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KTM X-Bow GT4 im Fahrbericht

Deckel drauf - und ab dafür

KTM X-Bow GT4, Frontansicht Foto: Arturo Rivas 36 Bilder

Ein X-Bow mit Dach? Tatsächlich: Als GT4 tobt er über die Rennstrecken dieser Welt, könnte aber auch die Geschichte der KTM-Straßensportwagen weitererzählen. Also fuhren wir den eine Tonne leichten Zweisitzer – diesseits abgesperrter Rundkurse.

08.03.2016 Jens Dralle Powered by

Klick, das kleine, reichlich beknopfte und abnehmbare Lenkrad rastet ein. Drei weitere Male klickt es, dann ist der Vierpunktgurt gesichert. Noch mal ziehen, um den Gurt zu straffen, fertig. Und jetzt ... Mist ... zu früh angeschnallt, der Griff der Dachkuppel liegt außerhalb des spärlichen Aktionsradius des Fahrers. Also noch mal abschnallen. Dann: Mit einem satten "Dschunk" fällt die Kuppel ins Schloss. "Dschunk" ist neu beim KTM X-Bow. Und "Dschunk" geht einher mit einem 17 Zentimeter längeren Radstand und 37 Zentimetern mehr Länge. "Dschunk" heißt GT4.

Jetzt, nach dem Umlegen des Hauptschalters, sirrt die Benzinpumpe, Relais klicken, der KTM X-Bow GT4 reckt seine Glieder. Ein kurzer Druck auf die Stop-Taste zur Aktivierung, dann Zündung mit der Start-Taste, die digitale Geschwindigkeitsanzeige und der Drehzahlmesserbalken im mittig angeordneten Kombi-Instrument sausen einmal aufgeregt bis ans Maximum und wieder zurück.

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Fahrbericht KTM X-Bow GT4
auto motor und sport 02/2016
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Ready to race - jederzeit

Der von Reiter Engineering realisierte KTM X-Bow GT4 fragt im Gegensatz zu den anderen X-Bow-Varianten seinen Fahrer erst gar nicht, ob er "ready to race" sei. Wer sich unter die Kuppel traut, der ist es, kein Zweifel. Ein Tritt auf das linke der drei Pedale trennt die Sintermetallkupplung vom Antrieb, der Kraftaufwand lässt bereits die erste Anfahrpleite erahnen. Noch ein Druck auf die Start-Taste schubst den aufgeladenen Vierzylinder-Benziner hinter dem Carbon-Monocoque an, das Nichtvorhandensein jeglicher Dämmung legt das heiser knurrende Zweiliter-Triebwerk des KTM X-Bow GT4 direkt auf den Schoß des Fahrers. Dann: Klonk. Einmal am linken der beiden massiven Lenkradpaddel zupfen, und die Elektronik boxt den ersten Gang des sequenziellen Getriebes von Holinger rein.

Jetzt gaaanz vorsichtig ... bloß nicht abw ... ha! Geschafft! Hoppelnd und klöternd rollt der KTM X-Bow GT4 los, die roten Nummern (eigentlich blaue, weil sie aus Österreich stammen) sind dran, die Straße ist unser. Statt Slicks stecken legale Cup-Reifen auf den 18-Zoll-Magnesium-Felgen, doch auch sie frieren noch. Kalt ist es, trotz Sonne. Schwer atmend beschleunigt der KTM X-Bow GT4, sachte natürlich, um auf Temperatur zu kommen.

Was da im Heck des KTM X-Bow GT4 vor sich hinbrummelt? Ein handelsüblicher Zweiliter-TFSI aus dem Volkswagen-Konzern, Generation EA113 in CDL-Ausprägung, modifiziert natürlich. Der Direkteinspritzer dürfte 360 PS leisten, nach der sogenannten Balance-of-Performance-Einstufung bleiben jedoch lediglich 320 übrig - weil sie nur rund eine Tonne Gewicht wuppen müssen. Ja, der Vierzylinder lässt sich auch Tempo-100-Landstraßentrödelei gefallen, kommt problemlos mit Drehzahlen diesseits von 3.000/min. klar. Jeder Gasstoß lässt ihn schlürfen und fauchen, jedes Lupfen seufzen und zwitschern, die Intensität variiert in Abhängigkeit des Lastwechsels. Dabei mahlt, schabt und scheppert es immer irgendwo, die Akustik ist Laguna Seca, doch da draußen ist Schwäbische Alb.

