Highspeed-Test in Nardo: Die Sportwagen-Elite auf Highspeed-Jagd

Nardo Highspeed-Test 2010

BMW Alpina B5, Bentley Continental Supersports, Ferrari 458 Italia, Lamborghini Gallardo Superleggera, Mercedes SLS AMG und Porsche 911 GT2 RS. Die Sportwagen-Elite traf sich zum Höchstgeschwindigkeits-Gipfel in Nardo.Viel Spaß beim Highspeed-Test.

Denken Sie bei einem edlen Single-Malt-Whiskey nur an den Kater, einem sündteuren Kobe-Steak an Ihren Harnsäurespiegel und bei Supersportwagen an den Bericht des Weltklimarats? Ganz ehrlich, dann werden Sie auch die folgenden Zeilen nicht glücklich machen. Stehen Ihre Unterarmhärchen dagegen stramm wie Ventile, wenn ein Hochdrehzahl-Bolide scharfe Sound-Salven abfeuert, dann herzlich willkommen auf den herrlich unvernünftigen Seiten der automobilen Superlative. Die Formel 1 der Serienwagen trifft sich auf dem 12,4 km langen Hochgeschwindigkeitskurs von Nardo zum Kampf um 300 plus x und die letzten Zehntel auf dem Handlingkurs. Zusammen 52 Zylinder und ein einfaches Ziel: der Schnellste zu sein.

Ferrari 458 Italia rennt als Erster

Es ist Hochsommer in Apulien. Während sich die belle ragazze nur noch in Stofffetzen an den Strand trauen, lauern an der Strecke sechs belle macchine in vollem Ornat auf die Nacht. Sie soll das kühle Lüftchen bringen, das die insgesamt 3.468 PS des Supersportwagen-Sextetts brauchen, um ihre Leistung vollends zu entfalten: Kühlere Luft lässt sich besser füllen, und es soll ja jedes Pferdchen galoppieren.

Als Erstes springt Ferraris cavallino auf den 35 Grad warmen Asphalt. Eine Füchsin mit dem feurigen Temperament von 570 V8-Pferden. Das Vieh röchelt, gurgelt und brüllt, als wäre es auf dem Weg zur Schlachtbank, wenn es die Schleusen seines dreiflutigen Ansaugtrakts nacheinander mit Frischluft flutet. Doch der infernalische Ton täuscht. Nummer 458 verschmilzt mit der Highspeed-Manege zu einer Einheit, saugt selbst härteste Schläge in seine adaptiven Dämpfer, während seine beiden Kupplungen zart wie Cappuccino-Schaum die Gänge nachfeuern. Der Ferrari 458 Italia raubt dem Piloten mit seiner Dialektik aus irrem Tempo und Ruhe völlig entspannt den Atem: 330,5 km/h. Was macht Porsche?

Porsche 911 GT2 RS beschleunigt bis auf 330 km/h

Zuffenhausen gibt seinem Rennpferd ordentlich die Peitsche: 620 PS quetscht der Porsche GT2 RS mit noch effizienteren Ladeluftkühlern aus nur 3,6 Maß Turbo-Boxermotor im Heck-Kabuff. Die Karosserie wurde entrümpelt: keine Hecksitze, keine Klimaanlage, kein Radio, Heck- und Seitenscheibe aus Makrolon und die Fronthaube aus Kohlefaser. 70 Kilo magerte der Porsche GT2 RS auf jetzt 2,33 Kilogramm pro PS ab. So rauscht der schwäbelnde Hurrikan wie der Ferrari 458 Italia in 10,4 Sekunden auf 200, teilt ab 300 feine Schläge im Lenkrad aus, der Wellengang der Strecke nimmt - im Vergleich zum Ferrari - zu, und das GPS-Messgerät bleibt bei exakt 329,99 km/h stehen. Entwicklungsingenieur Uwe Braun grinst: "Klar, da haben wir ihn abgeregelt."

Mercedes SLS AMG fährt seinen 6,2-Liter-V8 im Kreis spazieren

Der Ton wird tiefer, das Bollern prägnanter, der Mercedes SLS fährt jetzt seinen 6,2-Liter-V8 im Kreis spazieren. Deutschlands späte Antwort auf den Small Block. Vier Sekunden nach dem Porsche GT2 RS fegt seine silberne Tachonadel über die 300 km/h, stürmt leicht bewegt auf die Werksangabe von 317 und legt eine überraschende 323 auf die oberste Spur mit der höchsten Schräge und damit geringsten Querkraft. Bis zu Tempo 240 ist der Nardo-Kreis für den Fahrer eine Gerade. Theoretisch könnte er das Lenkrad einfach loslassen. Wer das bei 320 macht, hebt über die Leitplanke jedoch ab bis nach Brindisi - trotz ausfahrenden Heckflügelchens.

