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Heinkel-Kabine

Zwerg und Tal

Foto: Dieter Lammersdorf 23 Bilder

50 Jahre Heinkel-Kabine: eine Tür, drei Räder und Platz für vier - zwei Erwachsene und zwei (kleine) Kinder. Über das vergnügliche Reisen in einem Roller-Mobil der 50er Jahre.

25.02.2009 Dieter Lammersdorf Powered by

Es könnte die Millionenfrage bei Günther Jauch sein: Gab es in den 1950er Jahren schon bei Mercedes, Porsche oder anderen deutschen Autos eine Zentralverriegelung? Mal ehrlich, wer hätte die richtige Antwort gewusst? Bei Mercedes und Porsche gab es sie nicht, aber viele deutsche Kleinwagen, so auch die Heinkel-Kabine und deren Nachfolger, die Heinkel-Trojan-Kabine, hatten im Nachkriegsdeutschland schon serienmäßig eine Zentralverriegelung. Denn sie hatte nur eine Tür, und die ging auch noch nach vorn auf.

Klein und übersichtlich - innen wie außen

Wie von Geisterhand - in Wirklichkeit ist es ein Dämpfer - öffnet sich die große Kabinentür und gibt den Innenraum frei. Klar und übersichtlich präsentiert sich das Interieur, das werksseitig für zwei Erwachsene und zwei Kinder vorgesehen ist. Die Lenksäule knickt allerdings nicht wie bei der BMW Isetta mit nach außen - BMW besaß darauf ein Patent und gab es an Heinkel nicht weiter. Mit etwas Geschick sind jedoch die Vordersitze rasch besetzt, und auch die beiden hinteren Plätze erreichen gelenkige Kinder schnell: Die Rückenlehnen der Vordersitze weisen klappbare Lehnen auf.

Aber machen wir es uns erst einmal auf der verstellbaren Vordersitzbank gemütlich. Jaguar E- und Mercedes 300 SL-Fahrer erblassen vor Neid, wenn sie die Beinfreiheit hier in der Heinkel-Kabine erblicken, selbst bei einem 1,85- Meter-Mann.

Klein, aber übersichtlich sehen wir vor uns das Instrumentenbrett mit Tachometer, Uhr und immerhin drei Kontrollleuchten. Je eine ist für Blinker, Ladekontrolle und Fernlicht, dazu kommt der Schalter für die Tachometerinnenbeleuchtung. Links und rechts winken zwei kleine, zierliche Hebel für Licht und Blinker. Eine der wenigen Einschränkungen in der umfangreichen Ausstattung der Heinkel-Kabine: Es fehlt tatsächlich eine Lichthupe, aber wem sollte man sie auch geben? Kabinen-Piloten fahren nicht so häufig auf der linken Spur der Autobahn und versuchen, einen Porsche wegzublinken.

Doch kommen wir zu den weiteren Höhepunkten des Innenraums: rechter Hand findet sich ein großes offenes Handschuhfach, links vom Instrumentenbrett der Parkleuchtenschalter. Ist die große Fronttür geschlossen, sieht man den kleinen Scheibenwischermotor, der nur zwei Befehle kennt: an und aus. Bei leichtem Nieselregen leistet der einarmige Wischer hervorragende Arbeit und hält die Frontscheibe aus Sekurit-Glas durchsichtig. Bei Starkregen wird es hingegen etwas schwieriger. Aber auch dann bemüht er sich und holt alles aus sich heraus - wer könnte ihm dann schon böse sein.

Bewährter 10 PS-Motor aus dem Tourist

Über die Kabine kann man jedoch nicht nur staunen. Sie lässt sich auch fahren. Zündschlüssel ins Schloss, Benzinhahn öffnen, den 22er-Bing-Vergaser fluten, zweimal das Rollengaspedal (wie beim VW Käfer) durchtreten und behutsam den Zündschlüssel nicht drehen, sondern wie in einem richtigem Flugzeug nach unten drücken.

Dank der 12-Volt-Bordanlage (Volkswagen, Mercedes, Porsche und andere arbeiteten in den 50er Jahren noch mit 6-Volt-Anlagen) startet der Motor mit Hilfe der Dynastart-Lichtmaschine, und wir hören nicht nur den Viertaktmotor, sondern wir spüren ihn auch - unterstützt vom Dröhnen, das den gesamten Raum erfüllt. Die Kabine macht kein Geheimnis draus, wenn ihr Motor läuft. Denn in ihr schwingt praktisch alles mit und zeigt so den Insassen, dass dieses Auto lebt.