Klonk, ein Gang runter, ohne Kupplung, na klar. Vollgas. Das Vierzylinder-Triebwerk dröhnt kernig, ab 4.000/min brät ihm der Turbolader eines über, der Schub biegt sich die Landschaft zurecht, passt sie der Dachkuppel an, presst sie um den KTM X-Bow GT4 herum. Plötzlich leuchtet eine rote Lampe, ach ja, hochschalten. Klonk. Der nächste Gang folgt, knallhart, im Motorsport darf sich Mechanik ungeniert zeigen und ohne Manieren arbeiten – Hauptsache schnell und direkt. Obwohl der KTM X-Bow GT4 mit knapp über 1,93 Meter Breite nicht unbedingt einen schlanken Fuß macht, schrumpft er sich gerade noch so auf handelsübliche Landstraßen ein. Zum Vergleich: Ein AMG GT baut nicht schmaler, doch dazu addieren sich wuchtige Außenspiegel. Und beim X-Bow? Nun, so breitwandig die Aussicht nach vorn sein mag, nach hinten wird’s finster. Die Außenspiegel sticht inzwischen jedes Smartphone in der Größe.

Blick zurück - wozu?

Aber wozu zurückschauen? Schließlich deutet der KTM X-Bow GT4 an, wie es mit dem X-Bow weitergehen könnte, nachdem dessen Karriere als radikaler Volkssportler zuerst am doch wenig volkstümlichen Preis, dann 2009 an der Wirtschaftskrise scheiterte und er so nun doch in der Nische Fans begeistert. Natürlich müsste der KTM X-Bow GT4 etwas abgesoftet werden, um die Hürden der Homologation zu meistern, ein Minimum an Alltagstauglichkeit schadet sicher auch nicht. Mit erheblichen Einbußen beim Fahrspaß? Kaum vorstellbar. Oder wann haben Sie die Herren Ogier oder Meeke mit ihrem reglementbedingt straßenzugelassenen WRC-Renner samstagmorgens auf dem Wertstoffhof beim Altglasentsorgen getroffen? Na?

KTM X-Bow GT4: Ein echter Rennwagen

An der Sitzposition des KTM X-Bow GT4 gibt es schon jetzt nichts zu meckern, wie in jedem X-Bow, denn Pedale und Lenkrad lassen sich über einen weiten Bereich verstellen. Okay, die Lenkung will Muskeln spüren, ist halt eine servolose Konstruktion, und der Wendekreis lässt sich nur schwer in Metern beziffern – wie gesagt: ein Rennwagen. Und in ihm prägt wieder einmal etwas das Fahrerlebnis, was kaum vorhanden ist: Gewicht. Der KTM X-Bow GT4 braucht keine Gewalt, damit sich ihm Kurven unterwerfen. Natürlich fehlt es nicht an Dramatik, denn die mechanische Krachkapelle macht keine Pausen. Allein wie das Getriebe beim Herunterschalten knallt - irre.

Doch das Handling wirkt wie selbstverständlich, präzise, völlig befreit, einfach immer auf den Punkt, weil es so ist, und nicht, weil es unter absurdem Aufwand hineinkonstruiert werden musste. Aufgrund seiner Radikalität muss man sich erst auf den KTM X-Bow GT4 einschießen, und die Welt sich auf ihn, denn sie kennt ihn nicht. Die Basisdaten müssen stets parat sein, bei jedem Stopp werden sie abgefragt, sicher auch in Zukunft. Denn wie schon der normale X-Bow wird sich der GT4 kaum zum Sportwagen-Massenphänomen entwickeln. So, genug erzählt. Noch ist er unser, der KTM X-Bow GT4, die Straßen leeren sich. Klick - das Lenkrad rastet ein. Dschunk - die Kuppel fällt ins Schloss. Und jetzt erst: Klick, klick, klick - der Vierpunktgurt sitzt. Man lernt ja nie aus.

Fazit

Extrem, weitergedacht

Motorsporttechnik egalisiert den etwaigen Verlust an Radikalität durch die Dachkuppel sowie die Zunahme an Maßen und Gewicht. Mit dem GT4 könnte sich KTM gut im wachsenden Nischenmarkt rennstreckentauglicher Sportwagen positionieren.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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