Nachdem die Modellpflege in der Entwicklungsabteilung optimiert und von den Marketingexperten modernisiert worden war, wurde sie im PR-Bereich durchgeschüttelt, zerlegt, analysiert wie auf einem Vollast-Prüfstand und anschließend zu einem völlig neuen Wort-Spiel zusammengesetzt. „Wir haben“, erklärten Chrysler-Manager so melodiös wie der Knabenchor von Auburn Hills, „ein neues Kapitel in der legendären Geschichte des Dodge Viper aufgeschlagen.“ Nicht einmal Denkmäler, Märchen und Legenden können sich heute dagegen verwahren, daß jene Technik, die sie am Laufen und Glänzen hält, in kleinen, feinen Dosierungen nachjustiert werden muß.
Also verstecken sich im neuen Kapitel der Legende 200 Änderungen und Verbesserungen so dezent, daß der erste Blick im Chrysler Viper noch immer jenen Roadster entdeckt, der wie eine üppige Skulptur Fernando Boteros daherrollt und dessen Motorkonzept aus der Lastesel- Welt der Trucker stammt. Der zweite Blick verrät nur Eingeweihten, daß es neue Farbkombinationen gibt: Rot mit gelben Felgen, Schwarz mit Silberstreif und polierten Alu- Felgen, Steinweiß mit blauem Streifen und weißen Felgen.
Und bevor der Röntgenstrahl des dritten Blicks die Aluminium-Komponenten der Radaufhängung entdeckt, müßte entsprechendes Fingerspitzengefühl längst die Überschrift des neuen Kapitels im Leben der Legende begriffen haben: Die Sidepipes sind weg. Vom Debüt 1992 bis zum Modelljahr ’95 heizte der Viper generell Phantasien, Sehnsüchte, Handflächen, G-Punkte und – nur in Amerika – auch die Seitenschweller an. Dort münden die Auspuffrohre unterhalb der Türen ins Freie. So was hätte bei den Al Capone- Limousinen der dreißiger Jahre bei ihren schießstandähnlichen Trittbrettern noch zu verkohlten Schuhsohlen geführt, heute könnte man kein Steak mehr darauf grillen.
Im Viper liegen die Seitenschweller auf Taillenhöhe der Passagiere, und die Sidepipes sind ansprechend isoliert, weil sich ältere Herrschaften, die nicht gerade einer kalifornischen Fitneß-Fanatikerin aus Silikon Valley imponieren müssen, beim Aussteigen gerne abstützen. Feinfühlige Piloten können sich dabei sogar einbilden, die Temperatur der Abgase zu erfühlen. Nun, seit dem Modelljahrgang ’96, der im Frühsommer in Deutschland auf den Markt kommt, führen die Auspuffrohre so geradelinig nach hinten, daß sie nur noch in Wagenmitte unter dem Stoßfänger enden.