Lamborghini Gallardo Superleggera mit Defekt am Hinterachs-Differenzial

Apropos: Der Lamborghini Gallardo Superleggera besetzt Platz zwei in der nach oben flachen Flügel-Wertung. Den Anpressdruck hat er auch nötig, denn fast 326 km/h bedeuten Arbeit im Superleggera. Während die fest wie ein alter Parmaschinken gefederte Hinterachse über die Nachlässigkeiten der Strecke bockt, was kein großes Vergnügen bei 320 ist, reißt einem das V10-Gebrüll selbst durch den Helm das Trommelfell in Stücke. Es ist nicht der Tag des emilianischen Stiers: Sein Hinterachs-Differenzial quittiert die dauernde Querbelastung mit erhitzter Frühpensionierung.

Bentley Continental Supersports mit 630 W12-PS und immenser Traktion

Zeit für ein Highspeed-Spa. Sir Bentley Continental Supersports nimmt sich mit seinen 2,2 Tonnen zwei Teeschlucke mehr Zeit für den Spurt auf 300. Was die Masse bremst, richtet er mit mächtigen 630 W12-PS und immenser Traktion. Über 326 km/h sind für den innen prächtigst ausstaffierten Crewe-Star ein Kinderspiel. Der Pilot des Bentley Continental Supersports muss sich bei all der Ruhe über 300 disziplinieren: Nein, jetzt wird kein Radiosender gewechselt.

Noch leiser, zumindest nach draußen, wischt der BMW Alpina B5 vorbei. Mag er im Kreis der mindestens doppelt so teuren Luxus-Konkurrenten der Underdog sein, unter den Geschäftslimos ist er mit seinen 507 V8-PS der Tornado: 312,6 km/h fallen schon auf der zweiten Runde, die Werksangabe von 307 ist pulverisiert, der tiefe, sonore Ton dezent, und Firmenchef Andreas Bovensiepen lächelt zufrieden. Er ahnt wohl schon, dass sein Baby Nummer 5 auf dem Handlingkurs dem Bentley Continental mit seiner wunderbar ausgeglichenen, wenig untersteuernden Art das Profil seiner 285er Heckwalzen zeigt. Auf schnelle Wechselkurven freut sich Englands korpulenter Autoadel eben wie ein Ozeandampfer auf einen Bergbach.

Als Erster fegt der Mercedes SLS über den Handling-Kurs

Noch drei sind im Rennen. Als Erster steigt der Mercedes SLS mit Performance Package in den 2,8-Kilometer-Ring. Sauber liegt er, zirkelt präzise und beschäftigt den Fahrer nur am Kurvenausgang mit einem zart drängenden Heck. Immer wieder bollert der wohl letzte AMG-Sauger-V8 ein Gänsehaut-Profil auf den Rücken. Würde er nicht drei Zentner mehr als die schon warmlaufenden Porsche GT2 RS und Ferrari 458 Italia wiegen, wäre noch mehr drin gewesen.

Doch wahre Sportwagen sind schlanke Burschen. So berauscht einen die Leichtigkeit, mit der Ferraris Kleinster um den Kurs schießt. Phänomenal locker und neutral spricht das rote Biest mit dem Fahrer, katapultiert ihn nach vorne, unterhält ihn selbst beim Runterschalten mit schmatzendem Zwischengas-Grollen: 1.12,9 Minuten zeigt die Uhr. Eine Sekunde weniger als der Mercedes SLS AMG. Was soll da noch kommen?

Porsche GT2 RS mit Bestzeit auf dem Handling-Kurs

Der Porsche GT2 RS. Selbst beim manuellen Gangwechsel darf der Gasfuß weiter auf den Boden nageln. Der breiteste Elfer klebt wie Spätzleteig auf der Straße. Furchterregend spät darf gebremst werden, dann reißt einen die grandiose Traktion wieder aus der Kurve. Präzise, brutal und irre schnell: noch mal 1,4 Sekunden zügiger - auf profilarmen Cupsport-Reifen anstatt Vernunft-Pneus. Aber waren wir uns darüber nicht einig? Schnöde Vernunft allein ist langweilig.

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Alexander Bloch

Autor:

auto motor und sport, Heft 21 / 2010

Wie schnell sind sie schon einmal mit einem Auto gefahren?
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