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Ferrari 365 GTB/4 und Ferrari F12

Traumsportwagen gestern und heute

Ferrari 365 GTB/4, Ferrari F12 Berlinetta, Seitenansicht Foto: Hans-Dieter Seufert 38 Bilder

Frontmotor-Zwölfzylinder sind die Essenz von Ferrari. Der F12 kommt den legendären Proportionen des 365 GTB/4 (Daytona) erstaunlich nahe. auto motor und sport durfte beide Preziosen über die Landstraße scheuchen.

08.08.2013 Marcus Peters

Die Ehrfurcht fährt ganz automatisch in einem Auto mit, das über 400.000 Euro kostet. Im Falle des Ferrari 365 GTB/4 von 1973 sitzt allerdings Eigentümer und Ferrari-Händler Helmut Eberlein auf dem Beifahrersitz und überstimmt die Zurückhaltung. „Gib jetzt doch mal Gas“, ist schon mehr als eine Erlaubnis – es ist eine Aufforderung, sich genau jenen Spaß zu gönnen, den die Vorsicht normalerweise im Zaum halten will: den Sportwagen von der Leine zu lassen.

Der Tag im hessischen Kassel ist als Generationentreffen geplant, alt und neu, Urvater und Nachkömmling. Der zweite Ferrari läuft bereits für den Fototermin warm – nicht minder faszinierend: der aktuelle Ferrari F12 Berlinetta als Neuinterpretation des zweisitzigen Frontmotor-V12 mit Endlos-Haube. Ihn brachte Ferrari Ende vergangenen Jahres als Nachfolger des 599 GTB Fiorano an den Start.

Ferrari F12 Sitzprobe: Einsteigen fällt schwer 1:26 Min.

Daytona ist nur der Spitzname für den 365 GTB/4

Die Ähnlichkeit der Proportionen ist frappierend: Im Profil wirkt der Ferrari F12 tatsächlich wie ein um fünf Prozent vergrößerter, optisch weiterentwickelter Daytona. So hieß der 365 GTB/4 offiziell übrigens nie, aber der Sprachgebrauch der Autofans hat diesen Spitznamen praktisch zementiert. Doch die klassische Linie schien Ferrari zwischendurch abhanden gekommen zu sein.

Der neue Designchef Flavio Manzoni hat sie wieder kultiviert und mit spektakulären Details versehen: An Öffnungen in den Kotflügeln streicht der Fahrtwind praktisch durch die Aluminium-Karosserie hindurch; das reduziert den Auftrieb ähnlich effektiv wie ein Flügel, ruiniert aber nicht die Figur. Und gemeinsam mit Entwicklungsdirektor Roberto Fedeli hat es Manzoni geschafft, das scheinbar unaufhaltsame Größenwachstum umzukehren. Im Vergleich zum Vorgänger 599 GTB Fiorano ist der Ferrari F12 Berlinetta immerhin 4,7 Zentimeter kürzer, zwei schmaler und 5,3 flacher. Und er hat seinen pummeligen Hintern verloren.

Dennoch verschwindet der Daytona fast im Schattenwurf des Neuen. Nach heutigem Maßstab ist der 365 GTB/4 zierlich und sein Innenraum gemütlich eng. Weil andererseits Sportwagen-Sitze in den Siebzigern nur minimal aufgepolstert wurden, der Mitteltunnel dank Transaxle-Bauweise nur eine Kardanwelle und kein Getriebe beherbergen muss und das Armaturenbrett frei von Multimedia-Systemen ist, bleibt trotzdem genügend Raum für zwei Passagiere. Ungewöhnlich groß fallen Tacho und Drehzahlmesser aus, was letztendlich wieder Helmut Eberleins Botschaft gleichkommt: „Gib jetzt doch mal Gas.“

Der V12 erwacht

Wir starten per Zündschlüssel, was bei heutigen Sportwagen längst aus der Mode gekommen ist – den Ferrari F12 erweckt man mit einem Druck auf den Startknopf zum Leben. Der Daytona-Schlüssel selbst ist reinste Mechanik, frei von Elektronik und gibt nur die essenziellen Befehle: Zündung und Benzinpumpe an, Anlasser durchdrehen. Nach kurzem Jaulen und einem kräftigen Tritt aufs Gaspedal melden sich die zwölf Zylinder zu Wort – offensichtlich sind sofort alle hellwach, denn das Aggregat läuft erstaunlich rund und ohne nervöses Sägen.

Über das summende Verbrennungsgeräusch mischt sich das Rasseln der 24 Ventile, betätigt über vier oben liegende Nockenwellen. Bereits kalt nimmt der 4,4-Liter-V12 erstaunlich gut Gas an. Dabei böte sich rein technisch genug Grund zum Verschlucken, schließlich schnorcheln unter dem großen Luftsammler sechs Doppelvergaser. Sie verleihen dem Ansauggeräusch die schlürfende Note, während die Auspuffanlage vollmundigen Bass beisteuert.

Wir treten die Kupplung, was die linke Wade gehörig anspannt, greifen zum filigranen, verchromten Schalthebel, rasten ihn hinten links ein und rollen los. Den Bezug zum Rennsport sieht man schon am Schaltschema: Der selten benötigte erste Gang wurde außerhalb der H-Ordnung gelegt, um zwischen Zwei und Drei sowie Vier und Fünf durchreißen zu können.

Ferrari 365 GTB/4 ist ein echtes Männerauto

Wir lassen es schon aus Rücksicht vor dem kalten Getriebeöl langsam angehen – auch übrigens, weil das Kurbeln am Lenkrad in der Stadt alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Sportwagen der siebziger Jahre als Männerautos gelten. Gegen die Servo-Unterstützung hatte Ferrari noch lange Vorbehalte, immer mit dem Hinweis, es ginge zu viel Lenkpräzision verloren.

Wenn schon nicht mit einem Finger, so lässt sich der Ferrari F12 doch fast nebensächlich bewegen. Ein Kupplungspedal gibt es bei Ferrari heutzutage nicht mehr; serienmäßig erledigt ein Doppelkupplungsgetriebe die Schaltarbeit: Sanftes Gasgeben reicht, und der Supersportwagen rollt los. Wer vor sich hin cruisen will, lässt den Automatik-Modus im Ferrari F12 entscheiden, wann es Zeit für die nächste Fahrstufe ist. Alternativ zieht man an den Lenkradpaddeln.

Man kann den Zug hinauszögern bis zum point of no return, bis der 6,3-Liter bei 8.700/min kreischt – wobei der V12 in den unteren Gängen praktisch ans Limit explodiert. Die zwölf Riesenkolben scheinen zumindest keine Massenträgheit zu kennen. Während Sie das Wort Ansprechverhalten laut artikulieren, hängt der Ferrari F12 bereits im Drehzahl-Begrenzer.

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Technische Daten
Ferrari F 12 BerlinettaFerrari 365 GTB/4 Daytona
Grundpreis268.328 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4618 x 1942 x 1273 mm4425 x 1760 x 1245 mm
KofferraumvolumenVDA320 bis 500 L
Hubraum / Motor6262 cm³ / 12-Zylinder4390 cm³ / 12-Zylinder
Leistung545 kW / 741 PS (690 Nm)
Höchstgeschwindigkeit340 km/h275 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h3,1 s
Verbrauch16,3 L/100 km
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