Ford Mustang Shelby und Nissan GT-R: Mächtige Kraft-Sportler unter sich

Ford Mustang Shelby GT 640, Nissan GT-R

Wenn sich die Erde ins Dunkel dreht, wächst der Hunger nach Abenteuern. Um unseren Appetit zu stillen, sprinten wir mit Ford Mustang Shelby GT 640 und Nissan GT-R zum Diner - und erleben ein Fast-Food-Fest der besonderen Art. Schmecken lassen!

Der Unterschied zwischen den übrigen und amerikanischen Sportwagen ist immer noch gewaltig: Während dir die einen wie dressierte Hengste gehorchen, sind die anderen wilde Bullen, die du reiten musst – wenn du dich traust. Ein besonders kräftiges Tier mit langem Namen – Mustang Shelby GT 640 Golden Snake – rauscht gerade durch die Nacht.

Musclecar gegen Computerspiel-Sportler

Nacht? Am Tag kommst du nicht weit, ohne bestaunt, fotografiert oder verteufelt zu werden. Kulturbanausen. Wer je etwas für die V8-Coupés der Marke Ford gefühlt hat, bekommt beim Anblick des mattgoldenen Geschosses diesen verträumten Blick. So, wie ihn vermutlich Carroll Shelby hatte, als er 1965 den ersten Mustang zum Musclecar dressierte. Was würde Shelby wohl zum Nissan GT-R sagen? Der Godzilla ist heute Abend mit von der Partie, weil er zur modernen Supersportwagen-Clique gehört, die das Gegenteil des Mustang darstellt: schnell um den Nürburgring, präzise am Fernpass und freundlich piepsend beim rückwärts Einparken. Trotz seines Computerspiel-Charmes versprüht der Nissan seit seiner Überarbeitung einen Hauch erlebbare Mechanik. Wenn du ihn im Dritten durch die Stadt führst, klacken und knirschen die Zahnräder seiner Hinterachse, als würden sie Radbolzen zu Kaffee zermahlen. Vermutlich wäre Shelby so lange vom scharfkantig gezeichneten Boliden verzückt gewesen, bis er seine Motorhaube aufgestemmt hätte: "No!!! It‘s just a V6!"

Im Test-Fall wäre der Ford Mustang ein gnadenloser Verlierer

Für Shelby und die anderen Schnellurteiler jagen wir Ford Mustang und Nissan GT-R dem Mond entgegen – um eine einzige Antwort zu finden: Welcher der martialischen Asphaltbolzen um 90.000 Euro macht mehr Spaß? Die Vergleichstestwertung bleibt dabei im Schrank (es zweifelt doch nicht wirklich jemand daran, dass der Ford nach Punkten verlieren würde?). Film ab.

Als die kleinen, bunten Lichter hinter den Scheinwerferkegeln auftauchen, ist das erste T-Shirt durchgeschwitzt. Päng-Beng, Päng-Beng, Päng-Beng – das Herz pocht nicht, es hämmert. Genau wie die acht Kolben der Golden Snake, deren Freudendonner durch die Nacht hallt. Das Dunkel legt sich wie ein wohltuender Vorhang über die unübersichtliche Karosse und verschleiert den lieblosen Innenausbau. Am Tag schockieren schlechte Spaltmaße, billig lackierter Kunststoff und weiche Sitze. Typisch Ami. Nachts gefallen die zweifarbigen Instrumentenlichter und die perfekt sitzende weiße Schaltkugel im Ford Mustang. Ganz recht, trotz der fast 800 Newtonmeter Drehmoment werden die sechs Gänge von Hand sortiert. Trotzdem: Wer Audi und BMW-Style schätzt, reißt das Cockpit des Mustang raus und lässt sich vom Sattler seines Vertrauens etwas Feines anfertigen.

Nissan GT-R mit perfekter Sportlichkeit

In dieser Nacht verschieben wir dieses Vorhaben und konzentrieren uns auf den roten Punkt, der vor dem vergitterten Maul des Mustang weghuscht. Es ist der Nissan GT-R, der gekonnt durch den Fahrtwind schneidet und wohl als Erster an unserem Ziel sein will, einem amerikanischen Diner. Entgegen seiner wuchtigen und behäbigen Aura – die täuscht nicht, der Wagen wiegt etwas mehr als der längere Ford Mustang – scheint er spielend leicht über die Piste zu peitschen. Auf den bequemen Schalensitzen wird das Gefühl gedämpft. Sobald du den Blick vom Tacho lässt und vergisst, die rechte Wade zu entspannen, ist das Punktekonto halbvoll.

Dem Ford Mustang passt diese perfekte Sportlichkeit gar nicht. Laut brüllend versucht er, mitzuhalten. Dabei tastet der eigene Blick immer wieder erfolglos den Rückspiegel nach Flammen ab. Spuckt er keine?

