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Goggomobil trifft Audi A1

Treffen zweier Kleinwagen-Generationen

Audi A1, Goggomobil Foto: Hans-Dieter Seufert 30 Bilder

Das Goggomobil verschafft zigtausend Fünfziger-Familien ein Dach überm Kopf. Im Gegensatz zum minimalistischen Ansatz des Zweitakt-Opas fühlen sich Kleinwagen-Helden wie der Audi A1 heute zu viel Höherem berufen.

14.02.2011 Jörn Thomas

Der Damm zum ersten Auto bricht für Ernst um halb zehn an einem trüben Herbst-Donnerstag 1963. Sein Chef schwebt ins Büro, ein Schulterklopfen, und dann liegt da dieser Umschlag. Gehaltserhöhung, 35 Mark mehr im Monat. Der letzte Tick, der Ernst und Adelheid noch fehlte. Zu vier Rädern, vier Sitzen und einem Dach. Tschüss Zündapp, ade Beiwagen, hallo Goggomobil. Der T 250 ist ein so genanntes Rollermobil, mit dem Vierer-Führerschein zu fahren. Einem kleinen Schritt zum Goggo-Händler folgt ein großer für die Familienmobilität. Endlich können die Kinder mit.

Mit dem Goggomobil zu Dirndl und Serviettenknödeln

Statt wie heute in schalensitzähnliche Kokons quengeln sie sich auf ein dürftig bezogenes Brett hinter die Eltern. Sicherheit? Piepegal. Hauptsache mal raus aus der Siedlung, zum Bummeln in die Kreisstadt, am Wochenende Picknick auf der karierten Decke im Harz, der Rhön oder dem Schwarzwald. In den großen Ferien müssen die beiden 125er-Kolben in ihren verrippten, gebläsegekühlten Zylindern länger strampeln. Bis an die See, ins Allgäu oder gleich nach Südtirol zu Dirndl und Serviettenknödeln.

Spätestens mit dem Verdauungsobstler sind die Reisestrapazen vergessen. Der Goggo nimmt es ohnehin gelassen. Wölkt in der Höhenluft mal kurz beleidigt aus dem Auspuff, läuft ein wenig fett, nimmt aber selbst höhere Dauertempi Richtung 80 km/h nicht krumm. Sofern das Mischverhältnis 1:25 im 25-Liter-Tank stimmt, Lager und Ringe genug Öl abbekommen, ist der 250er Twin erstaunlich resistent gegen Kolbenklemmer und Ringbrösler. 

Traktorfahrer als Testfahrer für das Goggomobil

Das war bei seiner Entwicklung 1954 nicht immer so. Obwohl Chefkonstrukteur Dompert schwer rackert, extra Traktorfahrer und Parkplatzwächter als Testfahrer anheuert, um schonende Behandlung zu verhindern, läuft die Sache nicht wie erwünscht. Das Triebwerk verabschiedet sich bei seiner Präsentation vor der versammelten Glas-Führung in Dingolfing nach 40 Sekunden mittels Kolbenklemmer. Erst nach Eingriffen an Überstromkanälen, Krümmern und Motorblock dengelt der 250er zuverlässig los. Und wie.

Wer nicht ständig voll drauftritt, kommt 500 Kilometer weit mit einer Tankfüllung. Für Unterhaltung sorgt neben der durch die großen Scheiben vorbeiziehenden Landschaft entweder ein Radio oder einfach bloß der zufrieden brummende, bei großer Anstrengung dröhnende Zweizylinder-Zweitakter, der sich im Heck des Vierradrollers kleinmacht. Los geht’s: einsteigen bitte. Die Türen öffnen nach hinten. Dass sie dies tun, verdanken sie Rennfahrer Schorsch Meier und dem Alkohol. Ersterer redet seinem Kumpel, Firmenchef Hans Glas, die Idee mit der Fronttür à la Isetta aus, Letzterer hilft mit, in der Silvesternacht 1954 vor den Augen der angeheiterten Feiertruppe Meier/Glas mit der Blechschere zwei provisorische Öffnungen ins Blech zu schneiden. So kommen wir heute verrenkungsfrei hinter den Armaturenträger aus Hammerschlagblech.

Goggomobil zieht die Blicke auf sich

Infotainment? Der Tacho und die Blinkerkontrollleuchte. Assistenzsysteme? Flatterige Innen- und Außenspiegel, Fingerspitzengefühl und Verstand. Nur noch den Benzinhahn auf der Hutablage mit einer lässigen Drehung aus der Hüfte öffnen, schon startet der Motor schneller als mancher moderne Direkteinspritzer, läuft rund, pöttert gesund. Unsere Schultern schubbern, doch die Augen strahlen. Auch bei Umstehenden – allen Umstehenden, deren Blicke der 2,90-Meter-Typ wie ein Magnet anzieht. Sogar ohne Kenntnis der Prospektlyrik, wonach Öldruckbremsen Fahrsicherheit garantieren, bequeme Sitze und eine wirksame Warmluftheizung den Komfort. Aha. Nicht vergessen, fünfziger Jahre.

Wobei – selbst in dieser Zeit ist der Goggo ein Kleinwagen im Wortsinn, der mit seinen x-beinig an der Pendelachse schlackernden Hinterrädern am unteren Rand der automobilen Hierarchie herumflitzt. Flitzen, genau. Das flitzige Einlenken fällt nicht nur heutigen, sondern schon den damaligen Testern auf, die empfehlen, den Acht-Zentner-Wagen nur mit der Hand an der Nabe zu führen. Ein Tipp, der sich heute noch auszahlt. Auf linkisches Gedrehe am Kunststoff-Steuerrad reagiert er nämlich zickig, wendet dafür auf 7,50 Meter in einem Zug.

