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Fiat 131 Mirafiori

Blumen-Kasten für die Massen

Fiat 131 Mirafiori Foto: Uli Jooß 15 Bilder

Mirafiori, die Wunderblume, nennt Fiat den Nachfolger des 124. Doch entwickelt der 131 mit sachlich-kastigem Industriedesign und anspruchsloser Technik auch den wunderbaren Charakter italienischer Autos? 

02.02.2007 Sebastian Renz Powered by

Man könnte dem Fiat 131 unterstellen, ein Auto für Menschen zu sein, denen Autos im Grunde egal sind. Zumindest empfinden das die Fiat-Fans so, als der Mirafiori vorgestellt wird. Sie fühlen sich sehr italophil, weil sie in den 50er und 60er Jahren den Besitz eines Modells des Turiner Herstellers zum individuellen Lebensgefühl stilisieren. Doch 1974 präsentiert Fiat als Ersatz für den 124 ein Auto, das auf den ersten Blick wie ein Allerweltsprodukt aussieht.

Massenverträglicher Alltagswagen

Der Mirafiori heißt wie das größte Turiner Fiat-Werk, und genau so scheint ihm aller mediterraner Charme zu fehlen. Er will kein Liebhaberauto sein, sondern ein massenverträglicher Alltagswagen – ein gut gemachter. Und, wie Fiat meint, ein sehr zeitgemäßer. Robuste, anspruchslose Autos verkaufen sich in den Siebzigern gut. Weil der finanziell angeschlagene Fiat-Konzern einen Bestseller braucht, sollen sich eben andere Hersteller um Geniestreiche und Grandezza kümmern. Deshalb übernimmt die neue Mittelklasse-Limousine nicht, wie von den Fans erhofft, die Rolle eines verkleinerten Quattroporte, sondern die eines italienischen Ford Taunus. Der Mirafiori verspricht schon im Prospekt nicht, besonders sportlich, komfortabel oder modern zu sein. Er möchte nur seinen Job machen. Ordentlich, zuverlässig und günstig, aber ohne übermäßige Ambitionen. Sonst hat er sich höchstens noch vorgenommen, dem Rost zu widerstehen und bei einem Unfall Insassen schonender zu knautschen. So einer wird nicht König der Herzen.

Motto: form follows function

Nur die zweitürigen Sportmodelle, besonders die durch Autogramm und Rallye-Weltmeisterschaft von Walter Röhrl geadelten, finden rechtzeitig einen zukunftssicheren Unterschlupf bei Liebhabern. Doch als vor zehn Jahren die letzten normalen 131 aus den hinteren Reihen der Kiesplatz- Gebrauchtwagenhändler verschwinden, scheint die Autowelt kaum um eine Attraktion ärmer. Dabei ist sie das. Es mag dem Mirafiori, der Wunderblume, an Innovation mangeln, nicht aber an Charakter. Sein schlichtes Industriedesign zeigt, dass die einfachsten Lösungen die schönsten sein können. So ähnelt die schwarze Oberfläche der Türinnenverkleidung der einer eleganten Aktentasche, das Cockpit mit seiner silbernen Umrahmung einer zurückhaltend- hochwertigen 70er-Jahre-Dual-Stereoanlage.

Die kantige Karosserie mit ihrem filigranen Dachaufbau gewährt überragende Übersicht und vermittelt ein luftiges Raumgefühl. Was auch der Realität entspricht. Den Einstieg in den Fond erschweren jedoch die hinteren Türen mit ihren schmalen Öffnungswinkeln. Vorn klappt das besser – doch drücken die langen Gurtpeitschen in die Seite, und das horizontal verstellbare Lenkrad kann die zu hohe Sitzposition nicht ganz korrigieren. Im unrunden Kaltstart-Leerlauf rumpelt der Motor müde und ungleichmäßig vor sich hin. Er sitzt tief unten im reichlich dimensionierten Maschinenraum. In den ersten zwei Jahren ist der 1600er die Topmotorisierung. Es gibt da ja nur ihn und den praktisch baugleichen 1300er.

