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Jaguar 420 G

Silent Movie - The Big Gee

Jaguar 420 G Foto: Frank Herzog 15 Bilder

Er ist der Grandseigneur unter den Jaguar-Limousinen der 60er Jahre. Der 420 G versteht sich als sportliche Antithese zum Rolls-Royce Silver Shadow und zur opulenten 300 SE-Alternative von Mercedes. Alf Cremers stellt den aristokratischen Briten vor, der noch günstig zu haben ist.

18.09.2009 Alf Cremers Powered by

Seine Fans nennen ihn beinahe zärtlich Big Gee. Der eindrucksvolle Platzhirsch unter den sportlichen Jaguar-Limousinen der 60er Jahre braucht diesen einprägsamen Kosenamen auch, um sich von seinen Artgenossen abzugrenzen.

Zu aufwendig gebaut, zu günstig verkauft - Das Ende des Jaguar 420 G
 
Abzugrenzen vom kleinen Jaguar S-Nachfolger 420, vom starrachsigen Urahn Mark 2 und vor allem vom 420 G-Vorgänger Mark 10. Der startete 1961 als 3,8-Liter und bekam später auch den unerhört leistungsfähigen 4,2-Liter-Motor mit den drei SU-Vergasern aus dem Macho- Sportwagen Jaguar E-Type .
 
Erst der stilistisch und technisch hochbrillante Jaguar XJ 6 setzte der Typenvielfalt bei den Jaguar-Limousinen ein Ende. Kostengründe zwangen zur Straffung, Lyons hat seine Autos stets zu aufwendig gebaut und zu billig verkauft. Leider blieb dabei im August 1970 der Jaguar 420 G als auf den US-Markt zugeschnittener Repräsentationswagen auf der Strecke. Der XJ 6 machte Mark 2 und den kleinen 420 überflüssig, aber der 420 G hätte noch eine Weile bis zur Einführung des XJ 12 Series II die Rolle des Flaggschiffs spielen können. Immerhin lebten seine Gene im Daimler DS 420 bis 1992 weiter, in jener gediegenen Staatskarosse à la Rolls-Royce Phantom VI, die noch lange beim Coachbuilder Vanden Plas lackiert und innen mit Connolly-Leder ausgeschlagen wurde.
 
Unser elfenbeinfarbener (Originalton Bright Ivory) Big Gee lädt zur ausgiebigen Probefahrt ein, ein Hauch edler Patina liegt auf den Nappaleder-weichen Sitzbezügen. Das edle Holzfurnier mit seinen dezenten Verzierungen, die wie Intarsien aussehen, strahlt die Begehrlichkeit echter Antiquitäten aus. Eine dünne Politur bewahrt den Zauber der Maserung, statt sie mit dick aufgetragenem Klarlack zuzudecken. Eine Menge Holz steckt im Interieur des 420 G: Von den klappbaren Picnic-Tables im Fond einmal ganz zu schweigen, beeindrucken vor allem die massiv eingefassten Scheibenrahmen. Bevor man in die stets in geduckter Angriffshaltung posierende elegante Limousine einsteigt, muss man sie in respektvollem Abstand mehrmals umrunden.
 
Majestätische Dimensionen und noble Ausstattung erwarten den Jaguar 420 G-Fahrer
 
Dieses Ritual ist notwendig, um Big Gee erst einmal auf sich wirken zu lassen, Jaguar-Patriarch William Lyons bewies bei der Gestaltung wieder einmal hohe Stilsicherheit, Designer Malcom Sayer vollendete den Entwurf. Merke: Big Gee ist keine klobige Protzkarre, sondern ein stilvoller Luxuswagen. Doppelte Länge, über alles fünf Meter, Radstand drei Meter, läuft schier ins Endlose, niedrige Breite schafft Dynamik, Chromschmuck und Sicken sind eher sparsam aufgetragen. Dass den Amerikanern der 420 G so gut gefiel, hat vielleicht mit schierer Größe zu tun, nicht jedoch mit übertriebenem Zuckerguss. Nur die optional lieferbare Zweifarbenlackierung entlang der mittleren Zierleiste, die vorne in feine aufgesetzte Blinker mündet, erscheint uns eine Spur zu glamourös.
 
Big Gee imposante Dimensionen degradieren selbst einen respektablen Jaguar XJ 6 zur Kompaktlimousine. Schöne Proportionen zeigen sich in den bombierten Flanken wie beim E-Type, in der stark gebogenen Panorama-Windschutzscheibe und im sanft abfallenden Heck mit den fein modellierten Rückleuchten. Kunstvoll im Griff des Kofferraumdeckels integriert sind die Rückfahrleuchten, um nur ein Beispiel hoher Detailraffinesse zu nennen. So ein 420 G ist allemal eleganter als der zeitgenössische Rolls-Royce Silver Shadow mit seiner schroffen Kantenlinie. Heute kostet ein guter 420 G so viel wie ein schlechter Silver Shadow. In den Unterhaltskosten liegt der Big Jag jedoch weit günstiger als der Rolls-Royce.
 
Im Jaguar 420 G säuselt der wohl leiseste Reihensechser
 
Vorne nimmt der 420 G das XJ-Series I-Gesicht bereits vorweg, der hufeisenförmige Kühlergrill trägt im Unterschied zum Mark 10 eine breitere Mittelspeiche. Vorne drauf stört keine springende Katze das sanfte Hügelpanorama einer imposanten Motorhaubenlandschaft.
 
