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Jaguar XJ 6 - 1 Auto, 2 Geschichten

Britischer Luxus im Spiegel der Zeit

Jaguar XJ6, Frontansicht Foto: Frank Herzog 16 Bilder

Gert Hack testete 1969 den Jaguar XJ 6 mit dem 4,2-Liter-Reihensechzylinder, Alf Cremers fährt Jahrzehnte später dessen Bruder Daimler Sovereign. Beide Geschichten gibt es hier zu lesen.

29.01.2015 Alf Cremers Powered by

Sein Hang zu Limousinen dürfte bekannt sein. stets aufs neue fühlt sich Alf Cremers zum Jaguar XJ 6 der ersten Serie hingezogen. die abermalige Begegnung mit dem prächtigen Wagen und seinen kleinen Schwächen dauerte so lange, bis die beiden Tanks fast leer waren.

Charakterstarker Jaguar XJ

Sein Anderssein hat etwas Anziehendes, seine Unzulänglichkeiten gelten als Charakterstärke. Ein Jaguar XJ 6 der ersten Serie fährt sich so typisch und unverwechselbar, wie es charismatische Klassiker so an sich haben. Wem das noch nicht reicht, den kriegt spätestens die wunderschöne Form rum.

So eine Jaguar XJ 6-Limousine steht fast in jeder Traumgarage. Sie spielt in der Klassiker-Szene die beneidenswerte Rolle des Everybody’s Darling. Die Form betört, der Sechszylinder mit den beiden krönenden Nockenwellengehäusen sieht herrlich aus, die leise souveräne Art der Kraftentfaltung fasziniert.

Jaguar XJ mit Wohlfühl-Flair

So ein Jaguar XJ lässt sich spielerisch leicht bewegen und vermittelt ein besonderes Wohlfühl-Flair aus Holz und Leder. Leider hat so ein XJ den Ruf einer kapriziösen Diva, was auf die Sechszylinder-Variante jedoch nur bedingt zutrifft. Auch als Klassenprimus, sprich Vergleichstest-Sieger, taugt er nicht. Solch profane Arithmetik ist ihm zu schnöde, kühle Ratio ist nicht sein Ding. Er punktet emotional.

Die umstrittene 2,8 Liter-Version des Jaguar XJ 6 trug im Sommer 1970, wenn auch nur denkbar knapp, die rote Laterne über den Stoßstangenhörnern des sinnlich geformten Hecks. Nur im Komfortkapitel des Oberklasse-Vergleichstests von auto motor und sport verwies er Mercedes, BMW und Co. deutlich auf die Plätze. Emotion statt ratio.

Der ein Jahr zuvor im Test von Gert Hack noch hoch geschätzte Jaguar XJ 6, leidet als 2.8er mit nur 149 PS und sedierender Borg-Warner-Dreigang-Automatik unter eklatanter Leistungsschwäche. Auch die hinreißend elegante Form mit flachem Karosseriekörper und niedrigem Dachaufbau unterwirft sich nicht gerne reinem Nutz-Aspekt. Elegant und praktisch, das gibt es eben nicht.

Knapp geschnittene Jaguar-Lounge

Unser 4,2-Liter ist innen eher knapp geschnitten, als Raumteiler fungiert eine mehr als üppige Mittelkonsole, der Kofferraum wird von zwei mächtigen Tanks in die Zange genommen. Dafür fühlt man sich auf Anhieb wohl in der holzgetäfelten, lederbezogenen Jaguar-Lounge und fädelt sich gern in den langen, schmalen Fußraum des Jaguar XJ 6 ein.

Langsam nimmt das Connolly-Leder die Körperwärme auf. Die Daimler-Version des Jaguar XJ 6, der Sovereign 4.2, fühlt sich innen noch geschmeidiger an. Schöner wohnen. Die imposante Instrumententafel mit ihrer respektablen Uhrensammlung und den satt klickenden Kippschaltern wärmt das Herz des Antiquitäten-Freunds ebenso wie das dünne Bakelit-Lenkrad mit Hupring und die antiquierte Stockhandbremse. Nur auf den knackigen Stick-Shift mit im Knauf eingelassenem Overdrive-Schalter muss man in unserem Exemplar in Regency Red verzichten.

