Alles über Ford 12 M
Ford Taunus 12M 16 Bilder Zoom

Ford Taunus 12M: Komischer Vogel

Er kam in einer Kiste über den Großen Teich. Als Cardinal war er noch nicht flügge. Die Adoptiveltern mussten ihn aufpäppeln. Er war hübsch, aber nicht sonderlich begabt, trotzdem mögen ihn die Leute.

Er ist mir zugeflogen, dieser seltsame weiße Vogel. Ein Freund sagte, ich könne ihn für ein paar Wochen haben – einfach so, zum Ausprobieren. Möglicherweise suche er ein neues Zuhause. Er heißt Cardinal, wie der Singvogel, ist aber ein Auto. Schon damals wollten sie ihn bei Ford nicht haben. Nicht in den USA, wo er von erstaunlich fortschrittlichen Ingenieuren ausgebrütet wurde – mit Frontantrieb und ungewöhnlich kompaktem V4-Motor vor der Vorderachse. Nicht hier zu Lande, wo Ford Köln bereits einen hübsch designten, technisch konventionellen, aber in Details sehr ausgefeilten Prototyp namens NPX am Start hatte.

Einfach mal Ausprobieren

Es half nichts. Sie bekamen das Kuckucksei Cardinal ins Nest gelegt und durften es noch eine Weile bebrüten, um allzu frühes Schlüpfen zu verhindern. Eine Klasse unterhalb des erfolgreichen Ford Falcon sollte der Cardinal in den USA als Käfer-Killer Karriere machen. Doch Ford Chef Lee Iacocca stoppte des Projekt, er zweifelte am Erfolg des technisch wie stilistisch seltsam unausgegorenen Wagens. So schickte er ihn, das Edsel-Desaster noch vor Augen, in einer Holzkiste über den Großen Teich. Nach dem technisch erzkonservativen Weltkugel-12M der Fünfziger betrat der Ford Taunus 12M, wie der Cardinal schließlich in Deutschland hieß, mutig technisches Neuland. Seine hübsche Form passte stilistisch gut zur damals Stil bildenden Badewanne.

40 PS treffen auf 900 Kilogramm

Im Vergleich zum Opel Kadett A und zum VW Käfer schien er im Auftritt viel repräsentativer und war innen so geräumig wie ein Mittelklassewagen. Sein pummeliger Vorgänger hatte noch einen seitengesteuerten Vierzylinder unter der Haube. Als Seitenstreifen-Taunus erlebt der P1 oder G13 genannte erste neu konstruierte Nachkriegs-Ford 1959 sein letztes Facelift. Der neue 12M P4 wird zum Erfolg, verkauft sich über 600 000 Mal in knapp fünf Jahren. Sogar ein großes Werk im belgischen Genk müssen sie extra für ihn bauen. Der Vogel zwitschert munter, der eigenwillige V4-Motor vorn drin beherrscht eine eigenwillige Tonleiter vom untertourigen Schnattern. Da erinnert er akustisch an die Ente – über zufriedenes Knurren, bis hin zum lästigen Bruzzeln, wenn er genug vom Ausdrehen hat.

Eine Ausgleichswelle zähmt die Massenkräfte. Die Vibrationen im Lenkrad kommen vom Antrieb, nicht vom Motor, der über ein breites Drehzahlband kultiviert und angenehm läuft. Streng genommen ist es ein VR4- Motor, die Zylinderbänke sind versetzt, jedes Pleuel kurbelt an seiner eigenen Kröpfung. Klappt man das V nach oben zusammen, wäre ein Reihenmotor die Folge. Wir freunden uns schnell an, der 12M ist hübsch anzuschauen. Schon deshalb freue mich jedesmal vor dem Einsteigen. Sein Gesicht mit drolligen Kotflügelaugen und dem schmollenden Kühlergrill-Mund hat in den Grundzügen etwas vom Austin Mini. Weiß steht ihm ausgezeichnet, weiß mit roten Polstern noch besser. Passanten winken, andere Autofahrer heben entschlossen den Daumen. Meist überholen sie dabei, denn im heutigen Verkehr sind 40 PS aus 1200 Kubik nicht gerade viel. Voll getankt mit Fahrer wiegt der 12 M etwas über 900 Kilogramm. Immerhin ist er außen exakt so groß wie der erste Dreier-BMW. Schon früh, bei 2400 Touren, trägt ihn die milde Welle des maximalen Drehmoments. Trotzdem möchte der Taunus 12M fleißig geschaltet werden, das macht mit der erstaunlich leichtgängigen, exakten Lenkradschaltung große Freude.

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Auto mit Charakter - und echten Schwächen

Jeder weitere weiße Strich auf dem Breitbandtacho will hart erkämpft sein. Wegen seiner bescheidenen Leistung hält der Wagen den Fahrer ständig auf Trab. Quälendes Vollgas bleibt vor allem auf bergigen Autobahnetappen nicht aus. Der V4 tönt dabei unwillig, Drehfreude ist nicht die Stärke des ultrakurzhubigen Aggregats. Die aufgezwungene Defensiv- Strategie erzieht zur exakten Beobachtung der Verkehrsvorgänge: Lücken ausnutzen, schnell reagieren, rasch den Zweiten einlegen, um den Motor bei Laune zu halten. Sich auch mal hineinmogeln. Dabei wirkt der Sympathiefaktor, der dem weißen Wägelchen entgegengebracht wird, geradezu Wunder. Die versprechen wir uns vom größeren 1500er-V4 mit 50 PS. Wahlweise gab es ihn damals für nur 120 Mark Aufpreis, 12M hieß er dann immer noch, doch das Drehmoment steigt um 25 Prozent.

