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Humber Super Snipe

Königs-Macher

22 Bilder

Die Traditionsfirma war das, was man heute eine Premiummarke nennt. Wir bewegten einen Humber Super Snipe aus dem Fuhrpark des norwegischen Königshauses.

10.07.2007 Eberhard Kittler Powered by

Der König von Norwegen wusste, was er wollte. Denn Haakon VII. aus dem Geschlecht derer von Schleswig- Holstein-Sonderburg-Glücksburg und von 1905 bis 1957 Herrscher des Nordlands, ließ nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Fuhrpark neu bestücken.

Ein Gefährt für Könige

Fünf Jahre lang musste er wegen des Einfalls der Nazis im Exil leben. Deutsche Oberklasseautomobile mochte er nicht mehr sehen – nein, künftig wollten sich der Monarch und sein Hofstaat in noblen Limousinen aus Good Old England chauffieren lassen. Wenn schon, denn schon: Die Wahl fiel auf den in Coventry beheimateten Hoflieferanten des britischen Königshauses, die zum Rootes-Konzern gehörende Firma Humber. Sie sorgte bis zum Tod von George VI. anno 1952 und der anschließenden Inthronisierung seiner Tochter – der noch heute amtierenden Königin Elisabeth II. – für die standesgemäße Mobilität der Windsors. Erst danach stieg die Queen auf Rolls- Royce um, ein kaum nachvollziehbarer Bruch mit den althergebrachten Konventionen. Heute nutzt sie einen Bentley für die ganz großen Auftritte. Haakons Auto, das hier über sechs Hochglanzseiten fährt, war ein Super Snipe Mark I von 1946. Die Rechtssteuerung war kein Problem, damals fuhr man auch in Skandinavien auf der „falschen“ Straßenseite. Und der König saß ohnehin hinten im ledernen Gestühl. Wie oft er selbst ins Volant gegriffen hat, ist nicht überliefert. Selbstverständlich hatten die Norweger ein paar Sonderwünsche, die sich aber sehr im Rahmen hielten.

Die "Flying Nude" auf dem Kühlergrill

Änderungen gegenüber dem Gros der anderen knapp 4000 Super-Snipe-Exemplare betreffen Innenraum (Kilometer- statt Meilentacho, Sichtschutz fürs Rückfenster, Innenbeleuchtung auch vom Rücksitz aus bedienbar) und Exterieur: So bekam das Auto ein zweites Ersatzrad auf dem linken Kotflügel einschließlich der Halterungen. Und statt der Schnepfe (Snipe) thront die Skulptur einer nackten Athletin oberhalb des trutzigen Kühlergrills. Jene „Flying Nude“ zierte serienmäßig den Pullman von 1937. Andere Kunden jener Zeit bestanden auf viel aufwendigeren Spezialversionen. Dank des stabilen Kastenrahmens war es seinerzeit durchaus üblich, dass freie Karossiers den Aufbau übernahmen – so ließ sich Winston Churchill in einem 1946er Super Snipe Cabriolet chauffieren, Königinmutter Queen Mary nutzte einen Kombiwagen mit hinteren Portaltüren für die Jagd. Dieser Fünftürer stammte von einer hier zu Lande kaum bekannten Blechschneiderei namens Th rupp & Maberly.

Andere Würdenträger und Gutbetuchte fuhren sehr spezielle Ausführungen wie das Pullman Landaulet mit Cabriodach nur für die Hinterbänkler. Beim Pullman Sedanca de Ville – aufgebaut vom Traditionsunternehmen Mulliner – lag dagegen das Frontabteil voll im Fahrtwind. Und beim Drophead Coupé von Tickford handelte es sich um ein vier- bis fünfsitziges Vollcabriolet. Bekannt geworden ist überdies ein besonders schicker Kombi mit angeschrägtem Heck – der ebenfalls von Tickford hergestellte Shooting Brake. Der Wagen des norwegischen Königs war gleich ab Werk angepasst worden. Natürlich basierte der Super Snipe auf der rund 1500 Mal gebauten Vorkriegsversion. Es blieb beim seitengesteuerten 4,1-Liter- Sechszylinder, der unwesentlich aktualisiert wurde. Technisch identisch, unterschied sich der Mark I durch einen aufgesetzten sehr großen Kofferraum, geänderte Stoßfänger und zusätzliche Chromleisten vom alten Modell. Beide hatten bereits eine Ganzstahlkarosserie statt des mit Aluminium beplankten Holzaufbaus – eingeführt wurde das modernere Bauprinzip im Jahr 1939.