75 PS als Topmotorisierung
 
Die Grundkonstruktion stammt vom 124. Zu ein paar Modifikationen kann sich Fiat aber doch durchringen. So trägt die Maschine zwar die Nockenwelle noch immer seitlich, bekommt aber einen Zylinderkopf aus Aluminium. 75 PS trommelt der 1,6-Liter zusammen. Heute würde das in der Mittelklasse nicht einmal als Leistungs-Existenzminimum akzeptiert. Doch der nur gut eine Tonne leichte Mirafiori zeigt, wie sorgsam zurückhaltend vor drei Jahrzehnten mit Leistung und Gewicht umgegangen wird. Es gibt genau so viel Kraft, wie man vernünftigerweise braucht. Auch nicht mehr, als das simple Fahrwerk verkraften kann.

Sein Layout entspricht dem des 124: Die Vorderräder an Einzelradaufhängungen, die hinteren Räder treiben das Auto an, durch eine Starrachse verbunden. Das gelingt ohne Scharren und Auskeilen. Denn zu durchdrehenden Rädern oder gar Leistungsübersteuern reicht es nicht. Was aber nicht an mangelnder Kraft, sondern vielmehr an der weichen Abstimmung liegt. So bewältigt die Federung ihre Aufgabe ganz brauchbar – was von der zarten Bremsanlage übrigens nicht behauptet werden kann. Dennoch taucht der Vorderwagen beim Bremsen tief in die Federn. Biegungen umrundet der 131 garstig untersteuernd und mit erheblicher Schlagseite. Dagegen lässt sich wenig unternehmen. Lastwechsel machen auf das Untersteuern keinen Eindruck.

Überragend schlechte Aerodynamik
 
Die teigige, schwergängige Lenkung ist auch keine wirkliche Hilfe. Dass man den Wagen dennoch so freudig lenkt, liegt an seinem Volant, das mit seinem dünnen, klavierlackfarbenen Kranz an das des größeren 130 erinnert. Es adelt den Mirafiori zwar noch lange nicht zu einem eleganten Gran Turismo, aber durchaus zu einem Auto, mit dem man gern unterwegs ist – und das auch auf langen Strecken. Vor allem,wenn es dabei über Landstraßen geht. Dann bleibt die Klangfülle von Motor- und Windgeräuschen erträglich. Ab Tempo 100 nämlich klatscht die Luft mit großer Vehemenz gegen die Karosserie, die ja mit einem cW- Wert von 0,47 eine überragend schlechte Aerodynamik aufweist. Dazu aktiviert der Motor all seine akustischen Reserven, um gegen hohe Drehzahlen zu protestieren. Dank des aufpreispflichtigen Fünfgang-Getriebes überstreicht die grüne Nadel des Tourenzählers aber nur selten die 3.000er-Markierung. Bis dahin dreht die Maschine mit einem satten, kernigen „Vroooomm“. Dann die Füße auf den schmalen, eng nebeneinander stehenden Pedalen neu sortieren und schnell den nächsten Gang einlegen.

Schaltemsiges Fahren ist überhaupt die größte Freude am Mirafiori. Der lange Schalthebel reckt sich im 45-Grad- Winkel weit in den Innenraum. An seiner Spitze sitzt eine Kugel – glänzend schwarz und massiv wie die Acht beim Billardspiel. Um den nächsten Gang einzulochen, wird so viel Kraft wie für einen festen Händedruck benötigt. Wird der Hebel über den weiten Weg in die nächste Ebene geführt, klackt es metallisch, die Schaltkugel pulsiert leicht – der Mirafiori hat doch ein Herz. Fiat mag noch so viel bei der Entwicklung gespart haben, der 131 noch so nüchtern sein: Er ist nicht nur ein reiner Gebrauchsgegenstand, sondern auch ein wunderbares, durch und durch italienisches Auto. Und ganz sicher eines für Menschen, denen Autos eben keineswegs egal sind.  

Technische Daten
Fiat 131 Mirafiori 1600S
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4264 x 1642 x 1400 mm
Hubraum / Motor1585 cm³ / 4-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit158 km/h
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