Weil die Reparaturen zu teuer wurden, trennte sie sich schweren Herzens von dem 230er. Jetzt fährt sie einen unscheinbaren Mercedes 190 E. "Autos bedeuten mir nichts mehr, ich sehe es pragmatisch. Aber einen Sinn hat Ihre Tour", sagt sie seltsam verklärt. "Ich werde Antonio wiedersehen, auf den Fotos in Ihrer Zeitschrift."

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