Moderne Cabrios gehorchen dem Zeigefinger. Ein Knopfdruck – und in wenigen Sekunden öffnet oder schließt sich das Dach vollautomatisch. Der neue Lamborghini Murciélago Roadster, fast 250 000 Euro teuer, ist kein modernes Cabrio. Das Gebilde aus Streben und schwarzem Stoff, das ihm als Kopfbedeckung dient, hat mit einem Cabrioverdeck etwa so viel zu tun wie ein Regenschirm mit einem soliden Ziegeldach. Schon der Auf- und Abbau gerät zur Prozedur: Gestänge verankern, Stoff-Fetzen darüberlegen, mit Druckknöpfen befestigen. Fünf Minuten gehen da, etwas Übung vorausgesetzt, schon ins Land. Das Ganze erinnert an britische Ur-Roadster. Das Dach hält Regen ab – mehr nicht. Und bitte nicht schneller als 160 km/h fahren. Womit eines schon klar wäre: Dies ist ein Auto zum Offenfahren. Ausschließlich.
Vor dem geistigen Auge erstreckt sich automatisch der Pacific Coast Highway an einem lauen Sommerabend. Man sitzt sehr tief drin im Lamborghini, hinter sich einen gewaltigen Aufbau, in dem sich der im Ernstfall ausfahrende Überrollschutz verbirgt. Trotzdem entsteht nicht, wie bei vielen zeitgenössischen Roadstern, das Gefühl, dass alles getan wurde, um den Fahrtwind draußen zu halten. Der braust fröhlich durch die Kabine. Auch weil die Windschutzscheibe nicht bis zur Stirn der Insassen reicht. Offenfahren im Lamborghini wird wieder zu einem ursprünglichen Erlebnis.
Vor der Hinterachse sitzt der bekannte Motor, hier allerdings zur Versteifung der Struktur in einem zusätzlichen Rahmen aus Stahl oder – 4060 Euro Aufpreis – aus Kohlefaser. Wie ein in einem Käfig eingesperrtes, angriffslustiges Monster. Was er ja auch ist. 6,2 Liter Hubraum, zwölf Zylinder, vier Nockenwellen und 48 Ventile in einem mächtigen Aluminiumblock summieren sich zu einem der stärksten Motoren, die man heute kaufen kann. Braucht man das zum Offenfahren?