Vom TS-Modell mal ganz zu schweigen: 55 PS, später sogar 65 Pferde wie im attraktiv gezeichneten Coupé, sorgen für die gewünschte Harmonie zwischen Wagengröße und Temperament. Einsame Landstraßen zum Autowandern sind das bevorzugte Revier des Basis-12M mit 40 PS. Hier jagen ihn keine dicht auffahrenden Lastwagen oder eilige Audi TDIVertreter. Hier wird das Fahren zum Fluss, hier reicht die Leistung für zügiges Tempo. Den Bereich von 70 bis 100 km/h mag der Taunus im Vierten am liebsten. Vorn brummt dann der V4 zufrieden, der Fahrer hinter dem tief geschüsselten Dreispeichen-Lenkrad grinst und rutscht dabei übermütig auf der Sitzbank herum. Das Lenkspiel ist schon im intakten Zustand beachtlich. Eine Kugelumlauflenkung ist eben kein guter Partner für den Frontantrieb. Mit etwas Übung fährt man trotz der überaus indirekten Auslegung schließlich einen sauberen Strich, nur der riesige Wendekreis und das heftige Zerren an der Lenkung in rasch gefahrenen engen Kurven künden vom frühen Frontantrieb mit einfachen Doppelgelenkwellen.

Der Vogel mit schönen Details
 
Homokinetische Löbro-Gleichl aufgelenke wurden dem Nachfolger P6 erst ab 1968 spendiert. Auch die neue, weniger stoßempfindliche und geschmeidigere McPherson-Federbeinachse blieb dem Nachfolger vorbehalten. Die Amerikaner legten die Motoraufhängung des 12M P4 starr aus, befestigten die unteren Querlenker aus Kostengründen direkt am Getriebe. Eine abenteuerliche Lösung, die erst 1964 bei der großen Modellpflege einer technisch sauberen, karosseriegelagerten Variante wich. Im Verbund mit den serienmäßig eingeführten vorderen Scheibenbremsen und einer leichten geschleppten Starrachse ergibt das für den 12M P4 angenehmen Fahrkomfort und akzeptable Fahrsicherheit. Er federt deutlich besser als sein Enkel Knudsen Taunus. Ausgeprägtes Untersteuern macht beide, den frühen Frontund den späten Hecktriebler, betont kurvenunwillig. Pause auf dem Parkplatz neben dem Waldweg.

Die Bank lädt zum Nachdenken ein: Wäre der 12M etwas für mich? Der seltsame Vogel, der ein neues Zuhause sucht? Seine Linie der Vernunft hat Pfiff, er sieht viel gefälliger und zierlicher aus als der klobige Nachfolger P6. Schöne Details finden sich am Wagen genügend. Etwa die vorderen Blinker in ihren Kotflügel-Ausbuchtungen, die lang gezogenen pfeilfömigen Seitensicken, die schmalen Dachpfosten und das geschwungene Heck mit den mandeläugigen Rücklichtern. Reichlich Chrom ziert die 175 Mark teurere Spezialversion, das Kofferraumschloss verbirgt sich raffiniert hinter dem großen Köln-Wappen. Leider herrscht im Innenraum der Rotstift der Kaufleute. Hier wirkt der 12M sehr spartanisch. Die einzeln umlegbaren Rückenlehnen der Sitzbank müssen ohne Verriegelung auskommen, das Zündschloss taucht links in den abgeflachten Fußraum ab, die Heizungsdosierung ist primitiv, Zeituhr und Tageskilometerzähler sucht man vergeblich. Die Sitzbezüge sind nicht original. Wird die Fahrertür geschlossen, hallt es wie in einem Wellblechschuppen.

Der 12M ist leider kein ausgesprochenes Qualitätsauto, wie es sein Zeitgenosse VW 1200 Export war. Aber sein Raumgefühl ist phantastisch – ein Mini-Straßenkreuzer auf schmalen 13-Zoll-Rädern. Der skurrile V4-Motor ist anspruchslos und unzerstörbar. Für ein knappes Jahrzehnt avancierte er zum Glaubensbekenntnis von Ford, selbst der Capri startete als V4. Der V6 lief sogar 30 Jahre. Der 12M P4 leistet sich als charakterstarkes Auto noch wirkliche Schwächen, das ist seine Stärke. Mit den 40 PS tut man sich allerdings auf Dauer recht schwer. Hatte nicht irgendein Ford-Händler auf dem Land im hintersten Bayern noch einen 1500er-V4 mit 65 PS im Regal liegen? Einen Moment bitte, ich muss mal kurz telefonieren.

Alf Cremers

Autor

Foto

Frank Herzog

Datum

19. Februar 2007
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