Lamborghini Gallardo Spyder: Boys To Men - Die Faust im Nacken

Der neue Lamborghini Gallardo Spyder macht als Boulevard-Bummler eine exzellente Figur. Doch wehe, wenn der 520 PS starke und über 310 km/h schnelle Zehnzylinder seine Muskeln anspannt. Hier geht's ab...

Offene Lamborghini sind so eine Sache. Im Gegensatz zu Ferrari oder Maserati taten sich die Ingenieure aus Sant’Agata Bolognese damit stets ein wenig schwer. Ihre raren Oben-ohne-Produkte waren zunächst von Hand gefertigte Einzelstücke.

Erst 13 Jahre nach der Firmengründung präsentierte Lamborghini 1976 mit dem Silhouette – eine Konstruktion nach Art des Porsche Targa – seinen ersten Serienspider. Er wirkte wie ein muskelbepackter Fiat X 1/9 mit düsterem, panzerartigem Fastback-Heck. Auch der aktuelle, scharfkantig gestylte Murciélago Roadster besitzt kein perfektes Cabriodach: Die 580 PS starke V12-Rakete verfügt nur über ein kleines, umständlich zu handhabendes Notverdeck, das maximal 160 km/h zulässt. Nun kommt der Gallardo Spyder, „ein vollständig neues Modell“, wie Lamborghini im Pressetext beteuert.

Und es gibt keine Dachexperimente mehr – der Gallardo Spyder ist optisch wie technisch das beste Lamborghini- Cabrio aller Zeiten. Designer Luc Donkerwolke, der inzwischen bei Seat arbeitet, hat einen exzellenten Job gemacht. Das Cabrio wirkt noch aggressiver als das Coupé, von dem es neben der Frontpartie nur die rechteckigen, quer zur Fahrtrichtung platzierten Ansauglufteinlässe übernommen hat. Die Schulterlinie musste jedoch deutlich angehoben werden, um Platz für den über dem Motor installierten Verdeckkasten zu gewinnen.

Eine Erhöhung der oberen Türkante bewirkt den nahtlosen Übergang zwischen flacher Wagenfront und kantig geformter Heckpartie. Der Verzicht auf niedliche, halbrunde Aero-Hutzen und chromglänzende Überrollbügel unterstreicht die selbstbewusste, für Lamborghini typische männlich-direkte Formensprache. Das gefütterte Stoffverdeck erlaubt geschlossen eine Höchstgeschwindigkeit von 314 km/h, offen 307 km/h. Mit der 520-PS-Maschine aus dem Sondermodell SE, die ab Modelljahr 2006 alle Gallardo beflügeln wird, rennt der geschlossene Spyder sogar fünf km/h schneller als das bisherige 500-PS-Coupé. Das motorbetriebene Verdeck verschwindet nach 20 Sekunden unter der hinten angeschlagenen Motorhaube, die sich einen Spalt weit öffnet.

Eine gute Gelegenheit, den zehn Zylindern, die hinter dem Fahrer während des Faltvorgangs hecheln, zischen und fauchen, schon mal guten Tag zu sagen.

Doch da täuschen sich die Damen. In Wirklichkeit ist der reichlich mit Belüftungsschlitzen versehene Motorraum nichts anderes als ein Jurassic-Park-Transportkäfig für junge Veloceraptoren. Sie zu bändigen fällt dank einem unten abgeflachten, mit Wildleder bezogenen Lenkrad, dank Allradantrieb und vehement verzögernden Bremsen nicht allzu schwer. Nur beim Rangieren und beim Durchfahren enger Kurvenradien erfordert die Lenkung kräftiges Zupacken.

Auch das straff abgestimmte Fahrwerk verlangt vom Piloten ein gerütteltes Maß an Sportsgeist, während sich das steife Space-Frame-Chassis mit verstärkten Schwellern und A-Säulen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Ganz anders die Menschen in Miami.

Sie bewarfen auf und neben der Straße das himmelblaue Wunder derart nachdrücklich mit nett gemeinten Komplimenten – „nice car, beautiful, great, I love it“ –, dass bisweilen Beulen in der Alu-Karosserie zu befürchten waren.

Das Interieur wirkt dank reichlich verwendetem Leder, Leichtmetall und Karbon (Sonderausstattung) sehr edel: diskret-klassischer Stil mit schlicht gezeichneten Instrumenten. Der Verzicht auf grelles Du-bist-Schumacher- Ambiente, auf alarmrote, rennsportartige Schalter und Knöpfe lässt der eigenen Fahrer-Persönlichkeit mehr Raum zur Entfaltung: Den Lambo fahre ich – sonst niemand.

Platz ist hierfür genügend vorhanden, da man in deutlicher Entfernung von der extrem schräg stehenden und weit vorne angebrachten Windschutzschiebe in gut geformten Ledersesseln ruht. Der Himmel ist also über uns – und die Hölle hinter uns. Ihre Pforte kontrolliert der Gallardo-Fahrer mit dem rechten Fuß, während der linke sich dort abstützen darf, wo sich normalerweise das Kupplungspedal befindet. Insofern spricht schon aus Platzgründen alles für das automatische, blitzschnell reagierende Sechsganggetriebe mit den beiden Schaltpaddeln an der Lenksäule.

Die Hölle hinter uns entfachen wir mit einem beherzten Tritt auf das Gaspedal. Schon ab einer Drehzahl von etwa 3000/min brüllt der Gallardo zornig los, scheint wie Hulk aus seinem hübschen, hellblauen Outfit zu platzen und stürmt zwischen den anderen Autos hindurch, als müsse er Ann Darrow von ihrem haarigen Verehrer King Kong befreien. Von null auf 100 km/h vergehen nur 4,3 Sekunden. Ohne Dach, wenn der Zehnzylinder das bärige Volllast- Röhren dem Piloten ungefiltert mitteilt, verwandelt sich der Spyder in ein perfektes 4D-Kino: Sein Fahrer ist Kino-Fan und Action-Held in einer Person.

Held der Frauen ist er sowieso. Die überlegen-lässige Kombination von gelben Bremssätteln mit dem Celeste Phoebe genannten Hellblau der Karosserie – eine dem Gallardo Spyder vorbehaltene Sonderfarbe – nimmt dem kantigen Sportler etwas von seiner optischen Härte: Mehr Jogging-Anzug als feuerfester Renndress.

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Franz-Peter Hudek.

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