Super Snipe zum Preise eines Hauses in Cornwall
 
Die äußere Gestalt des Nachkriegs- Autos blieb aber annähernd gleich; erst der Super Snipe Mark II (1948 bis 1950) kam in einer windschnittigeren Form.Solch majestätische Autos hatten natürlich ihren Preis: 695 Pfund Sterling zuzüglich 193 Pfund Luxussteuer kostete allein die Basisversion des Mark I, der lange Pullman schlug mit 1250 Pfund (plus 347 Pfund Steuer) zu Buche – für solche Beträge bekam man damals ein hübsches Einfamilienhaus im sonnigen Cornwall. 20 Jahre lang stand das Auto in den Diensten des norwegischen Königshauses. Dann kam es nach Deutschland, wo es 2002 von einem anglophilen Adelsmann mit erstaunlichen Schrauberqualitäten gekauft und betriebsbereit gemacht wurde. Eine Restaurierung war nicht nötig, das Auto ist im Originalzustand und lief inzwischen problemlos weitere 70 000 Kilometer. Erster Eindruck nach Betreten des königlichen Fahrzeugs: Obwohl es nur so lang ist wie ein aktueller Audi A4, herrscht darin Platz in Hülle und Fülle. Vor allem hinten, wo selbst lang Gewachsene genügend Kopf- und Beinfreiheit haben.

Man sitzt tief auf der weichen, Sofaähnlichen Rückbank; die Haltegriffe dürften nie benutzt worden sein.Ein Stahlschiebedach und eine großzügige Verglasung erlauben den ungehinderten Blick nach draußen, die hintere Seitenscheibe steht fest. Bedarfsweise schirmen Jalousien die Besatzung vor der Neugier des gemeinen Volkes ab. Auch der Zugang nach vorn ist kinderleicht; alle vier Türen sind an der B-Säule angeschlagen. Das Ersatzrad auf der Beifahrerseite ruht in der Garage, ansonsten müsste der Copilot über den Fahrersitz hinweg krabbeln. Holzapplikationen finden sich nur im Cockpit, das Instrumentenbrett ist mit einer Vielzahl von Schaltern bestückt.

Schaltung nach Gehör
 
Zwei große runde Uhren liegen im Blick des Fahrers, ein filigraner Schalthebel am Lenkrad dirigiert das Vierganggetriebe. Sehr ungewöhnlich: Die Frontscheinbe lässt sich weit ausstellen, an ihrem Endpunkt steht sie fast waagerecht. Der Motor erwacht nach dem Fingertipp auf den Startknopf, in kaltem Zustand sollte der Choke betätigt werden. Der Sechszylinder läuft seidenweich, Vibrationen sind kaum zu spüren. Ganz sanft setzt sich der 1,6 Tonnen schwere Wagen in Bewegung, willig nimmt der Motor Gas an. Mangels eines Drehzahlmessers schaltet man selbstverständlich nach Gehör. Die H-Schaltung ist sauber ausgeführt, und die Gänge lassen sich ohne zu hakeln geräuschlos wechseln. Gerade im Stadtverkehr verblüfft die Elastizität des Motors, der ohne zu rucken auch mit dem vierten Gang gut leben kann.

Die gewöhnungsbedürftigen Bremsen verlangen jedoch eine vorausschauende Fahrweise. Die Rundumsicht ist in Ordnung, trotz des kleinen, geteilten Heckfensters. Dank der breiten Kotflügel und der zwei Außenspiegel lassen sich die Ecken der Karosserie in jeder Lebenslage erkennen, was das Parkieren einfacher macht. Die Kühlerfigur ist eine Art Fahrerassistenzsystem, die das Anpeilen der nächsten Kurve ungemein erleichtert. Auf der Landstraße erfreut der auf 16- Zoll-Rädern rollende Wagen mit einer sehr komfortablen Federung; das Fahrwerk ist – wie zu erwarten – alles andere als sportiv. Die ausgeprägte Seitenneigung der hoch aufragenden Karosserie kann darum nicht überraschen. 135 km/h Spitze sollen erreichbar sein – vermutlich geht das Auto noch etwas besser.

Es genehmigt sich dabei bis zu 20 Liter Super, denen ein kleiner Schluck Bleiadditiv zugesetzt werden muss, ansonsten ist es freilich sparsamer. Wo auch immer das tief schwarze Automobil auftaucht, sorgt es für Aufsehen. Kinder winken, Frauen bleiben stehen, ganz Mutige erkundigen sich nach der Herkunft von Wagen und Insassen. Vor allem, wenn der königliche Stander gesetzt ist, schießen die Spekulationen wild ins Kraut. Dass die Marke Humber einst von besonders erlauchten Kreisen bevorzugt wurde, ist absolut glaubwürdig. Dass aber derart noble Limousinen – wenn auch in extrem amerikanisierter Form – noch bis 1967 jenseits des berühmt-berüchtigten Firmenkonsortiums British Leyland gebaut wurden, erstaunt allenthalben. Die Chance allerdings, ein solches Fahrzeug in Aktion zu erleben, dürfte in Deutschland fast so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn sein.

Technische Daten
Humber Super Snipe Mk I
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4572 x 1798 x 1600 mm
KofferraumvolumenVDA400 L
Hubraum / Motor4100 cm³ / 6-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit135 km/h
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