Der ursprüngliche Motor mit 10 PS stammt aus dem legendären Heinkel-Tourist, der über 150.000 Mal gebaut wurde. Neben dem Einbau eines Rückwärtsgangs wurde der Motor bei späteren Modellen auf 198 beziehungsweise 204 Kubikzentimeter Hubraum aufgebohrt.

Kupplung getreten und mit der linken Hand den scheinbar aus der Flugzeugproduktion übrig gebliebenen Schalthebel langsam eine Raste weiter nach vorn schieben. Der erste von vier Gängen ist eingelegt. Welch Erlebnis, an Wiesen und Wäldern vorbei über die Landstraßen zu fahren. Überall begegnen uns lächelnde Menschen und winkende Kinder.

Und immer wieder - selbst bei der kleinsten Steigung - Schalten und Gas geben, denn der Motor ist drehfreudig und verlangt nach hohen Touren. Richtiges Autofahren und jede noch so kleine Steigung erleben - nicht wie bei großvolumigen, leistungsstarken Limousinen, bei denen die Landschaftsformationen nicht mehr zu spüren sind und so das Fahrgefühl verloren geht.

Laut, lahm und luftig - und verdammt viel Spaß beim Fahren

Bergab wird vom Heinkel-Kabinenfahrer viel Weitsicht und geschicktes Fahren verlangt, denn die hydraulische Fußbremse wirkt nur auf die Vorderräder - wie Heinkel damals die Zulassung erhalten haben mag? Und noch etwas: Dank der drei Räder, zwei vorn, eins hinten mittig, macht die Kabine ihrem zeitgenössischen Spitznamen als Schlagloch- Suchgerät tatsächlich alle Ehre.

Das ist wahres Autofahren, so, wie es unsere Vorfahren schon kannten, Fahrspaß in Reinkultur. Fahren und Entspannen, einfach nur genießen, denn ein Gespräch mit der Beifahrerin, das ja bekanntlich vom hektischen Straßenverkehr ablenkt, ist bei dem Innengeräuschpegel von bis zu 85 db(A) sowieso fast unmöglich.

Die Sonne erscheint am Firmament, in der Heinkel-Kabine wird es aufgrund der vielen Fensterflächen (bis auf die Frontscheibe alle aus Kunststoff) wie in einer Flugzeugkanzel schön warm. Das Stoffverdeck wurde einst vorgeschrieben: Wie sollte man sonst auch bei einem Frontalunfall und verklemmter Tür aus der Kabine rauskommen?

Also Fenster auf und endlich wieder Luft schnappen. Bei der original Heinkel- Kabine gab es dank der Drehfenster ähnlich wie beim VW-Käfer noch eine Zwangslüftung, bei der Heinkel-Trojan-Kabine wurden aus Kostengründen nur Ausstellfenster montiert. Ansonsten ist der Nachbau aus England bis auf das Trojan-Zeichen auf der Fronttür und den fehlenden Schlitzen zur Motorentlüftung praktisch baugleich.

Plötzlich das: Hinter uns der wild gestikulierende Fahrer eines Astra. Gut, unsere zehn PS bringen die Kabine nicht rasend schnell den Berg hinauf, aber muss der Kerl deshalb so reagieren? Lichthupe, Horn, Lichthupe, Horn ..., was soll das? Kann er es einfach nicht ertragen, dass die Kleinwagen der 50er Jahre meistens als Erste den Berggipfel erreichen, wegen fehlender Überholmöglichkeiten für die Nachfolgenden?

Jetzt könnte er überholen - warum macht er es bloß nicht? Auf dem nächsten Parkplatz biegen wir ab, um den "Wahnsinnigen" vorbei zu lassen. Doch was ist das? Der lichthupende Astra biegt ebenfalls ab. Kaum dass sein Auto neben den Kabinen steht, springt der etwa 70-jährige Fahrer vom Typ Professor aus dem Auto, hüpft wie ein junges Reh um die Heinkel-Kabinen herum und ruft immer wieder: "So eine hatte ich auch mal, so eine hatte ich auch mal."