Goggomobil war der erfolgreichste Kleinwagen Deutschlands

Einen anderen wichtigen Hinweis liefert die Bedienungsanleitung: „Was aber ist los, wenn Sie gleichmäßig viel Gas geben und Ihr Goggomobil dennoch langsamer wird? Muss dann etwas kaputt sein? Keineswegs, Sie fahren jetzt bestimmt bergauf, schalten Sie zurück.“ Na dann. Zum Glück machen die vier Gänge trotz quergelegtem Schema (erster links vorn, zweiter rechts vorn) keine Zicken.

Selbst Ersttäter fahren im Goggomobil schon bald einigermaßen rund, gewöhnen sich an die schnappige Kupplung und den Tanz auf dem Drehmoment – nein, Momentchen trifft es besser. Man sollte es am Berg abpassen und im richtigen Gang erwischen. Ebenso gemächlich schleichen die Wischer über die Frontscheibe und grüßen die Blinker von den B-Säulen. Aber es hat mal gereicht. Zum erfolgreichsten Kleinwagen Deutschlands und bei der internationalen Alpenfahrt für das beste Ergebnis in drei Bergprüfungen. Der Lohn: das „Silberne Edelweiß“„ und die “Große Alpenplakette in Silber„. Unsere vergleichsweise harmlose Fahrt über den Stuttgarter Killesberg gereicht dafür zu einem endlosen Moment purer Freude, puckernden Herzens, leuchtender Wangen. Weitab von Marketing-Galas und Szene-Celebritys wie Justin Timberlake.

Audi A1 will aufstiegsorientierte Frauen anbaggern

Vergleichbar mit einem frischen Käsebrot, sauren Gurken und einem kühlen Bier nach einer Überdosis Molekulargedöns, Pastetchen und Schampus-Sodbrennen. Aber nichts Audi verraten, denn der Audi A1 bleibt neben dem Goggomobil heute beim Speed-Dating an der Straßenecke Single. So wie manch urbaner Premium-Typ am Ende des Tages einsam in die Federn steigt. Logo, der Goggo ist die große Schau. Wurde Grundlegendes beim Goggomobil durch eine angeschickerte Silvestergesellschaft erledigt, validiert man heutzutage per Simultaneous Engineering in teambildenden Workshops und Projekt-Reviews. Mit dem Ergebnis – dem bis ins Atom durchkonstruierten Audi A1 – möchte Audi gern 25- bis 29-jährige männliche Berufseinsteiger sowie 30- bis 40-jährige aufstiegsorientierte Frauen anbaggern.

Wenn Glas Letzteres mit dem Goggomobil Anfang der Sechziger versucht hätte, wären sie schnurstracks in die Pleite gepöttert. Damals, als die Frauen noch Kochrezepte statt Facebook-Freunde sammelten. Nicht nur das hat sich gewandelt, auch der Kleinwagen changierte vom vierrädrigen Notbehelf zum kompakten Statussymbol. Einer wie der Audi A1 jedenfalls, der Cent-Fuchsern genug Alternativen lässt. Allerdings keine, die eine solche Oberklasse-Qualität samt der dazugehörigen Elektronik mitbringen.

Im Audi A1 gibt es was auf die Ohren

Mit ihrer Hilfe soll der kleine große Audi ins Revier des Mini eindringen, sich hinter Maxi-Garagentoren zwischen die großen SUV und Limousinen schmiegen. Deren Fahrer schnell merken, dass das Fahren mit dem Kleinen pfiffiger und müheloser läuft als mit den Fünf-Meter-Schaluppen. Man nimmt ihn, weil man will, nicht weil man muss. Wählt ihn als Ambition oder Attraction, ordert das Media Style Paket oder das Music Interface. Man sollte Englisch verstehen und seinen i-Pod andocken können. Ernst würde jetzt fragen: „Was für ein Pott? Ich kenne nur einen Nachtpott, den hatten wir damals wegen des Klos auf halber Treppe.“ Heute lauert der Audi A1 aufs weiße Kabel oder gleich aufs Bluetooth-Streaming. Bis zu 465 Watt auf die Ohren und 90 Kilowatt Turbobumms an die Vorderräder.

Goggomobil ist und bleibt bewegend

Kannte man sein Reiseziel zu Goggo-Zeiten vom letzten Mal, spickt man heute im Audi A1 onboard bei Google Earth, flippert mit dem Menü-Zauberknopf durch die UMTS-Welt, kommuniziert per WLAN-Hotspot. Der Hotspot des Goggo lauert hingegen unter der Motorhaube, wenn man nach flotter Fahrt spontan die Zündkerze wechselt. Statt wie das Audi-Infotainment einen integrierten Browser zu bieten, ist der Acht-Zentner-Floh selbst ein Brauser.

Bei 50 km/h bereits fahrdynamisch interessant, wird es bei 80 km/h endgültig spannend. Im Zylinderkopf des Audi A1 herrscht noch Flaute an den Piezos, während beim Goggomobil schon ein Tsunami durch die Überstromkanäle wirbelt, und er liegt schon auf dem Dach, wenn das Audi-ESP noch Halma spielt. Natürlich ist der A1 schneller, moderner und sicherer, für irgendwas muss das letzte halbe Jahrhundert ja schließlich gut gewesen sein. Aber – so bewegend wie der Goggo für Ernst, Adelheid und die Kinder war, wird niemand mehr.

Technische Daten
Glas Goggomobil T 250
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe2900 x 1280 x 1310 mm
Höchstgeschwindigkeit85 km/h
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