Giugiaro Quaranta: Sportwagen der Zukunft

Giugiaro Quaranta

Läge das Hauptquartier von Italdesign nicht in einem Industriegebiet weit außerhalb, so hätten die Turiner in den vergangenen Monaten mehr als einmal am Tag das laute "mamma mia" gehört.

"Mamma mia"

Fabrizio Giugiaros Stoßgebet gen Himmel, wenn er wieder einen neuen Fallstrick entdeckte, mit dem er sich bei der Realisierung seiner Studie Quaranta auseinandersetzen musste. "Ständig habe ich mich gefragt: Warum funktioniert es denn jetzt wieder nicht?" Dabei schien zunächst alles einfach: Die Ingenieure von Toyota besuchten Giugiaro im heimischen Moncalieri, breiteten den Antriebsstrang des Lexus RX 400h auf dem Konstruktionstisch aus und ließen ihn laufen. Und zwar genau in der Konfiguration, die Giugiaro vorschwebte: der Sechszylinder- Verbrennungsmotor hinten, der Elektromotor vorn.

"Wer konnte damals ahnen, was uns noch bevorstehen würde?" fragt Fabrizio, während er die Hände wie zum Gebet faltet und gen Himmel gestikuliert. Jetzt parkt der Versuchsträger namens Quaranta, zu deutsch "Vierzig", unschuldig vor dem Haupteingang, als hätte er seinem Schöpfer nie Ärger bereitet. Ein puristisch anmutender Mittelmotor-Sportwagen mit Hybrid-Antrieb, für Design-Kenner eine Reinkarnation: Der Flachmann ist eine Neuinterpretation des Bizzarini Manta, der Studie, mit der 1968 alles begann. Fabrizios Vater, Giorgetto, hatte sich gerade mit Italdesign selbständig gemacht, und der damalige Sportwagen-Hersteller Giotto Bizzarini gab bei Giugiaro eine avantgardistische Karosserie in Auftrag.

Noch immer steht Italdesign für die entschlackte Keilform - auch 40 Jahre, Hunderte von Designs und einen Generationenwechsel später. Die Karosserie des Quaranta besteht teils aus Aluminium, teils aus Kohlefaser, das Dach spannt sich scheinbar ansatz- und endlos über die gesamte Länge. Auf Knopfdruck öffnet es sich elektrohydraulisch und gibt die Fahrgastzelle frei. Man betritt den Quaranta förmlich und sinkt in derb belederte, schlanke Sportsitze. Fabrizio nimmt am Steuer Platz, lässt das Dach herab. Es schließt wie ein Sarkophag, trennt die Wirklichkeit des Verkehrs von der Fiktion der künftigen Fortbewegung, die wir heute schon vorkosten dürfen.

Erste Ausfahrt im Quaranta

Auf geht‘s zur ersten Ausfahrt auf öffentlicher Straße; bisher bewährte sich der Quaranta ausschließlich auf abgesperrten Teststrecken. Wie wird sich der Fremdling unter den Normalos benehmen? Fabrizio aktiviert den Startknopf, und in der gespenstischen Stille eines hybridgetriebenen Fahrzeugs rollt die Flunder Richtung Torausfahrt. Kaum spitzt die handstaubsaugerartige Front in die Realität jenseits der Entwicklungsabteilung, ist es vorbei mit der Elektro- Stille. Fabrizio gibt Gas, der Verbrennungsmotor röhrt los, und der Quaranta schießt auf die Landstraße. Zeigt sich hier die Lust des Automobilisten an der Beschleunigung oder der Frust vieler sorgenvoller Stunden mit technischen Problemen?

Fabrizio lacht: "Es ist mein ureigener Härtetest." Übersetzt heißt das: keine Gnade für das teure Einzelstück. Weil der Sechszylinder bei Vollgas vernehmlich rumort, fahren auf der Nebenspur die Scheiben herunter und Handys werden gezückt – für Bild- und Tonaufnahmen.

Sportwagen mit reichlich Platz

Doch Tempo 100 ist längst erreicht, Fabrizio geht vom Gas, der Quaranta flüstert niedertourig vor sich hin und peilt den nächsten Parkplatz an. Fahrerwechsel. Wir sind dran. Die mittige Sitzposition hinter dem Lenkrad erinnert an den McLaren F1, den dreisitzigen Supersportwagen-Helden der frühen Neunziger. Ihn übertrifft der Quaranta jedoch an Funktionalität: Hinter dem Fahrer darf noch ein Kleinkind mitreisen; Gepäck, am besten drei maßgeschneiderte Koffer, findet aufrecht hinter dem Verbrennungsmotor Raum. Ein familienfreundlicher Sportwagen.

Von beiden Seiten wendet sich das Cockpit zum Fahrer hin, die Konsolen sind geneigt, alle Funktionen befinden sich auf Griffhöhe. Anstelle von Instrumenten liefern Monitore sämtliche Informationen, etwa auch die Bilder der Kameras. Sie ersetzen die Spiegel, was etwas gewöhnungsbedürftig ist – bei der Sicht verlässt man sich lieber auf die eigenen statt auf elektronische Augen. Doch schnell lernt man den Vorteil schätzen: Drei Bilder, in jede Richtung eines, sorgen fast für komplette Rundumsicht, dazu die nahezu randlose Sicht nach vorn: Durch die Glaskuppel über dem Cockpit grüßt die bewölkte Landschaft. Giugiaros Ehrgeiz machte auch nicht vor Details Halt, was bei ihm für unzählige weitere "mamma mia" sorgte – sogar die Touchscreen-Funktion der Clarion-Monitore arbeitet. Ein Blick durch die Kameras: Die linke Spur ist frei. Der V6 heult auf. Harte Geräusche dringen aus dem Antriebsstrang, ein leichtes Schütteln. Akustische Unwucht des Prototyps oder zusammenballende Antriebsenergie für Warp 2?

Fast so eindringlich, wie es die Optik verspricht, geht es vorwärts. Eben noch träge perlende Wassertropfen surfen nun wild über die Kunststofffläche. Der Quaranta zerstreut die Angst, ein Hybrid-Sportwagen habe keinen Druck. Doch dann stört die elektronische Zahlstelle auf der Autobahn die Kreise des Elektromotors, und er setzt sich für heute zur Ruhe.

Der Quaranta zeigt das Machbare

Nur mit verbrennungsbefeuertem Heckantrieb nehmen wir die nächste Ausfahrt und sliden die Hügel in Richtung der Langhe hinauf. Bei noch nassem Untergrund und ohne stabilisierenden Antrieb an der Vorderachse nimmt der Quaranta den Aufstieg schon bei niedriger Geschwindigkeit beschwingt. Dabei liegt die tanninschwere und alkoholreiche Barolo-Weinregion noch vor uns. Es scheint, als wolle der Quaranta seinen ersten Tester einlullen und von der Botschaft überzeugen: Die Zukunft des Sportwagens ist emissions-, aber nicht emotionsarm.

Soll sie ruhig kommen. Aber könnte sie es in dieser Form? Fabrizio winkt ab – nein, der Quaranta sei nur der Prototyp des derzeit Machbaren. Ein Denkanstoß. Und eine Serienfertigung? Die würde ihn zu viele "mamma mia" kosten.

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Marcus Peters

Autor:

auto motor und sport, Heft 01 / 2009

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