Nach kurzem Benzingespräch und einer schönen Geschichte über Urlaubsfahrten mit der Heinkel-Kabine vor längst vergangenen Tagen geht es schließlich mit den drei Kabinen weiter.

Heinkel-Kabine: Die bessere Isetta?

Dann an unserem Ziel, einem kleinen Sportflughafen, angekommen, wieder die bekannten Vergleiche zwischen Heinkel- Kabine und BMW Isetta: Nachdem die Unterschiede hinsichtlich Motor (198 cm3 im Vergleich zu 250 cm3 beziehungsweise 300 cm3 von der Isetta) und der Lenkung erläutert sind, werden die Interessierten auf weitere Details aufmerksam gemacht.

Die Heinkel-Kabine sieht zwar von vorn einer BMW Isetta ähnlich, aber aufgrund der lang gestreckten Form wirkt sie nicht so klobig wie die Bayerin. Am besten kann man BMW Isetta und Heinkel-Kabine mit Hilfe der vorderen Lampen unterscheiden. Bei fast alle Isetten sind die Lampen (als ob sie bei der Konstruktion vergessen wurden) einfach auf die Karosserie aufgeschraubt.

Bei der Heinkel-Kabine sind sie, vermutlich aus aerodynamischen Gründen, formschön in die Karosserie integriert. Außerdem gab es bei Heinkel eine selbsttragende Karosserie und keinen Rahmen wie bei der BMW Isetta. So wiegt sie nur 243 Kilogramm, während die Isetta 360 auf die Waage bringt. Zudem hat die Kabine innen mehr Platz.

Zum Schluss noch ein Abschlussfoto am Flugplatz - in Erinnerung an Heinkels Wurzeln -, und der Tag mit Benzingesprächen, Begegnungen mit Menschen, die begeistert aus alter Zeit erzählten und einer schönen Ausfahrt neigt sich dem Ende entgegen. Da es schnell gehen soll, wollen wir über die Autobahn zurück.

Es ist im Frühsommer 2008 - 52 Jahre, nachdem die Heinkel-Kabine erstmals auf deutschen Straßen gesichtet wurde. Zwei unerschrockene, mutige Heinkel- und ein Heinkel-Trojan-Kabinenfahrer biegen auf die Sauerlandlinie ein, um die Steigungen der BAB 45 zu meistern.

Ruhig und gelassen begeben wir uns auf die dreispurige Bahn, beschleunigen schließlich so gut es geht und werden dabei ständig von freundlich lächelnden Auto- und Lastwagenfahrern gegrüßt und überholt. Nach nur fünf Kilometern Steigungsstrecke, die Reisegeschwindigkeit hat mittlerweile 75 km/h erreicht, kommt für uns die große Chance. So etwas bietet sich höchstens einmal im Jahr. Gut 500 Meter vor uns sehen wir den südeuropäischen Lastwagen langsam auf der rechten Spur dahintuckern.

Wir nähern uns ihm immer mehr, jetzt nur noch 400, 300, 200 Meter - sollen wir es wagen? Blick nach links, Blick nach hinten, Blinker raus und mit dröhnendem Motor und einer Geschwindigkeit von 70 km/h auf die mittlere Spur.

Endlich bietet sich den unerschrockenen Heinkel-Fahrern wieder einmal die Chance, einen Lastwagen zu überholen. Langsam, aber stetig tasten wir uns heran und können ihn schließlich souverän hinter uns lassen.

Welch eine Freude, welch ein Glückgefühl - hier auf der mittleren Spur mit 70 Sachen und der Laster hinter uns. Und während des gesamten Überholvorgangs werden wir weiter von lächelnden Verkehrsteilnehmern von der dritten Spur aus gegrüßt und überholt.

Das sind die Momente, die der Fahrer nie vergisst. Im Rausch des Überholens erinnert er sich dankbar an die eigentliche Profession des Ernst Heinkel: Flugzeugbauer. Etwas davon haben auch die Kabinen. Manchmal scheinen sie zu fliegen.

Technische Daten
Heinkel Kabine 175
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe2551 x 1370 x 1320 mm
Hubraum / Motor174 cm³ / 1-Zylinder
Leistung7 kW / 10 PS (13 Nm)
Höchstgeschwindigkeit86 km/h
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