Lancia Ypsilon und Mini One im Fahrbericht

Duell der schicken Stadtflitzer

Lancia Ypsilon 0.9 Twinair Platinum, Mini One, Seitenansicht

Der Mini ist für seine Quirligkeit bekannt, Lancia möchte mit dem Ypsilon eine luxuriöse Alternative bieten. Praxisnutzen spielt bei beiden eine untergeordnete Rolle. Taugen der edle Italiener und der flotte Brite tatsächlich nur als schicke Stadtflitzer?

Seit einigen Jahren fiebert die Fangemeinde Lebenszeichen von Lancia besonders aufgeregt entgegen. Kommt wieder eine verquast designte Limousine? Oder ein aufgeblähter Kompaktwagen? Dem neuen Ypsilon können die Freunde der Marke dagegen gelassen gegenübertreten - er ist sich treu geblieben. Überschaubare Abmessungen, typische Chromnase, eigenständiges Design sowie ein Interieur mit zentralem Tacho und luxuriösem Anspruch.

Wird er ihm gerecht? Kaum, denn sowohl die verwendeten Materialien als auch deren Verarbeitungsqualität erreichen bestenfalls das mäßige Niveau des Vorgängers. Überdies perfektionierten die Italiener das Verfahren, Leder die Haptik von Kunststoff zu verleihen. Die zu klein dimensionierten Sitze erschließen ebenfalls keine neue Komfortdimension. Seitenhalt? Nicht vorhanden, allerdings erhebt Lancia auch keinerlei Anspruch auf Sportlichkeit. Stattdessen sollen dem Ypsilon die Servolenkung mit dem bekannten, besonders leichtgängigen City-Modus, eine zwecks niedrigen Verbrauch drosselbare Motorleistung sowie ein optionaler Einparkassistent zur Herrschaft im Großstadtdschungel verhelfen.

Lancia Ypsilon ohne echten Fahrkomfort

Den elektronischen Parklückendetektor hat der Italiener bitter nötig, da die Übersichtlichkeit nach schräg hinten sehr unter den winzigen Seitenscheiben sowie dem starken Dacheinzug leidet. Dementsprechend eingeengt fühlen sich Mitreisende, die zwar bequem durch die serienmäßigen Fondtüren einsteigen können, sich dann jedoch mit der seltsam aufgedunsen wirkenden Polsterung der Rückbank arrangieren müssen. Und wie sieht es in Sachen Fahrkomfort aus? Unter der Karosserie steckt die Plattform der nächsten Fiat Panda-Generation, die eine modifizierte Variante der aktuellen Architektur darstellt. Daher überrascht es kaum, dass der Lancia Ypsilon zwar bei niedrigen Geschwindigkeiten noch ordentlich auf Bodenunebenheiten anspricht, die Federn und Dämpfer dann allerdings schnell aus dem Tritt geraten.

So hinterlässt das Fahrwerk einen unterdämpften Eindruck, und scheint nur auf einwandfreien Straßen nicht überfordert. Hinsichtlich der Fahrsicherheit macht es allerdings seine Arbeit gut, untersteuert brav, wenngleich etwas zu früh, und lässt sich selbst mit roher Gewalt nicht zu Ausfallschritten verleiten. Bei der Fahrdynamik entspricht der Lancia Ypsilon ganz den Ansprüchen seiner Entwickler - und erstickt bereits mit der gefühllosen Lenkung sämtliche Ambitionen im Keim. Was bleibt Positives? Immerhin der nicht völlig unerhebliche Antrieb.

Mini One verbraucht mehr als der Ypsilon

Das aufwendig konstruierte Zweizylinder-Triebwerk überzeugt mit einer angenehmen Leistungsentfaltung, die das überschaubare Drehmoment von 145 Newtonmetern bereits bei 1.900 Umdrehungen bereitstellt. Dazu kommt ein ausgeprägter Drehwille, der aufgrund der sich scheinbar kaum verändernden Akustik schnell bei 6.000 Umdrehungen im Begrenzer endet. Einzig der konzeptbedingte, unrund-pröttelige Motorlauf passt weniger zum Lancia Ypsilon. Weiterer Vorteil: der Verbrauch von 6,3 Liter pro 100 km.

Der Mini kann hier nicht mithalten, sein vergleichsweise konventioneller Vierzylinder benötigt einen halben Liter mehr. Dafür entschädigt er mit den besseren Fahrleistungen, wenngleich das 1,6-Liter-Triebwerk auf einem deutlich höheren Drehzahlniveau bespaßt werden möchte. Dabei zeigt es sich jedoch eher mäßig engagiert, selbst wenn der Fahrer schnell großen Gefallen am knackig zu schaltenden Sechsganggetriebe findet - im Vergleich wirkt die labberige Fünfgangbox des Lancia Ypsilon so, als versuche man, eine Portion zerkochter Pasta auf die Gabel zu wickeln.

Mini One bleibt Nummer eins bei der Fahrdynamik

So knusprig wie frisches Shortbread dagegen: das technisch anspruchsvolle Fahrwerk des Mini mit Doppelquerlenker-Hinterachse. Damit bleibt der Brite mit deutschen Genen unangefochten die Nummer eins bei der Fahrdynamik: ein Einlenkverhalten wie auf ein Fingerschnipsen sowie ein nahezu seitenneigungsfreies, bissig-neutrales Kurvenverhalten. Einzig das bei Lastwechsel fidele Heck mag Unbedarfte überraschen, wenngleich dadurch nur selten ESP-Eingriffe nötig werden. Meist dreht sich der Mini sanft ein, die Lenkung vermittelt dabei vertrauenschaffende Rückmeldung und gibt so dem Fahrer das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben.

Erst wenn Bodenwellen auftauchen, entsteht Unruhe. Der Mini versucht nicht einmal, Komfort vorzutäuschen und bockt schlichtweg über die Unebenheiten hinweg. Erst beladen kommt eine Ahnung vom Schluckvermögen der Dämpfer auf. Dafür sitzen die Passagiere bequem, die vorderen auf straffen, gut ausgeformten und - wie so vieles - aufpreispflichtigen Sportsitzen. Hinten bietet die typische Karosserieform viel Kopffreiheit, jedoch nur wenig Spielraum für die Beine.

Lancia Ypsilon bleibt sich treu

Platz für Gepäck? Dass Mini tatsächlich von einem Kofferraum spricht, kann angesichts dessen Fassungsvermögen der britischen Ironie zugeschlagen werden. Ebenfalls nur bedingt praxisgerecht: die verspielten Bedienelemente im Interieur. Dennoch hinterlässt der teure Mini den überzeugenderen Gesamteindruck, da er seine Rolle als Kurvenkönig überaus konsequent spielt. Dem Lancia Ypsilon fehlt hingegen ein echtes Alleinstellungsmerkmal - auch darin ist sich die vierte Generation treu geblieben.

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Jens Dralle

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