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Fahrbericht Ssangyong Chairman W Kaiser V8 5000

So fährt der große Vorsitzende

06/2016 Fahrbericht Ssangyong Chairman Foto: Ssangyong/Knecht 59 Bilder

Ssangyong steht für Geländewagen und SUV. Und auf dem koreanischen Heimatmarkt auch für eine Luxuslimousine im S-Klasse-Format. Wir haben uns in der aktuellen Modellgeneration Kaiser ein bisschen Luxus-Luft um die Nase wehen lassen.

16.06.2016 Jochen Knecht 1 Kommentar

In Rauten fein vestepptes Leder, indirektes Licht, Chrom, sauber gesetze Ziernähte und gnädige Elektromotoren, die die schweren Türen mit einem satten Schmatzen sanft ins Schloss ziehen. So kennt man das, bei Königs, Kaisers, Vorständen, Stars und Sternchens zu Hause. Und doch ist in diesem Fall fast alles anders. Weil die Haube der Luxuslimousine eben kein Stern, keine Niere und schon gar keine Emiliy ziert, sondern zwei stilisierte Schwingen. Drachenflügel, um genau zu sein. Das Markenzeichen des koreanischen Autobauers SsangYong. Der ist mit weltweit gerade einmal 150.000 verkauften Fahrzeugen nicht nur nach globalen Maßstäben der homöopathischste aller Großserien-Autobauer. Auch auf dem Heimatmarkt in Südkorea ist die Marke mit dem SUV- und Geländewagen-Gen ein Winzling. Und doch leistet man sich mit dem Chariman seit 1997 eine veritable Luxuslimousine.

06/2016 Fahrbericht Ssangyong ChairmanFoto: Ssangyong/Knecht
Die Sechszylinder stammen von Ssangyong, die V8-Motoren von Daimler.

Mercedes war und ist Technologiepartner

Warum? Weil die Elite Südkoreas Anfang der 90er Jahre in Sachen Automobilität großen Wert auf große und luxuriöse Fahrzeuge legte. Nicht, dass Luxuriöses und vor allem Sportliches aus Europa nicht verfügbar gewesen wäre. Dank der stattlichen Import-Zölle waren die aber selbst für gut betuchte Südkoreaner eine schmerzhafte Investition. Und so kam 1991 bei den Koreanern Mercedes-Benz als Technologiepartner an Bord und half mit modernen Triebwerken und Getrieben. Die Kooperation gipfelte 1993 im ersten Ssangyong Chairman, der aus der Technik der Mercedes E-Klasse W124 geformt wurde. Neun Jahre später gab’s ein umfangreiches Facelift, ebenfalls auf der Technik des W124. Aus dem Chairman wurde der Chairman H.

Die hohen Zölle sind längst Geschichte. Und mit ihnen auch die besten Zeiten des großen Vorsitzenden. Heute stammen fast 80% der Luxusfahrzeuge aus dem Import, Ssangyong verkauft kaum mehr als 1.500 Chairman pro Jahr. Dennoch kam 2013 die aktuelle Version, der Chairman W auf den Markt. Dessen jüngste Modellgeneration nennt sich ganz selbstbewusst „Kaiser”, kommt aber nach wie vor niicht ganz ohne Technik aus Deutschland aus. Bodengruppe und Basis-Motoren (3.2 bzw. 3.6-Liter) sind zwar komplett made in Korea, die Top-Maschine im V8 5000 (4,9 Liter Hubraum) stammt aber weiterhin genauso von Mercedes (M113), wie die 7-Gang-Automatik, die bei Daimler 7G-Tronic heißt. Im Chairman gibt’s maximal 306 PS, die beiden kleinen Motoren leisten jeweils 225 bzw. 250 PS.

06/2016 Fahrbericht Ssangyong ChairmanFoto: Ssangyong/Knecht
Der Fond bietet reichlich Platz, schon in der Kurzversion.

Der Chairman wirkt solide und hochwertig

Im Fond des Dicken ist der Verzicht auf schwäbische Wertarbeit oder britisches Understatement sehr gut zu verkraften. Auch ohne die 30 Zentimeter mehr Radstand, die die Langversionen „Limousine” und “Summit” versprechen, ist im Basis-Chairman (2,97 Meter) reichlich Platz für große Schuhe, große Taschen und entsprechend dimensionierte Egos. Die verwendeten Teppiche sind flauschig und die verbauten Materialien so echt, wie man es auch aus vergleichbaren Produkten der XXL-Konkurrenz kennt. Entertainment-System und Klimaanlage lassen sich vom Fond aus bedienen, der Beifahrersitz ebenfalls von den Rücksitzen aus verschieben. Alles wirkt solide und hochwertig. Und natürlich hängt über allem der Duft von aufwendig gegerbten und sorgfältig vernähten Tierhäuten. Das kann man bei einem Auto, das umgerechnet 42.100 Euro kostet, sicherlich auch erwarten. Dennoch ist das Qualitätsniveau ziemlich erstaunlich. Weil Ssangyong eben nur ein kleiner Fleck auf der automobilen Weltkarte und die Sache mit den Luxus-Limousinen mehr Hobby als lohnendes Geschäft ist.