Geschaltet wird hydraulisch, nach Borg-Warner-Art - sie macht Jaguar fahren noch lässiger. Den zierlichen Wählhebel braucht man nur anzufassen, wenn man zurücksetzt. Die aufrechte Sitzposition hinter dem steilen Lenkrad passt mittelgroßen Menschen wie angegossen. Der Blick schwebt über die schier endlos lange Motorhaube Richtung Horizont. Der Jaguar XJ 6 ist ein Reisewagen, mit dem man gerne das Weite sucht.

Wenig Drehzahl, seltene Gangwechsel

Der Jaguar XJ 6 ließe sich auch mit Schaltgetriebe standesgemäß gelassen bewegen. Will heißen, wenig Drehzahl, seltene Gangwechsel, flüssige Lenkradbewegungen aus dem Handgelenk. Fahren als kontemplatives Erlebnis, der Weg als permanentes Ziel. Kaum ein anderes Auto ist dafür tauglicher als die geschmeidige Jaguar-Limousine.

Der weiße 69er auto motor und sport-Testwagen erwies sich handgeschaltet so temperamentvoll wie ein BMW 2800, null auf Hundert in 10,4 Sekunden, Spitze 203 km/h. Aber das ist für das typische Jaguar-Fahrgefühl nicht entscheidend. Schon während der langen Warmlaufphase, die der üppige Ölvorrat von 8,25 Litern nun einmal verlangt, reicht die vom Getriebe vorgeschlagene Schaltdrehzahl von 2.500/min, um zügig voranzukommen. Das Gaspedal des Jaguar XJ 6 muss dazu nur gestreichelt werden.

Insgesamt ist das Drehzahlniveau des Langhubers so niedrig, dass man kaum über 3.500/min hinauskommt, was laut Tacho in Stufe D immerhin 170 km/h entspricht. Nicht nur die äußere Gestalt des Jaguar XJ 6 ist eine Delikatesse, sondern auch Interieur, Antrieb und Fahrwerk formen sich zum Gesamtkunstwerk auf hohem Niveau.

Fliegender Teppich

Der aus dem Vollen gefräste Doppelnocker kommt aber nicht ohne Widersprüche aus. Der Graugussblock und die langhubige Auslegung passen nicht zum drehzahlfesten Zylinderkopf mit zwei obenliegenden Nockenwellen und einer direkten Ventilmechanik über Tassenstößel. Das Fahrwerk des Jaguar XJ 6, gleich mit zwei Hilfsrahmen und einer extrem aufwendigen Hinterachsaufhängung an doppelten Längslenkern und zwei Schraubenfedern pro Rad, setzt Maßstäbe.

Zur komfortfreundlichen Verringerung der Massen sind die Bremsscheiben innen am Differenzial befestigt und die Bremsbeläge fast unerreichbar. Diese verspielte Komplexität mag übertrieben sein, aber sie erzeugt ganz ohne Hydropneumatik und Luftfederbälge das Gefühl des fliegenden Teppichs. Zudem sorgt sie für hohe Fahrsicherheit. Im Grenzbereich neigt der Jaguar XJ 6 ganz spät zum Übersteuern, das mit der gefühllosen Servolenkung nicht präzise genug pariert werden kann.

Mit H-Kennzeichen für 6.000 Euro

Kein Zweifel, der rote Jaguar XJ 6 macht süchtig, obwohl er kein besonders gutes Exemplar ist. Technisch und strukturell gesund, kann er zwar eine wohlständige Schweizer Pflege nicht verleugnen, aber das Kaminzimmer hat in den letzten 35 Jahren spürbar gelitten. Dafür kostet er auch inklusive H-Abnahme nur 6.000 Euro. Ein Preis, der zwei Dinge widerspiegelt - die Angst vor der kapriziösen Diva, deren aufwendige Technik gut gewartet sein will, und der Drang des Marktes nach Top-Exemplaren. Gut 100 Liter fassen die beiden Tanks, zahm bewegt reicht dies für mehr als 700 km Fahrgenuss, aber zwischendurch das Umschalten nicht vergessen. Für mich bleibt der Umweg das Ziel.

AUf der nächsten Seite lesen Sie den Testbericht von Gert Hack aus der auto motor und sport 21/1969.

Technische Daten
Daimler Sovereign 4.2
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4815 x 1770 x 1345 mm
Hubraum / Motor4235 cm³ / 6-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit202 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h9,8 s
Verbrauch16,5 L/100 km
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