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Lincoln Continental und Cadillac Series 62

In Abrahams Schloss

Cadillac 62 und Lincoln Continental Foto: Rossen Gargolov 14 Bilder

Sie sind groß, elegant und bequem. Ihre souveränen Sieben-Liter-V8 strotzen vor Kraft. Als Spitzenprodukte von GM und Ford symbolisierten sie den Wohlstand einer Nation - Cadillac und Lincoln im Fahrvergleich.

04.05.2009 Franz-Peter Hudek Powered by

Wenn nur nicht dieses dünne Blechlenkrad wäre! Es passt überhaupt nicht zum stahlharten Langzeitcharakter des restlichen Lincoln-Interieurs.

Schwer wie ein Panzer: Metall an jeder Ecke, bevorzugt verchromt

Die drei Millimeter dicke, schwergewichtige, nach unten öffnende Stahlklappe des Handschuhfachs wäre zum Beispiel glatt in der Lage, beim plötzlichen Aufspringen die Kniescheibe des Beifahrers zu zertrümmern. Eine solide gemachte Verriegelung verhindert das Unheil, denn die fünfeinhalb Meter lange Lincoln-Limousine meint es nur gut mit ihren Insassen, die in ihr reisen wie in Abrahams Schoß.
 
Den metallenen Instrumententräger schmücken verchromte Querleisten, die dem schlichten Kühlergesicht und den ebenfalls quer verrippten Heckleuchten gleichen. Der Breitband-Tacho wirkt im Vergleich zu den vier dominierenden, in hellem Weiß leuchtenden Anzeigen für Tankinhalt, Öldruck, Batteriespannung und Wassertemperatur etwas unterdimensioniert. Wir verstehen aber sofort: Lincoln- Fahrer rasen nicht. Ihr 324 SAE PS starker Sieben-Liter-V8 sorgt vielmehr für Gelassenheit.
 
Das zart gebaute Lenkrad mit durchsichtigem Plexiglasschmuck ist höhenverstellbar und besitzt sogar eine senkrechte, fünfstufige Positionsanzeige über der Nabe. Und alles andere, was nach Chrom aussieht, besteht tatsächlich aus echtem, harten Metall. So auch die sechs zierlichen Vierkanttasten in der Türkonsole des Fahrers, mit denen er die elektrisch versenk- baren Seitenscheiben mitsamt den vorderen Dreiecksfenstern dirigiert. Dass alles einschließlich Radio noch prächtig funktioniert und auch die Ledersitze nach rund 160.000 Kilometern gerade mal mit der wohltuenden Sitzmöbel-Patina einer Ritz- Carlton-Hotel-Lounge glänzen, zeugt ebenso vom ehrlichen Langzeitcharakter des dunkelgrünen Luxusliners wie sein schlichtrobustes, grundehrlich-geradliniges Karosseriedesign, dessen Schöpfer tatsächlich Elwood Engel hieß, nein: heißen musste.
 
Der viertürige Lincoln Continental, der erstmals 1961 in dieser Form die reichen Amerikaner entzückte, war in puncto Design ein Geniestreich. Bis 1969 musste der auch als viertüriges Cabriolet angebotene Continental nur einige optische Retuschen sowie 1964 einen um 76 Millimeter verlängerten Radstand erdulden. Seine Karosserie wirkte von Anfang an durch ihren Verzicht auf eine Panorama-Windschutzscheibe, auf Heckflossen, auf seitliche Sicken und Falten und auf exponiert platzierte Scheinwerfer wie ein Kälteschock.
 
Sie nahm den sachlichen Stil der frühen Siebziger einschließlich eines noch etwas verschämten Hüftschwungs vorweg. Im Vergleich zu seinem hellblau glänzenden Konkurrenten von Cadillac, der trotz gestutzter Heckflossen noch immer die chromüberladene Frontpartie im Stil der späten Fünfziger besitzt, könnte man meinen, dieser Lincoln wäre erst 1975 und nicht bereits 1965 vom Band gerollt.

Der Geschmack der Sechziger zeigt sich besonders im Innenraum

Zu den Eigenarten der Lincoln-Karosserie zählen auch die hinten angeschlagenen Fondtüren. Die Techniker entschlossen sich zu dieser veralteten Lösung, weil der Radstand des neuen Continental von 1961 gegenüber dem wuchtigen Mark IV-Vorgänger um 20 Zentimeter schrumpfte. Bei vorn angeschlagenen Fondtüren wäre der Einstieg wegen des reduzierten Knieraums beschwerlicher. Ebenso typisch für die schlichte und stilbildende Lincoln-Karosserie sind die breiten C-Säulen und der breite Unterbau des Wagens, auf dem ein deutlich schmaleres Dach aufsitzt.
 
Ganz klar, der Lincoln erweist sich als die große Überraschung in unserem exklusiven Vergleich und hebt sich deutlich von seinem Cadillac-Konkurrenten ab. Mit Ausnahme der viertürigen Karosserie, des großvolumigen V8-Motors, der Automatikgetriebe sowie ihrer dünnen Lenkräder haben die beiden Luxusschiffe null Gemeinsamkeiten. Sie unterscheiden sich in etwa so wie Condoleeza Rice von Paris Hilton, wobei wir natürlich nicht wissen, wie Frau Rice ihre Nächte verbringt.
 
Die großen optischen Unterschiede der Luxuslimousinen - hier der asketischstrenge Lincoln und dort der extrovertiert schillernde Cadillac -, betreffen auch das Interieur. Bei beiden sind Innenraum- und Außenfarbe nahezu identisch, was offenbar dem Geschmack der Zeit entsprach.
 