Grund zur Klage gibt’s an Bord des Chairmans eigentlich nur, wenn man nicht derjenige ist, der chauffiert wird. Hinterm Steuer schrumpft der Luxus-Dampfer nämlich sehr schnell auf ein wenig weltmännisches Format. Selbst der kurze Chairman bringt es auf fast zwei Tonnen Leergewicht und hat mit der Masse eigentlich in allen Bereichen zu kämpfen. Selbst die Allradversion 4Tronic sträubt sich gegen jede Art von Kurven und schlingert trotz serienmäßiger Luftfederung (zugeliefert von Continental) je nach Tempo mehr oder weniger führungslos ums Eck. Die gemütlich regelnde Siebengang-Automatik und die komplett gefühllose, viel zu weit übersetzte Lenkung tragen nicht wesentlich zu Beruhigung der Fuhre bei. Vor allem dann nicht, wenn einer der beiden Sechszylinder an Bord ist. Die packen erst im hohen Drehzahlbereich richtig zu. Das ist nicht überraschend, die Hektik im Motorraum passt aber halt so gar nicht zur flüsterleisen Abgeschiedenheit der Rücksitze.

06/2016 Fahrbericht Ssangyong ChairmanFoto: Ssangyong/Knecht
Im Fond des Dicken ist der Verzicht auf schwäbische Wertarbeit oder britisches Understatement sehr gut zu verkraften.

Die Umwelt bleibt draußen

Herr und Frau Vorsitzender im Fond bekommen selbstverständlich herzlich wenig davon mit, was ihr Chauffeur da Tag für Tag leistet. Doppelt verglaste Seitenscheiben sperren den Alltagslärm aus und wenn die Klimaanlage im Flüstermodus sanft durchs perforierte Armaturenbrett schnauft, lässt es sich schon ein paar Stunden auf den hinteren Plätzen aushalten. Das Ganze dann dezent beschallt über die serienmäßige Harman Kardon-Anlage, der Allerwerteste von den Klima-Sitzen wohl temperiert. Sehr fein.

Wer’s auf die Spitze treiben will, greift zum, Achtung, jetzt wird’s lang, Ssangyong Chairmann W Kaiser V8 5000 (ab 68.840 Euro). Noch mehr Leder, indirekte LED-Beleuchtung, Cupholder und USB-Ladebuchsen. Da kommt schon ein bisschen Maybach-Feeling auf. Wahrscheinlich auch, weil die Kombi aus Chairman, V8 und Top-Ausstattung ähnlich selten ist. Aktuell tut das einzig verfügbare Modell Dienst beim Ssangyong-Chef Johng-Sik Choi, dessen Dienstwagen für eine kurze Testfahrt herhalten musste. Unterwegs im Chairman vom Chairman. Sowas hat man auch nicht alle Tage.

Ober-, aber nicht Luxusklasse

Also eine Luxuslimousine auf Weltniveau. Ganz sicher nicht. Auch wenn das W als Namenszusatz genau das symbolisieren soll. Technisch rangiert der Chairman nämlich eher in der Ober- als in der Luxusklasse. Zu den wirklichen Top-Modellen der großen europäischen Autobauern fehlt dem Ssangyong ein ganzes Stück. 10 Airbags, Radar-Tempomat und Kameras rundum sind längst nichts mehr, mit dem man Premium-Kunden hinterm Ofen vorlocken kann. Fahrwerks- und Motorentechnik sind im mit Innovationen und Fahrassistenten gut bestückten Edel-Segment nicht mehr konkurrenzfähig. Das Design ist alles, nur nicht einzigartig. Das weiß auch Ssangyong-Chef Johng-Sik Choi, als er im Gespräch mit für einen Koreaner überraschender Offenheit einräumt, dass ein Chairman-Nachfolger ganz sicher eher Crossover, als Limousine sein wird. Die Frage, ob es denn überhaupt Sinn für Ssangyong macht, im Luxussegment vertreten zu sein, quittiert er mit einem professionellen Lächeln. Er weiß, dass seine Marke nur mit Fahrzeugen überleben kann, die über ausgezeichnete Exportchancen verfügen. Und dazu zählt der Chairman ganz sicher nicht. Die Trauer dürfte sich bei Mr. Choi aber in Grenzen halten. Sein nagelneuer V8-Chairman wird locker noch ein paar Jahre durchhalten.

ModellPreis
SsangYong Chairman W Kaiser CW600ab 42.100 Euro
SsangYong Chairman W Kaiser CW700ab 46.610 Euro
SsangYong Chairman W Kaiser CW700 Limousine (Langversion)ab 68.335 Euro
SsangYong Chairman W Kaiser V8 5000ab 68.840 Euro
SsangYong Chairman W Kaiser V8 5000 Summit (Langversion)ab 83.634 Euro
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Man scheint bei SSangyong nicht nur technisch mit Daimler zusammenzuarbeiten, sondern auch beim Design.
Der Chairman ist nämlich ebenso verunstaltet, wie die meisten Baureihen mit Stern.

Scharf 17. Juni 2016, 14:01 Uhr
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