Die sehr offene Auspuffanlage ist ein Prüfstein für jeden Nachbarn, denn sie scheint den Schall nicht zu dämpfen, sondern zu verfeinern. Sie gehört zum großen Tuningpaket von Geiger-Cars, das aus dem serienmäßigen Ford Mustang GT 500 den giftigen GT 640 Golden Snake züchtet. Interessierte Kunden sollten ihren Gasfuß sensibilisieren. Ein starker Tritt aufs rechte Pedal – und schwups! geht das Heck quer. Die serienmäßige Traktionskontrolle ist zwar aktiv, wirkt aber so engagiert wie ein Mitarbeiter auf einer Zulassungsstelle. Ob er beim Kennzeichenausstellen des Golden Snake die 640 Pferdchen bemerken würde? Wahrscheinlich nicht, so unübersichtlich, wie die heutigen Fahrzeugscheine sind ...

Über die Viertelmeile ohne Chance

Papier? Die Währung dieser Nacht ist Gummi. Auf breiten 285er-Reifen rollend, tritt der Nissan mit einem entscheidenden technischen Vorteil an: Allrad. Egal, ob du schüchtern oder voll aufs Gas steigst, die 530 PS des Biturbo-V6 werden wie bei schnellen Tieren auf alle viere verteilt. Das erklärt auch den berauschenden Antritt von null auf 100 km/h, den der GT-R in 3,4 Sekunden schafft. Die Zeit sicherte ihm 2009 eine Notiz im Guinness-Buch der Rekorde: Kein Serienfahrzeug mit vier Sitzen beschleunigt schneller auf Tempo 100. Beifahrer klatschen bei dieser Übung nicht selten mit dem Kopf an die Nackenstütze. Im Mustang klatschen sie Beifall. Und jubeln über die Wucht des Ford-V8, der noch im zweiten Gang die 285er- Hinterräder schnalzen lässt. Nach einem gelungenen Viertelmeile-Duell haben wir die beiden schwarzen Striche nachgemessen: 90 Meter! Der Nissan hinterlässt keine einzige Spur, nimmt dem Ford auf dem 400-Meter-Sprint aber fast eine Sekunde ab. Und das mit deutlich weniger Power.

Verlierer gegen die Starrachse

Im Dunkel unseres Ausritts wird der Handlingvorteil des Nissan GT-R nicht kleiner. Während er wie ein raketenbefeuertes Riesen-Kart um Kurven geht und dabei verhältnismäßig leicht zu handhaben ist, schwitzt und kämpfst du im Mustang mit der starren und bockigen Hinterachse – ohne je eine Chance zu haben. Je welliger die Fahrbahn, desto schlimmer wirds. Halten wir daher ein weiteres Mal fest: Das Verhältnis der Feinfühligkeit zwischen Starrachse und Einzelradaufhängung ist mit dem zwischen Kugelstoßern und Dartspielern vergleichbar.

Als die Buchstaben des Diners zu lesen sind, lässt es der Nissan ruhig angehen. Nach Zahlen (abgesehen vom Verbrauch) hat er ohnehin gewonnen. Warum also auf den letzten Metern stressen? Sein Doppelkupplungsgetriebe wählt einen hohen Gang, die Nadel des Drehzahlmessers ruht sich bei 2.000 aus, der Wagen gleitet sanft dahin.

Diese Harmonie kann der Ford Mustang nicht ab. Nach wenigen Metern Schlendertempo schafft es seine Elektronik nicht mehr, der Einspritzanlage klarzumachen, dass sie noch immer ganz wenig Kraftstoff in die Brennräume pumpen soll. Ergebnis: Der Motor läuft zu fett, das Notlaufprogramm schaltet sich ein. Wie verrückt ist dieser Wagen? Helfen kannst du ihm jetzt nur, indem du runterschaltest und den Alublock forderst. Dabei schnurrt der 2,3 Liter große Kompressor ab 3.000 Umdrehungen so herrlich mechanisch, dass die Gänsehaut noch vor den Fenstern des Diners anhält.

Ein Nissan GT-R-Fahrer kann diese Art von Faszination vielleicht nicht verstehen. Ein Supersportwagen dieser Liga hat bedingungslos schnell zu sein und Befehle jederzeit umzusetzen. Dabei geht es um die Perfektion des gesamten Sportgerätes und nicht um die Wucht eines einzelnen Bauteils. Als Ford Mustang-Fahrer weißt du, dass es dagegen kein Argument gibt. Und dennoch würdest du die Golden Snake wählen, weil es die unperfekten Autos im Leben sind, an die wir uns ewig erinnern.

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Dani Heyne

Autor:

auto motor und sport, Heft 16 / 2011

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