Der Caddy-Innenraum wirkt jedoch deutlich luftiger, leichter und geräumiger als die gemütlich-enge Hotel-Lounge des Lincoln. Das hohe Dach und die schmalen Dachpfosten der Six-Window-Version machen den Caddy zu einer kühlen, rollenden Edel-Eisdiele, zu einem üppig verglasten Raumschiff mit eingebautem Alpenblick. Dazu trägt auch das zum Fahrer orientierte, reich und eng bestückte Instrumentenbrett mit zwei Zierzylindern bei, die noch etwas Düsenjet-Appeal verbreiten, aber nur den Lichtzugknopf (links) und die Zeituhr (rechts) beherbergen.
 
Auch hier gilt: Wo Chrom glänzt, steckt Stahl darunter. Der Caddy steht in Langzeitqualität einschließlich den noch immer so stramm wie Serena Willliams‘ Pobacken bespannten Originalsitzbänken dem Lincoln in nichts nach. Der lange Blaue leistet sich sogar den Luxus eines Dachaufbaus ohne durchgehende B-Säule, sodass die zentnerschweren Fondtüren leidglich an zwei Säulenstummeln hängen. Sie schließen nach 45 Jahren ohne die geringste Schieflage und noch immer mit einem typisch satten "Klonk".

Die riesigen Straßenschiffe sind kinderleicht zu fahren
 
Wie die feingliedrigen Lenkräder vermuten lassen, gestaltet sich das Fahren in beiden Limousinen überaus mühelos. Tatsächlich genügt es, die extrem leichtgängig und indirekt arbeitenden Steuerräder mit den Fingerspitzen einer Hand zu bewegen. Die Straßenkreuzer nehmen Kurven sanft untersteuernd mit stoischer Würde. Drei Finger halten den schräg hängenden Wagen mit spielerischer Leichtigkeit wie eine Segelyacht am Wind.
 
Im Großen und Ganzen versuchen die Luxusschiffe das Vorhandensein einer Straße zu ignorieren. Auch die jeweils acht hin- und herstampfenden Kolben sowie die sich drehenden Zahnräder der Planeten- Schaltgetriebe erzeugen nur leise Zischund Raschel-Geräusche. Man fährt einfach so dahin, wie es der rechte Fuß und die linke Hand des Fahrers wünschen. Mit kleinen, lässig ausgeführten Bewegungen beherrschen wir gut zwei Tonnen Gewicht und 345 SAE-PS im Cadillac oder 324 SAE-PS im Lincoln.
 
Nur wenn das Gaspedal energisch durchgedrückt wird, hören wir aus dem Motorraum ein gut gedämpftes Fauchen und verspüren ganz besonders im Cadillac eine rasante Beschleunigung. 
Man sollte jedoch bei solchen Eskapaden den Straßenverlauf gut kennen: Die vier Trommelbremsen des Caddy halten nur einen einzigen, harten Stoppversuch durch und legen anschließend, als wären sie in der US-Arbeiter-Gewerkschaft organisiert, eine Erholungspause ein. Die vorderen Scheibenbremsen des Lincoln verzögern dagegen fast schon so brutal, dass vor sich hindösende Passagiere erschreckt hochfahren.
 
Wer ursprünglich in diesen herrlichen Limousinen reiste, weiß Cadillac- und Lincoln-Händler Tom Witzel zu berichten, aus dessen Bestand die beiden unrestaurierten Prachtstücke stammen: "Die konservative Lincoln-Kundschaft repräsentierte in den Sechzigern das alte Geld. Die schicken Cadillac-Modelle waren dagegen mehr bei Aufsteigern aus der Mittelschicht beliebt."

Gemeinsame Wurzeln treffen bei Ford wieder aufeinander

Entsprechend fielen damals die Produktionszahlen zugunsten von Cadillac aus: Mit 1964 insgesamt 152.321 produzierten Einheiten überbot Cadillac seinen Konkurrenten von Ford um knapp das Fünffache. Für beide Modelle galt jedoch: "Die Erstbesitzer gingen sehr pfleglich mit ihren Autos um und fuhren zum Teil damit nur sonntags zur Kirche."
 
Trotz ihrer grundverschiedenen Charaktere haben die Marken Cadillac und Lincoln einen gemeinsamen Gründervater: Henry Marty Leland (1843 bis 1932). Der schmale, unscheinbare, ältere Herr mit hellgrauem Ziegenbart erlernte sein Techniker-Handwerk in der Waffenindustrie und wurde 1902 als Berater bei der Henry Ford Company angestellt. Leland und Ford gereiten jedoch in Streit, weshalb Ford 1902 die Firma verließ, die den neuen Namen Cadillac erhielt.
 
Leland verkaufte 1909 für 5,6 Milliionen Dollar Cadillac an General Motors, blieb aber bis 1917 Vorstand der Luxusmarke. Im August verließ Leland Cadillac, um seine eigene Flugmotoren-Fabrik zu gründen - die Lincoln Motor Company. Nach dem Ersten Weltkrieg stellte Lincoln Luxusautos her, die sich nur schwer verkauften, weshalb die Firma in finanzielle Schwierigkeiten geriet und 1922 von Ford aufgekauft wurde.
 
Ironie des Schicksals: Leland war wieder Angestellter bei Henry Ford - und Lincoln jetzt ein Teil des Ford-Imperiums. Der Technik- und Prestige-Wettlauf zwischen Lincoln und Cadillac nahm seinen Anfang und bescherte uns solche Prachtstücke wie den tannengrünen Continental und den himmelblauen Cadillac Series 62. 

Technische Daten
Cadillac Series 62Lincoln Continental Sedan
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe5680 x 2025 x 1440 mm5495 x 1995 x 1377 mm
Hubraum / Motor7025 cm³ / 8-Zylinder7045 cm³ / 8-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit200 km/h195 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h8,5 s
Verbrauch20,0 L/100 km
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