Lotus Evora GTE im Fahrbericht: Stärkster Serien-Lotus aller Zeiten

Lotus Evora GTE

Die Traditionsmarke Lotus biegt nicht nur wieder auf die Rennstrecken dieser Welt ein, sondern will sich mittelfristig auch bei den Straßensportwagen mit Ferrari, Porsche und Co. balgen. Eine exklusive Ausfahrt mit dem 440 PS starken Lotus Evora GTE gibt einen Ausblick auf die Zukunft.

Knalliges T-Shirt: 39 Pfund. Exklusive Lederjacke: 895 Pfund. Darfs noch was anderes sein? Gediegener Trenchcoat, lässige Mütze, trendiges Accessoire? Das reichhaltige Angebot jedenfalls gibt einiges her. Nein, wir surfen nicht bei Ebay, sondern schlendern durch den Lotus-Shop. Schließlich geht die britische Traditionsmarke auch noch unter die Modedesigner.

Ob mit Textil, Formel 1 oder Le Mans: Dany Bahar, 39-jähriger CEO bei Lotus, will die Marke stärken. Auf Hochglanz soll er poliert werden, der etwas verblasste Sportwagenstern von einst, um dann ganz oben am Firmament mit den Größen der Champions League um die Wette zu strahlen.

Lotus Evora GTE hebt sich klar vom Basis-Evora ab

Mit Ferrari zum Beispiel, denen die Briten jedoch frühestens im Sommer 2013 auf Augenhöhe begegnen könnten. Erst die Neukonstruktion des Lotus Esprit hat mit Mittelmotor-V8 das technische Format, um in der Supersportliga mitzumischen. Bis dato wirbelt in Hethel das Personalkarussell, werden Gebäude aufgestockt, nebenbei bestehende Modelle feingeschliffen oder das Baukastenpuzzle in neuen Konstellationen zusammengesteckt.

So befeuert den aktuellen, nun deutlich längeren Lotus Exige S ebenfalls der aufgeladene V6-Motor aus dem Lotus Evora S. Der 350 PS starke 2+2-Sitzer wiederum erhält einen merklichen Qualitätsschub im Innenraum sowie als Variante IPS ein verbessertes, nunmehr akzeptabel schaltendes Automatikgetriebe. Und allen kurzfristigen Modellneuheiten voran stürmt der bislang stärkste Serien-Lotus aller Zeiten, der Lotus Evora GTE .

Schwarz wie die Nacht, macht sich der radikale Lotus Evora GTE auf der hauseigenen Teststrecke breit. Mit wuchtigen Kohlefaserbacken plustert er sich massig auf. Da hat einer Testosteron abgekriegt, aber in höchsten Dosen. Was sich so auswirkt, dass sich der gedrungene Bursche mit seinen neuen Proportionen radikal vom Basis-Evora distanziert. Vorne schiebt sich eine große Unterlippe unter der üppigen Schürze hervor, hinten stützt sich ein charismatischer Flügel auf das dralle Heck. Ein Abziehbild des Le Mans-Renners, auch was die verwendeten Werkstoffe betrifft. "70 Prozent der Karosserie des Lotus Evora GTE bestehen aus kohlefaserverstärktem Kunststoff", verrät Projektleiter Ian Fry.

Jeder Schaltwechsel geht mit einem Kopfnicken einher

Mit insgesamt 100 Kilogramm weniger Gewicht, dafür jeweils rund 100 Millimeter mehr Spurweite als der Evora S zeigt sich der Lotus Evora GTE aufs Wesentliche fokussiert. Außer bei den ebenso wie das Armaturenbrett mit feinem Leder bezogenen, perfekt zupackenden Sitzschalen beherrscht auch innen Kohlefasermaterial die Szenerie - vom nackten Boden über das karge Verlies hinter den Sitzen bis hin zu den Türverkleidungen. Um seine ernsten Absichten zu untermauern, feuert der Lotus Evora GTE gewaltige Auspuffsalven über Norwich. "Noch nicht ganz EU-konform", grinst Ian Fry. Bis zur Markteinführung im Sommer wird er also noch erzogen, ihm ESP und ABS verpasst.

Ein kurzer Zug an der langen Schaltwippe, metallisches Klacken: Kraftschluss. Nicht mit zwei Kupplungen verschliffen, sondern hydraulisch befehligt trommelt das automatisierte Sechsganggetriebe die Zahnräder ineinander. Jeder Schaltwechsel geht mit einem Kopfnicken einher, aus Anerkennung vor dem Kompressor-V6 natürlich ...

Er hat es jedenfalls verdient, denn der ansaug- und auslassseitig nochmals verfeinerte Toyota-Motor im Lotus Evora GTE hat es in sich. Anscheinend bar jeglicher lähmenden, trägen Masse reißt er die Tausender auf der Drehzahlmesserskala mit links nieder, hechtet sich gierig Richtung 7.000, gönnt sich auch kein noch so kleines Päuschen.

Lotus Evora GTE agil wie Wayne Rooney

Ein 3,5-Liter mit Biss - und dem entsprechenden Gegenpol, denn die Bremse des Lotus Evora GTE packt nicht minder vehement zu. Feinfühlig und nachdrücklich lassen sich die großen (vorne 19, hinten 20 Zoll), aber filigran gestalteten Räder verzögern. Geführt werden sie durch längere Querlenker, gehalten durch eine straffe Feder-Dämpfer-Abstimmung.

Daraus ergibt sich ein gelungenes Konstrukt, das dazu führt, dass sich der Lotus Evora GTE so wendig und agil gibt wie Wayne Rooney im gegnerischen Strafraum. Er setzt präzise zum Dribbling an, zieht es geradlinig durch. Die exakte Lenkung gibt so dezidiert Rückmeldung wie ein Rekrut beim ersten Stubenappell. Im Grenzbereich bleibt der Lotus Evora GTE hingegen lange neutral, um dann jedoch mit einem zackig mittelmotortypisch drängenden Heck das Ende der physikalischen Gesetzmäßigkeiten anzukündigen.

Man sollte also fahrerisch durchaus wissen, was man tut, wenn man die hohe Dynamik des radikalen, etwas ruppigen Lotus Evora GTE auslotet. Ansonsten bleibt, sich in Geduld zu üben. Noch ein gutes Jahr lang, bis die von Grund auf neu aufgelegte, wohl reifere Haute Couture der automobilen Lotus-Kollektion hoffentlich Prêt-à-porter ist.

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Jens Dralle

Autor:

auto motor und sport, Heft 03 / 2012

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