Die hat vor allem der Fahrer stets im Visier, er sitzt tief hinter dem steilen, axial verstellbaren Bakelit-Lenkrad mit Hupring und fühlt sich ziemlich verloren in der distinguierten Clubsessel-Atmosphäre des 420 G. Freudig registriert er den Blick vor sich auf die beiden großen Smiths-Instrumente und ihre vier Assistenten für Tankinhalt, Batteriespannung, Öldruck und Kühlwassertemperatur. Sie könnten in ihrer schlichten, funktionellen Schönheit auch aus einer Lightning oder Hunter der Royal Air Force stammen. Die Regler für Heizung und Lüftung des Jaguar 420 G schnurren lautlos über ein Vakuumservo.
 
Gestartet wird nach dem konzentrierten Einfädeln zweier Zündschlüssel, in Le Mans-Manier schließlich per Knopf. Sanft erwacht der wohl leiseste aller Reihensechszylinder, nur ein fernes Säuseln dringt ins Cockpit. Der Wagen wirkt innen kleiner als von außen, das liegt wohl an dem niedrigen Dachpavillon mit den schmalen Scheiben. Man macht es sich gerne bequem im 420 G, zieht die Armlehne aus dem Fahrersitz, löst die Stockhandbremse in Kniehöhe und legt spitzfingernd mit dem seltsamen Wählhebel D2 ein.
 
Beim Borg Warner Typ 8- Planetengetriebe mit Drehmomentwandler berechtigt dies zur Benutzung aller Fahrstufen, D1 dagegen sperrt den dritten Gang. Dank einer leicht erhöhten Leerlaufdrehzahl fallen die Schaltrucke zunächst spürbar aus, später, warm gefahren, gleiten die Gänge geschmeidig. So gehen sie eine liebevolle Verbindung mit dem durchzugskräftigen 4,2-Liter-Langhuber (92 x 106 mm) ein, der es gerne bedächtig mag, sonst drohen gefährliche 19,4 m/s Kolbengeschwindigkeit. Trotz bedenklich großer Töpfe, wildem Duplexkettengewirr um die beiden Nockenwellen und gierigem Vergaserschnorcheln schafft es dieses wunderschöne Triebwerk in Sachen Laufkultur sogar mit dem Zwölfzylinder aus eigenem Haus mitzuhalten, bis 3500/min jedenfalls, erst obenherum läuft der 5,3-Liter hörbar vibrationsärmer. Mindestens so vitrinenverdächtig wie der prächtige Motor ist die kunstvoll komponierte Hinterachse des 420 G. Sie wirkt wie ein steifes Parallelogramm, das stoisch um das Sperrdifferenzial kreist.
 
Gute Bremsen, gewöhnungsbedürftige Lenkung
 
Ein aufwendig inszeniertes Ensemble aus Quer- und Längslenkern in einem Hilfsrahmen mit doppelten Schraubenfedern an jedem Rad, dem man gerne verzeiht, dass man es halb zerlegen muss, um die Girling-Scheibenbremsen neu zu belegen. Wir kennen das kunstvolle Gebilde bereits aus E-Type und Mark 10. Im 420 G sorgt es für hohe Spur- und Sturzkonstanz, garantiert hohe Kurventempi nebst kalkulierbarem Grenzbereich und einen unglaublich samtpfotigen Abrollkomfort.
 
Die vier Scheibenbremsen verzögern den 1.860 kg schweren Wagen adäquat, nur die eigenwillige Servolenkung vom Typ Bendix-Varamatic mit variabler Übersetzung erfordert Gewöhnung, sie fühlt sich um die Mittellage schwammig an, wirkt indirekt und übertrieben leichtgängig, nur der gerne rudernde Amerikaner wird seine Freude daran haben. Die latente Sportlichkeit der großen Jaguar-Limousinen, in der souveränen Motorleistung und im sicheren Fahrverhalten bei hohen Kurvengeschwindigkeiten spürbar, leidet darunter.
 
Es ist schön zu spüren, wie kraftvoll der großvolumige Sechszylinder schon ab 1.000 Touren antritt, das Drehzahlniveau ist erstaunlich niedrig, 120 km/h entsprechen in D2 gerade einmal 2.600 Umdrehungen, 265 SAE-PS gab Jaguar damals offiziell an, das scheint hoch gegriffen, 193 DIN-PS sind für die niedriger verdichtete 8:1-Variante realistisch. Heute spielt die Differenz in den sich häufig widersprechenden Katalogwerten keine Rolle mehr. Big Gee hat es nicht nötig mit Leistung zu protzen, er kann, wenn er will, aber Atmosphäre ist ihm wichtiger als Leistung. Die bietet er reichlich auf die sanfte Tour. Ein Salonwagen, leise, großzügig und komfortabel. Der 420 G ist trotz seiner Größe ein stiller Star, ein Geheimtipp für Autophilosophen, die kultivierte Eleganz stilsicher und mit einem Schuss Understatement ausleben wollen.

Technische Daten
Jaguar 420 G
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe5100 x 1930 x 1370 mm
Hubraum / Motor4235 cm³ / 6-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit195 km/h
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